Die Schriftstellerin Annie Ernaux.
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Der allererste Satz dieses Buchs beschreibt einen extremen Akt häuslicher Gewalt: „An einem Junisonntag am frühen Nachmittag wollte mein Vater meine Mutter umbringen.“ Es ist ein eskalierender Ehekrach, überkochende Gereiztheit, eine durchgeknallte Sicherung – der Vater beginnt, „krampfartig zu zittern und zu keuchen“, schreit mit „rauer, fremder Stimme“, schleift die Mutter in die Vorratskammer und greift zur Axt. Als Annie Ernaux, die hier erzählt und damals elf Jahre alt war, zur Hilfe eilt, kippt die Szene in Tränen und Geschrei. Danach wird nie wieder darüber geredet.

Diese unheimliche, lebensgefährliche, unaussprechliche Entgleisung bildet das Gravitationszentrum des schmalen Buches „Die Scham“, in dem Ernaux den Alltag ihrer Familie im Frankreich der frühen 50er-Jahre beschreibt. Ihre Eltern betreiben eine kleine Kneipe in einem Arbeiterviertel, der einzige Kontakt zur „besseren Gesellschaft“ sind Kirche und Gebet. Doch eine Busreise nach Lourdes, die Annie und ihr Vater unternehmen, offenbart die Grenzen dieser Strategie. Sie haben die falsche Kleidung, den falschen Proviant, das falsche Benehmen. „Wir waren eingeschüchtert, erfüllt von einer vagen Angst vor allem.“ Der Vater erzählt vor peinlich berührten Zuhörern unpassende Witze, Annie schämt sich für ihn und genießt dennoch ihr Hotel mit Innentoilette, die es zu Hause nicht gibt.

Ähnlich widersprüchlich fühlt sie sich in ihrer katholischen Privatschule, die ihr später einmal ermöglichen wird, zu studieren, ihr Milieu zu verlassen und Bücher darüber zu schreiben. Neben diesem, dem 1997 in Frankreich erschienenen „Die Scham“, zum Beispiel „Der Platz“ über ihren Vater oder „Eine Frau“ über ihre Mutter. Ernaux erkundet mit großer Umsicht die Auswirkungen ökonomischer, sozialer und kultureller Hierarchien. Sie tut es tastend, fragend, in spröden, detailreichen Beobachtungen und fragilen Erinnerungsfragmenten.

In „Die Scham“ geht es ausdrücklich nicht um die Gefühle, wie sie gut versorgte Mitteleuropäer verspüren, wenn sie angesichts humanitärer Katastrophen betreten ihre eigene Sicherheit oder Tatenlosigkeit reflektieren. Die Scham, über die Ernaux schreibt, ist weder vorübergehender, letztlich wohlfeiler Affekt noch bewusst angenommene Verantwortung, sondern eine sehr persönliche, schmerzhafte, in ihrer Kindheit verankerte „Seinsweise“.

Der Mordversuch auf der ersten Seite des Romans ist nur eine Eskalation einer permanenten Entwertung, die Annie und ihre Familie außerhalb jener Sphäre erleben, die bürgerlich genannt wird, aber viel mehr umreißt: Normalität, Respektabilität und Würde. Jenseits dessen bleibt eine Scham, die wohl selten so genau beschrieben wurde wie hier und die, das sollte beim Lesen und Loben dieses großartigen, keineswegs historischen Buches niemand vergessen, auch heute noch viele Menschen ganz genau kennen.

Annie Ernaux: Die Scham. Aus dem Französischen von Sonja Finck. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 111 S., 18 Euro.