Haben Sie schon mal was von Serienmord als Kunstform gehört? Von Killern, die in kulturbehördlich abgestecktem Rahmen meucheln, um Fördertöpfe und Clicks konkurrieren und die Gemeinschaft von Lebensmüden erlösen? In Laurie Pennys Erzählung „Das Tötungsglas“ erzählt uns die begabte Assistentin eines mittelmäßigen Strangulierers von dieser Branche. Sie ist nur ein bisschen fieser als die Massenproduktion kuscheliger Welpenvideos in „Blue Monday“ oder, in noch einer anderen Story, der Callcenter-Arbeitsplatz glattzüngiger Engel und Dämonen. Sie alle stammen aus einem Buch, auf dessen Cover eine Frau prangt, die einen niedlichen nackten Säugling mit einem Schweißgerät bearbeitet, dass die Funken nur so fliegen. Es ist Pennys literarisches Debüt.

Literarur statt Gesellschaftskritik

Bisher ist sievor allem als feministische Bloggerin, Journalistin und Sachbuchautorin bekannt. „Riot, don’t diet“ war ihr Schlachtruf in „Fleischmarkt“, wo sie meinte, dass die Weltwirtschaft zusammenbräche, sobald Frauen ihre Energien nicht länger an Beauty-Industrie, Selbstausbeutung und Haushalt verplemperten. In „Unsagbare Dinge“ verfolgte sie Geschlechter-Hierarchien bis in den letzten Winkel der Arbeitswelt, Netzkultur oder Herzen. Ihre Spezialität ist es, Kompliziertes so zu durchleuchten, dass wirklich alle die Knackpunkte verstehen. Statt sich auf Pro-Contra-Debatten über Pornographie oder Sexarbeit einzulassen, fragt sie bloß, warum erstere nur hierarchisch und retuschiert marktfähig sei und letztere nie als wirklich faires Geschäft. Ihren klaren Blick fürs Wesentliche präsentiert sie in temperamentvollen, oft drastischen Worten. Nicht wenige ihrer Leserinnen fragen sich daher schon länger, wie es wohl wäre, wenn sie mal keine anwendungsorientierte Gesellschaftskritik, sondern Literatur verfassen würde.

Genau das hat sie nun getan, der Band mit zehn Geschichten zeigt: Ja, sie kann erzählen, und wie! Ihre Storys entführen uns in Welten, in denen Schülerinnen ohne Bestnoten in giftigen Polymerfabriken landen, Robotikingenieurinnen ihre Babys selbst zusammenschrauben, Engel das Flehen der Menschen abwimmeln oder Welpen um die Ecke gebracht werden, sobald sie nicht mehr ganz so knuffig sind und beginnen, einander zu bespringen. Penny bevölkert neoliberale Höllen mit Menschen, Tieren, Irdischen und Außerirdischen. Sie malt ihre Verstrickungen bis ins letzte bizarre Detail, in die letzte zarte Gefühlsverästelung aus und es wirkt so, als sei hier eine äußerst lebhafte und ziemlich düstere Fantasie von der Leine gelassen. Manche Settings sind nur ein bisschen irreal, wie die über den Praktikanten, der mit seiner Chefin in einen Strip-Club muss. Andere sind deutlich fantastisch, wie die Geschichte um eine Abschlussprüfung: Sie beginnt wie ein kleines College-Kammerspiel, weitet sich aber zügig zum Sci-Fi-Drama um die Kolonisierung eines Planeten, dessen überaus sympathische Bewohner allerdings kannibalistische Sitten pflegen.

Penny entfaltet ihre Geschichten so entspannt und sachlich, als würden ihre Figuren bloß Kaffee trinken, während sie den Ausknopf ihres Babys drücken, ihre Fangzähne verstecken oder auf der Suche nach rosa-grünen Beruhigungspillen durch apokalyptische Städte irren. Gleichzeitig legt sie den Finger tief in die Wunden, den Zorn und die Verzweiflung, die diese Menschen (und anderen Wesen) nicht spüren sollen. Intensität bricht sich an Kälte und Glätte, ein Callcenter Engel meint dazu: „Wir sind dazu da, die ganze Wut und den ganzen Frust entgegenzunehmen und in beherrschbare Stücke zu zerkleinern. Zornige Menschen kochen über vor Leben, sie wüten und toben. Ich finde sie faszinierend.“ Ja, er liebt die Irdischen und ihre ungebremsten Gefühle und verlässt für sie immer wieder seinen Arbeitsplatz. Seine himmlische Callcenter-Rhetorik trifft auf leidenschaftlich-eigensinnige Ekstasen, das ist ergreifend wie witzig. So hemmungslos emphatisch Penny gerne wird, so gekonnt kriegt sie immer wieder die Kurve, im Kitsch landet sie (fast) nie. Und wenn doch, was soll’s. Das passiert schon mal, wenn eine sich traut, nicht nur radikal, sondern auch sehnsüchtig zu sein.

Zornig witzig und emphatisch

Natürlich korrespondieren ihre Storys mit ihrer Weltsicht und klagen üble Verhältnisse an. Oft geht es um Geschlecht oder andere, an Körper gekoppelte Zuschreibungen, immer um Ausbeutung, Ungerechtigkeit, Gewalt. Sie sind zornig wie alles, was Penny schreibt, aber deutlich mehr als die Illustration einer Kritik.

Mit ihren düsteren bis grellen, lustigen oder tieftraurigen Szenen sprengen Pennys Geschichten jeden biederen Realismus, schwingen in ihrem eigenen, popkulturell geerdeten Takt. Das ist besser als so einiges an etablierter E-Literatur. Ein großes Dankeschön an den Nautilus Verlag und seine Übersetzerin Anne Emmert! Die eine oder andere Geschichte wurde schon veröffentlicht, aber das hier ist das erste Buch voller Penny-Erzählungen weltweit.