Berlin - Wieviel Oper erträgt die Stadt? Dieser Frage geht die Berliner Autorin Michaela Klingberg in ihrem Buch „Von der Barberina zu Barenboim. 270 Jahre Opernpolitik in Berlin“ nach (Nora Verlag, 316 Seiten, 23 Euro). Sie beantwortet noch 1597 weitere Fragen zu der illustren Vergangenheit und Gegenwart der Berliner Opern und stellt fest: Auch hier wiederholt sich Geschichte. Sie ähnelt sich, und immer geht es darum, wer der Stärkste ist, wer seine sehr persönlichen Machtambitionen zur weiteren Finanzierung der teuren Juwelen am besten durchsetzt. Der Intendant? Der Generalmusikdirektor? Der Politiker?

Ein einziges Déjà-vu

Alles kommt einem bekannt einem vor. Im Jahr 1929 etwa befand die preußische Oberrechnungskammer, dass sich die Stadt Berlin keine drei Opern leisten könne. Jedenfalls keine Spielstätten, die mehr oder weniger gleiche Spielpläne mit den immer gleichen Stücken auswiesen. Schließungspläne wurden diskutiert und die Fusionsszenarien von Staatsoper- und Kroll-Oper durchgerechnet. Das hat die Kroll-Oper nicht überlebt.

1990 dann konnte die alte Diskussion wieder aufgenommen werden. Da hatte Berlin schon wieder drei große Opern angehäuft und stellte nach der Vereinigung der Stadt fest, dass von allem zu viel da war, auch an Opern. Und dass das alles zu viel kostete. Seitdem wird über dieses Zuviel lamentiert mit dem Ergebnis, dass die Stadt in der Opernfrage heute genau da steht, wo sie begonnen hat. Dazwischen wurde schon allerhand ausprobiert, wie dem Zuwenig an Geld und dem Mangel an Besucher-Interesse zu entkommen sei. Konzepte zur Strukturveränderung gab es einige.

Es begann nach der Wende mit dem Nagel-Papier, ging über das Kreise-Papier von Peter Radunski, die Opern-Fusionspläne von Christoph Stölzl bis hin zur Stiftungsidee von Thomas Flierl. Dieser letzte Plan nahm sich fast zehn Jahre Zeit zum Sterben. In seinem Schatten überlebte die Deutsche Oper ihre geplante Schließung 2003, entstanden ein gemeinsames Ballett und zentrale Werkstätten. Aber die eigentliche Idee von Gemeinsamkeit, Spielplanabstimmung und Sparsamkeit, die die ersten beiden Generaldirektoren noch befolgen wollten, die erledigte die Politik. Sie schmiss die Direktoren raus und ersetzte sie durch einen Verwalter, der keine eigenen Entscheidungen mehr trifft. So wurde also das teure Stiftungsdach überflüssig und gehört langsam abgedeckt.

Viel Vergessenes kommt wieder zum Vorschein

Die Politologin Michaela Klingberg, Jahrgang 1973, die als Referentin an der Komischen Oper und bei Senator Thomas Flierl arbeitete, hat das alles mit viel Liebe zum Detail aufgeschrieben. Manches war fast vergessen. Zum Beispiel, dass die erste Fusionsdebatte 2003 durch die Bundespolitik beendet wurde, die der Barenboim’schen Kapelle Extragelder spendierte. Auch der Stiftungsgedanke wurde letztlich absurd, weil der Bund die Staatsoper 2009 abermals mit Extrageld ausstatten ließ.

Wo so stringent Politik gemacht wird, passiert es schon mal, dass man nach 23 Jahren wieder am Anfang steht. Heute kosten die Opern ein Drittel des Berliner Kulturhaushalts, 120 Millionen Euro im Jahr, und ab 2014 sollen es 20 Millionen Euro mehr werden. Die Teuerungsraten für die Sanierung der Staatsoper noch mal extra, versteht sich. Die Diskussion, wie das weitergeht, verlässt uns also nie. Am Donnerstag (17.30 Uhr, Räume der Freien Volksbühne, Ruhrstr. 6) ist es mal wieder so weit. Über die Frage „Wie weiter mit der Stiftung Oper in Berlin“ diskutieren Berliner Politiker aller Fraktionen, darunter auch Kulturstaatssekretär André Schmitz. Das kann nur interessant werden.