Rasend schnell wurde das Kriegsgrauen zur Normalität: „Ein zerschossenes Haus, wir staunen alle. Doch bald blickt keiner mehr hin, denn, ganze Dörfer verwüstet zu sehen, ist nichts Ungewohntes mehr.“ Das notiert Hermann Christian Kurz am 21. Oktober 1914 in sein Tagebuch. Sein Truppentransport passiert gerade die französische Stadt Maubeuge auf dem Weg an die Front. Der 18-jährige Nürnberger hat sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet. Es ist sein erster Einsatz.

Keine drei Monate ist es zu diesem Zeitpunkt her, dass das deutsche Kaiserreich Frankreich den Krieg erklärt hatte. In diesen wenigen Wochen, in denen bereits Tausende Soldaten getötet oder verstümmelt worden sind, weicht die zwischen Euphorie und überbordendem Nationalstolz schwankende Stimmung im Deutschen Reich zunehmend einer Ernüchterung – vor allem unter den Männern, die an den sich bereits festfahrenden Fronten im Osten Frankreichs um jeden Hektar verzweifelt kämpfen.

„Verluste fortgesetzt bedeutend. Dabei kein Vorwärtskommen.“ Das notierte, soldatisch knapp, fast zur gleichen Zeit Oberleutnant Richard Piltz. Der Ingenieur und Familienvater aus Bitterfeld liegt mit seinen Männern in einem Waldstück nahe Verdun seit Tagen unter französischem Beschuss.

Unter Dauerbeschuss

Das sind zwei Zeitzeugen von insgesamt 37, die in dem Buch „Verborgene Chronik 1914“ zu Wort kommen. Die Autoren Lisbeth Exner und Herbert Kapfer haben die Auswahl aus rund zweihundert persönlichen Aufzeichnungen getroffen, die im Deutschen Tagebucharchiv im baden-württembergischen Emmendingen erhalten sind. Ob Militärarzt, Infanterist, Ehefrau eines Offiziers, Vater eines Soldaten, Schwester eines Kriegsfreiwilligen oder Kriegsgefangener in Ostsibirien – die Schreiber kommen aus allen Schichten und allen Teilen des Deutschen Reichs, erleben den Krieg an der Front oder in der Sicherheit deutscher Städte.

Für fast jeden Tag zwischen dem 27. Juli 1914 – ein Tag vor der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien – und dem 1. Januar 1915 zitieren die Autoren die handgeschriebenen Originale. Es ist eine chronologische Rekonstruktion des individuellen Alltags. So entsteht eine subjektive Collage des Krieges von der West- bis weit über die Ostfront hinaus, die den Leser nach anfänglicher Mühe, Namen und Orte zu sortieren, bald in ihren Bann schlägt.

„Das war etwas! Unbeschreiblich! Punkt 6 Uhr hörten wir Hurras vo allen seiten und brüllten fest mit, um uns darauf sogort zu verkriechen, denn die Hölle war losgelassen.“, schrieb Hermann Christian Kurz am 7. November 1914 in der Schlacht bei Dompierre. Die Unmittelbarkeit des persönlichen Erlebens ermöglicht ein tieferes Verständnis für das Denken Einzelner in dieser Zeit. Eindrücke, die haften bleiben und nicht so leicht ins Vergessen gleiten wie Orte, Zahlen, Daten. Die persönlichen Notizen waren nicht zur Veröffentlichung gedacht. Die Schreiber wollten vielmehr Eindrücke festhalten, die sie mit anderen vielleicht nicht teilen mochten oder die sie aus Angst, das Unbegreifliche zu vergessen, notieren ließen. Es ist keine sentimental-gefühlige Auswahl, die Lisbeth Exner und Herbert Kapfer treffen. Die Autoren konzentrieren sich auf Themen wie die Versorgungslage, die Zumutungen des Frontlebens oder die sich wandelnde Stimmung angesichts des nicht so rasch wie erwartet beendeten Krieges.

Mal wieder nichts zu essen

Die Versorgung der Soldaten etwa ist von Anfang an miserabel. „Zu essen gab’s zur Abwechslung mal wieder nichts“, schreibt Willy Straub bereits Ende August von der Front im französischen Louppy-sur-Loison. Und das nach Gewaltmärschen und Gefechten, die meist vor Sonnenaufgang beginnen und weit in die Nacht andauern, bis die Soldaten sich irgendwo unter freiem Himmel ins Gras fallen lassen.

Ein besonderes Verdienst des Buches ist, dass es den Blick auch auf den weitgehend unbekannten Krieg im Osten lenkt. Vielleicht sagt dem einen die für das Deutsche Reich siegreiche Schlacht bei Tannenberg noch etwas oder die Kämpfe in Masuren im ersten Kriegswinter. Darüber hinaus aber gibt es wenig Literatur dazu und auch keine Erinnerungsorte, die mit Gedenkstätten wie Verdun zu vergleichen wären. Die Westfront mit ihren jahrelangen Stellungsgemetzeln steht im Vordergrund. Dabei ließen im Osten kaum weniger Soldaten ihr Leben.

Ein weiterer Punkt wird schon nach wenigen Seiten klar: Warum der Erste Weltkrieg im kollektiven Gedächtnis Frankreichs und Belgiens etwa stärker verankert ist, wo der 11. November, der Tag des Waffenstillstands von Compiègne bis heute ein Feiertag ist. Das liegt schlichtweg daran, dass auf ihrem Staatsgebiet erbittert gekämpft wurde, ihre Landschaften und Orte zerbombt, geplündert, die Bewohner vertrieben oder getötet wurden. Diese Erfahrung blieb der deutschen Zivilbevölkerung bis zum Zweiten Weltkrieg erspart.

Der Verlag preist das Werk als das „Echolot“ des Ersten Weltkriegs an. Damit nimmt er Bezug auf das von Walter Kempowski in einem Vierteljahrhundert zusammengetragene, zehnbändige kollektive Tagebuch des Zweiten Weltkrieges. Dieser Vergleich ist unangebracht, ist Kempowskis „Echolot“ doch eine irrwitzig umfassende Sammlung nicht nur persönlicher Notizen von Zeitzeugen, sondern auch von Rundfunkansprachen, Zeitungsberichten oder politischen Verlautbarungen.

Der Vergleich ist aber auch unnötig. Denn die „Verborgene Chronik“ ist auch in dieser weniger umfassenden Form absolut lesenswert.