Dieses Buch würde man manchmal am liebsten in die Ecke feuern, denn der Soziologe Stephan Lessenich  konfrontiert einen mit Tatsachen, die man gern verdrängt, weil man sein Leben ändern oder wenigstens ein schlechtes Gewissen haben müsste,  wenn man es nicht täte. Denn wir in Deutschland – und zwar auch noch die ärmsten unter uns – leben besser als 85 Prozent der Menschheit. Damit es uns gut geht, muss es den meisten Menschen anderswo schlecht gehen. 

Herr Lessenich, Sie nennen uns –  die reichen Länder im globalen Norden –  eine Externalisierungsgesellschaft. Was ist das?

Externalisierung heißt Auslagerung. Wir sind eine Auslagerungsgesellschaft, weil wir die Kosten  unserer Produktion, unserer Arbeits- und Lebensweise auslagern auf Personen und Weltregionen außerhalb unserer Gesellschaft. Das machen wir schon seit Hunderten von Jahren, in den letzten Jahrzehnten aber verschärft. Wir lagern  Umweltschäden und schlechte Arbeitsbedingungen aus, die anderswo bei der Produktion von Gütern für unseren Bedarf entstehen.  Die erhöhten Lebenschancen hier gehen auf  Kosten von reduzierten Lebenschancen von Menschen anderswo. Wir haben uns aufs Gewinnen spezialisiert und die anderen aufs Verlieren festgelegt. Wir leben auf Kosten Dritter.

Wie ist es uns möglich, diesen unhaltbaren Zustand zu ignorieren?

Wir werden ja nur ab und an damit konfrontiert, wenn es etwa Berichte über sogenannte Umweltkatastrophen andernorts gibt oder über die Bedingungen in der Textilproduktion, wenn dort ab und zu mal eine Produktionsstätte abbrennt oder zusammenstürzt, und dann die Zahl der Toten in unseren Medien   genannt wird. Wir wissen auch einiges etwa über den Abbau seltener Erden in China oder den Sojaanbau in Afrika, bei dem extensiv Pestizide genutzt werden, was zu ökologischen und gesundheitlichen Schäden führt. Aber  wir sind weltgesellschaftlich in einer machtvollen Position. Wir müssen das nicht zur Kenntnis nehmen. Wir können konsumieren,  produzieren,  reisen, uns kleiden, wir können all die Dinge machen, die wir uns im Rahmen unserer finanziellen Ressourcen leisten können, ohne dass wir direkt mit den Folgen konfrontiert werden.

Es wird aber schwieriger, oder?

In der näheren Zukunft wird es tatsächlich schwieriger, das zu ignorieren, was wir anderswo anrichten, Denn die Folgen schlagen zunehmend auf uns zurück, und zwar in physischer, in materieller Form. Wenn man sich die Ursachen für die Fluchtbewegungen  des letzten Jahres ansieht, dann gibt es da  Kriege, aber es gibt eben  auch die Zerstörung von Lebensweisen, die auch  mit unserem Auslagerungshandeln zu tun hat. Wolfgang Schäuble sprach angesichts der Flüchtlinge 2015 von einem „Rendezvous mit der Realität der Globalisierung“. Und dann kommt der Klimawandel näher, wenn auch vorerst noch in milder Form von   außergewöhnlichen Wetterereignissen und nicht von Katastrophen. Die passieren anderswo. 

Die Externalisierung schlägt zurück,  aber wir haben doch eine solch starke   Machtposition, dass wir das Leben auf unserer sicheren Insel nicht aufgeben müssen? 

Tatsächlich beschreiten wir im Moment den Weg der Abschottung. Wir leugnen und reagieren mit Abwehrreflexen. Es ist uns zwar völlig klar, dass unsere wohlstandskapitalistische Lebensweise nicht weltweit verallgemeinerbar ist, dass acht Milliarden Menschen auf dieser Welt nicht so leben können wie wir –  rein aus Ressourcengründen, dass  irgendetwas schrumpfen muss hierzulande, wenn mehr Leute das in Anspruch nehmen wollen. Aber die Leute sagen, warum sollte ich etwas an meinem Leben ändern, wenn es sich aufgrund unserer Machtposition erst einmal so weiterführen lässt. Wir wollen nicht wirklich etwas Grundsätzliches hören, wollen nicht die Systemfrage stellen. Denn das klingt nach Anstrengung und Größenwahn.

Es gibt aber auch Menschen  mit Gerechtigkeitssinn und Umweltbewusstsein, die versuchen, etwas zu tun.

Natürlich. Aber oft gehören  diese Menschen  zu den Besserverdienenden, die zwar versuchen, bewusster zu konsumieren, deren ökologischer Fußabdruck aber trotzdem groß ist. Man kennt das zum Beispiel vom Carsharing. Wenn man mit einem geteilten Auto herumfährt, so denkt man, ist es halb so schlimm, auch mal eine Spritztour ins Grüne zu machen oder einen Kasten Wasser mit dem Auto zu holen. Aber wir lügen uns da etwas in die Tasche, denn auch ein geteiltes Auto ist eine Form der Mobilität, die nicht nachhaltig und nicht zukunftsfähig ist. 

Kann der Einzelne überhaupt etwas ausrichten?

Das kann er oder sie schon.  Und es spricht auch nichts gegen einen bewussteren Konsum. Aber der Strukturwandel wird nicht durch individuelle Konsumentscheidungen oder Konsumverzicht kommen. Es muss strukturelle Anreize für Produktionsformen geben, die wenig Ressourcen verbrauchen,  wenig umweltschädlich sind und wenig auf der  schmutzigen Arbeit dritter beruhen. Das bewirkt man nicht, indem man anders einkauft, sondern indem man es gemeinsam politisch erstreitet.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass die Externalisierungsgesellschaft dem Aufklärungsideal zuwider läuft. Woran machen Sie das fest?

Die Frage  ist doch, ob die Art, wie wir leben, verallgemeinerbar ist. Oder ob  man andere  so leben lässt,  wie man selber nicht leben will. Und genau das tun wir permanent. Denn permanent produzieren wir anderswo Verhältnisse, in denen wir nicht leben wollen würden. Und zwar partout nicht. Bestenfalls reisen wir mal dahin,  sehen uns das an, und denken: Wie schrecklich! In welchem Elend die Leute leben! Und dann fahren wir wieder nach Hause.