Bevor wir hier wieder einmal groß über die Eleganz Bryan Ferrys staunen – er könnte vermutlich jeden Lappen gut aussehen lassen. Das weiß man aber nicht genau, denn der Arbeitersohn muss ja seit vielen Jahrzehnten keine Lappen mehr tragen.

Ein bisschen wie eine Peter Stuyvesant-Reklame

Am Freitag zeigte die 71-jährige Blaupause des Popdandys im Tempodrom einmal mehr, dass Stil nicht unbedingt mit Originalität zu tun hat, aber meistens mit Qualitätsbewusstsein. Seine Wirkung verdankt er natürlich ein bisschen dem genetischen Glück, mehr jedoch noch der Sorge um sich und einer gewissen Eitelkeit. Aber vor allem geht es um Haltung. Und so trug Bryan Ferry die Maß-Uniform des älteren Herren von Welt, auch wenn für ganz junge Leute diese Welt vielleicht ein bisschen wie eine Peter Stuyvesant-Reklame wirken mag.

In der ersten Hälfte des Konzerts gab es einen schwarzen Smoking zu weißem Hemd, und nach der längeren Pause den sehr hübschen, geblümten Smoking, den er offenbar sehr mag, weil er ihn seit einigen Jahren vorführt – dabei handelt es sich allerdings auch um ein ganz reizendes und beneidenswertes Stück Garderobe, das ihm so gut steht, wie das melierte Haar mit der ewigen Stirnwelle.

Levels von Eindringlichkeit und Genie

Dass Qualität moderesistent ausfällt, dafür könnte man wiederum die Musik und die höflich fanorientierte Setlist des Abends heranziehen. Ferry schmolz mit seinem anheimelnd dekadenten Ton - der ja interessanterweise zugleich etwas rauchig und ölig klingt - durch wohlbekanntes bis berühmtes Solo-, Roxy Music- und Fremdmaterial. Wobei zwischen seinem schunkligen Solo-Track „Slave to Love“ von 1985 und Roxy Musics immer wieder staunenswertem, gefährlich schillerndem „Love Is the Drug“ gleich ein paar Levels von Eindringlichkeit und Genie liegen.

Andrerseits passte ersteres gut in die Anfangszeit, da Ferry und der Soundmann ohnehin noch den richtigen Tritt finden mussten. Umso smoother glitten hernach die Nummern vorüber, während Bryan Ferry mit Charme und geschmeidigen Knien tänzelte oder sich an einem kleinen Keyboard erholte.

Aus coolen Glamatmosphären in stumpfe, bluesige Rockgefilde

Sinnfällig wurde dabei auch, warum das Konzert trotz des älteren bis alten Materials eigentlich nicht nostalgisch wirkte: Ferry spielte, betont von einer Lichtdramaturgie, die sumpfige Blau-Rot-Lila-Türkis-Töne bevorzugte, einen loungigen, nicht modernen, aber unspektakulär überzeitlich gedachten Rock, dem man anhört, dass er in den Siebzigern bewusst gegen den Mainstream konzipiert war. Sogar die Saxofoneinlagen leuchteten meist ein. Und obwohl kaum jemand so für den angeproggten Siebzigerrock steht wie Ferrys Gitarrist Chris Spedding, war es sein jüngerer Kollege, der die Songs ein ums andere Mal aus coolen Glamatmosphären in stumpfe, bluesige Rockgefilde nudelte.

Andererseits muss ich auch gestehen, dass mir der Abend insgesamt immer umso mehr Freude bereitete, je weniger die neunköpfige Band für sich bleiben musste – sie wirkte dann gern unterkomplex. Wie die Band den Garderobenwechsel des Chefs gestaltete, war in seiner barbluesigen Klischiertheit ausgesprochen öde. Ferry interpretierte indes großartig, weil unterhaltsam glatt, Dylans „Simple Twist of Fate“, Lennons „Jealous Guy“ wurde in der Zugabe ein später, clever selbsterniedrigender Höhepunkt; die Roxy Music-Tracks wie „Virginia Plain“ oder „Avalon“ könnte er wohl auch im Schlaf zu ihrer notwendigen hinterhältigen Zärtlichkeit hochcroonen; und mir fehlte als später Hit nur das giftig abgründige „You Can Dance“, das er 2009 mit DJ Hell eingespielt hat.

Die eigentliche Eleganz Bryan Ferrys

Das Tempodrom schien wesentlich ausverkauft, das Publikum rundum begeistert, und auch dankbar für die Großzügigkeit, mit der Ferry die Fan-Bedürfnisse erfüllte. Schönerweise schien auch er selbst Spaß an seinem feinen Konzert zu haben – auch deswegen brauchte er statt Leutseligkeit nur Gesten. Als er vor der Zugabe noch nicht mal die Bühne richtig verließ, wurde einem klar, dass die eigentliche Eleganz Bryan Ferrys im Zusammenfallen von Umgangsform und Menschlichkeit liegt.