Soldaten halten eine Gruppe Zivilisten, vor allem Kinder, Frauen und Alte, in einem riesigen Käfig gefangen. Die Täter haben sich ein besonders barbarisches Verbrechen ausgedacht: Sie verweigern den Gefangenen jegliche Nahrung, damit diese langsam ihre Kräfte, ihren Willen, ihren Verstand verlieren und schließlich völlig ausgezehrt sterben. Die Mörder sind stolz auf ihren effizienten Plan und darauf, dass sie sich noch nicht einmal die Finger schmutzig machen.

Bestialisch? Anfang September 1941 schloss die Wehrmacht den Belagerungsring um Leningrad. Was damit begann, ist eines der grausamsten Kriegsverbrechen, die Blockade von Leningrad. Wobei das Wort „Blockade“ ein Euphemismus für Aushungerung und Mord ist: Zwischen 700 000 und einer Millionen Einwohner der Stadt (die genauen Zahlen sind umstritten) starben bei dieser unvorstellbaren Schandtat, die fast zweieinhalb Jahre andauerte.

Außerhalb des russischen Bewusstseins ist das abscheuliche Verbrechen der Deutschen viel zu wenig bekannt. Jörg Ganzenmüller, der mit „Das belagerte Leningrad 1941-1944“ eine grundlegende Darstellung schuf, spricht von einem „Nebenschauplatz der Erinnerung“. Um so wichtiger, dass der Suhrkamp Verlag nun ein ganz besonderes Buch zu diesem Thema neu auflegt. Das Werk einer Augenzeugin und Literaturwissenschaftlerin, das weit mehr ist als Erinnerung und Dokumentation: die „Aufzeichnungen eines Blockademenschen“ von Lidia Ginsburg.

Die in der zeitlichen und emotionalen Distanz zum Geschehen mehrfach überarbeiteten „Aufzeichnungen“ stellen eine Art soziologische und philosophische Studie über die vom Hungertod bedrohten Menschen einer modernen Großstadt dar. Ginsburg (1902-1990) berichtet vom Sterben, vom Überleben und der conditio humana in der Leningrader Blockade; vielleicht sogar, so Karl Schlögel im Nachwort, über die „Situation von Menschen im Ausnahmezustand überhaupt“.

Sich bewusst zum objektivierenden Blick einer Verhaltensforscherin zwingend, der aber immer wieder durch Empathie und persönliche Erfahrung durchbrochen wird, findet Ginsburg Worte und Bilder für das, was in und mit der Stadt, den Menschen und ihr selbst vorging. Wie es war, die Liebsten und Nächsten ebenso wie fremde Menschen auf der Straße oder im Haus umfallen und sterben zu sehen. Manchmal schnell, was wie ein Trost war, und manchmal allmählich über Wochen und Monate.
Ergänzt wird die Neuauflage durch einen spektakulären Fund aus dem Nachlass der Autorin, der erstmals auf Deutsch erscheint: „Eine Erzählung von Mitleid und Grausamkeit“. Dieser Text ist entstanden während der Blockade 1943, spätestens 1944 und bildet den Ursprung, den Urtext der 1984 in der Sowjetunion erschienen „Aufzeichnungen eines Blockademenschen“. Es handelt sich, dem traurigen Anlass und Grauen zum Trotz, um ein psychologisch-literarisches Meisterstück.

Die „Erzählung von Mitleid und Grausamkeit“ hat die Form eines narrativen Textes, der sich als Fiktion ausgibt, weil die Ereignisse noch zu unmittelbar sind. Weil die Autorin die Konsequenzen des eigenen Handelns nicht immer absehen kann, ihr Mitleid, aber auch die Schuldgefühle, nicht übermächtig werden dürfen. Es gilt, Kraft zu sparen fürs Überleben und zu schreiben, weil die Ereignisse und Empfindungen festgehalten werden müssen.

„Die Tante starb an Auszehrung. Dieses Leben unterlag seiner Verantwortung, er hatte es organisiert und vermochte es nicht zu bewahren. Folglich war dieser Tod seine Schuld, seine Schwäche und Erniedrigung … Doch alles, was geschah, geschah in einer Welt hyperbolischer Wörtlichkeiten. Um ein fremdes Leben zu bewahren, musste man teilen, buchstäblich das letzte Stück Brot teilen. Ein Gramm mehr dorthin – ein Gramm weniger für einen selbst. Jede Kalorie, die dorthin wanderte, verschwand aus seinem Leben. Das war eine exakte Kalkulation.“

Kampf gegen Verrohung

Ein Kammerspiel in der Hölle, ein Drama zwischen Tante und Neffe sehen wir, das in Wirklichkeit die Geschichte von Lidia Ginsburg und ihrer Mutter ist. Die starb während der Blockade an Dystrophie, also infolge des Mangels an Eiweiß, Fett und Kohlehydraten, die letztlich zur Zerstörung des gesamten Organismus führen. Ginsburg hat den körperlichen und geistigen Zerfall ihrer Mutter vom Anfang bis Ende miterlebt.

Auch das soziale Verhalten der Menschen änderte sich grundlegend. Alles, was man im zivilisierten Leben unterdrückte, für sich verarbeitete, entlud sich. Die furchtbarsten Worte wurden geäußert, nicht nur gegenüber Fremden, gerade auch zu den Nächsten: Beleidigungen, Vorwürfe, Verwünschungen. „Invalide, Parasit“, schimpft der selbst vom Hunger ausgezehrte Erzähler seine Tante, weil sie wieder einmal die Schüssel mit Grütze fallen lässt. „Und schließlich überschritt er die Grenze: Anscheinend hat er gesagt: ’Wenn du doch endlich wirklich abtreten würdest; dies Leben ist ja nicht mehr auszuhalten.’“

So kämpften die Menschen nicht nur ums Überleben, sondern auch mit der eigenen Verrohung. Die Liebe, so Ginsburg, verflüchtige sich in solchen Extremsituationen, es bleibe die Bindung, die Verantwortung und „die Qual des Mitleids“. Doch auch die Scham und Reue über das, was gesagt, getan worden war. Und gleichzeitig pochte permanent die irrationale Verschwendung der eigenen Kräfte und Ressourcen im Kopf.

Diese „Aufzeichnungen“ sind ein Buch, das sprachlos macht. Die Mutter von Wladimir Putin übrigens gehörte zu den Eingeschlossenen Leningrads. Während der Vater gegen die Deutschen kämpfte, starb ihr erster Sohn, Putins Bruder, als Kleinkind während der Blockade.

Lidia Ginsburg: Aufzeichnungen eines Blockademenschen. Aus dem Russischen von Christiane Körner. Suhrkamp, Berlin 2014. 242 Seiten, 22,95 Euro