Das Victoria & Albert Museum kaufte kürzlich einen ganzen Wohnungs-Abschnitt aus der zwischen 1968 und 1972 entstandenen, einst berühmten und dann als unbewohnbar betrachteten Londoner Siedlung Robin Hood Gardens, die derzeit abgerissen wird. Die Bochumer Ruhr-Universität, jahrzehntelang als lernfeindliches Monster verunglimpft, wird teilweise sorgfältig restauriert.

Brutalismus in Berlin

In Berlin wurde 2014 die 1986 eingeweihte Plattenbausiedlung Ernst-Thälmann-Park in Prenzlauer Berg unter Denkmalschutz gestellt, mit all ihren harten Kanten, Betonoberflächen und dem lockeren Städtebau. 2017 folgte als West-Berliner Pendant die noch kraftvoller gestaltete „Schlange“, die terrassenförmig aufgetürmte Autobahnüberbauung in Wilmersdorf. Edle und teure Bücher mit Fotos von monumentalen Betonbauten verkaufen sich glänzend. Betonkirchen wie die Kreuzberger St. Agnes-Kirche finden neue Nutzer, werden oft aber auch eisern von ihren Gemeinden gegen abrisswillige Obere verteidigt.

Kurz: Nach den Nierentisch-Fünfzigern und dem International Style der 1960er erlebt nun der Brutalismus der 1960er bis 1980er-Jahre seine Rehabilitation – und wenn man sich so manchen neuen Bau etwa des Berliner Architekten Arno Brandlhuber ansieht, sogar eine ästhetische Renaissance. Wie weit inzwischen die Begeisterung reicht, zeigt auch die hervorragende Ausstellung des Deutschen Architekturmuseums und der Stiftung Wüstenrot in Frankfurt/Main über „den“ internationalen Brutalismus in West- und Ost-Europa, Afrika, Asien, Nord- und Südamerika. Sie lehrt vor allem: Sichtbeton ist nicht Sichtbeton, Brutalismus nicht Brutalismus.

Grob, herb, ehrlich

Es handelt sich nämlich um einen Oberbegriff für sehr vielfältige ästhetische Bewegungen, die aber alle meinten, die modernen, industrialisierten Massengesellschaften bräuchten eine möglichst kraftvolle Kunst. Deswegen ist auch das französische „brut“ in brutalisme, zu übersetzen mit „rau“, „grob“, „herb“ oder „ehrlich“, so viel passender als das englische oder deutsche Wort „brutal“ in brutalism oder Brutalismus, dem der Unterton von Gewalt anhängt. Dabei wollten die Architekten jener Jahre die Nutzer ihrer Bauten geistig befreien, zum Sehen bringen, ihnen Sinnlichkeit statt Kommerz-Design anbieten.

Die Rehabilitierung des Brutalismus als sensationell zu bezeichnen, wäre untertrieben. War er doch als „die Moderne“ das Feindbild schlechthin für diejenigen, die seit den 1970er-Jahren eine Renaissance der bürgerlichen Stadt des 19. Jahrhunderts betreiben. Aber nicht nur diese Stadtplaner und Architekten, auch ein breiteres Publikum betrachtet viele „brutalistische“ Bauten als ästhetischen Vandalismus. Und hat es nicht Recht? Auch in den Rettungsaufrufen des Deutschen Architekturmuseum sieht man klotzige Sparkassentürme und gewalttätig in die Altstädte geworfene Verwaltungshäuser.

Aber oft muss man eben auch genau hinsehen, einfach, weil die Bauten so wenig gepflegt sind, weil Beton sich entgegen allen Erwartungen der Zeit als anfällig erwies für Schmutz, Algenbewuchs und sogar Verfall. Erst dann zeigt sich die ästhetische Raffinesse vieler Kirchen, des Klosters La Tourette von Le Corbusier, das als eine Art Gründungsbau des Brutalismus gelten darf. Die  Kölner Universitätsbibliothek ist ein Kunstwerk aus Licht, die Kuben, Spitzen und Rundungen mancher Rathäuser und Kirchen haben bildhauerische Qualität und  gerade der Wohnungsbau glänzte mit einer methodischen Vielfalt, von der heute noch zu lernen ist.

Siedlungen wie Bijlmermeer bei Amsterdam, die Berliner Gropiusstadt und selbst die ersten Projekte in den verachteten Pariser Vorstädten haben gezeigt, dass sich auch das Investment in „brutalistische“ Bauten lohnt. Zumal man damit die Menschen an die Häuser bindet. Sie sind mit diesen Architekturen oft aufgewachsen und sehen den Abriss als Verlust von Erinnerungen.  Es bricht also auch über den Brutalismus ein aus der Denkmalpflegegeschichte  bekannter Generationskonflikt auf: Die Enkel schätzen wieder, was die Großeltern als Avantgarde betrachteten und die Eltern abgelehnten.  Dazu kommt  eine zusätzliche Ebene: Die Architektur der Brutalismen stand auch für ein großes politisches Versprechen, das des sorgenden und liebenden Wohlfahrtsstaats nämlich. Nicht zufällig sind viele berühmten Projekte des Brutalismus Wohnsiedlungen und Bildungsbauten. Die Verachtung für den Brutalismus seit den 1970er-Jahren hat also auch eine politisch-soziale Seite: Seine Bauten wurden verantwortlich gemacht für den Untergang der bürgerlichen, gesitteten, geordneten Gesellschaft – was immer diese gewesen sei.

Doch das große neoliberale Versprechen der 1980er, nach dem die Armen und weniger Reichen davon profitieren würden, wenn den ganz Reichen der Zugriff auf das gesellschaftliche Vermögen gegeben wird, hat sich spätestens mit der Finanzkrise 2008 als haltlos erwiesen. Davon profitiert auch die Sichtbeton-Architektur des Brutalismus. Angesichts der vielen, beim Klopfen hohl klingenden Granitfassaden der gierigen Postmoderne erscheint er nun als das zwar raue, aber eben „ehrliche“ Gegenbild, als die gebaute Erinnerung an den ausgleichenden, sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaat, in dem sozialer Egoismus als degoutant galt.