Buch „Wunschdenken“: Thilo Sarrazin erklärt fehlende Intelligenz für vererbbar

Das neue Buch ist das alte Buch. Der Klappentext verspricht Sarrazins Auffassungen zu Europa, Währung, Bildung und Einwanderung. Das ist nicht falsch. Aber schon ein Blick ins Register macht klar: Sarrazins wichtigstes Thema ist die Einwanderung. „Bildung“ mit all seinen Substichwörtern wie „Bildungspolitik“, „Bildungssysteme“ usw. kommt 35 mal vor und nur an einer Stelle etwas ausführlicher. „Einwanderung“ ebenfalls 35 mal, aber mit vielen Stellen, an denen sie ausführlich – bis zu 10 Seiten lang – erörtert wird. Daneben aber gibt es noch die Stichwörter „Illegale Einwanderer“, „Einwanderungspolitik“, „Migration“, „Zuwanderung“ usw.

„Einwanderung“ und „Bildung“ hängen für Sarrazin engstens zusammen. „Kognitive Intelligenz“ ist nämlich sehr ungleich verteilt. Nicht nur individuell, sondern auch in gesellschaftlichen Gruppen und – darauf legt Sarrazin besonderen Wert – ebenso unter den verschiedenen Völkern des Erdballs. Wer intellektuell unterversorgt ist, kommt da nur sehr schwer heraus. Kognitive Intelligenz wie auch ihr Fehlen wird nämlich vererbt.

Nichts verhängnisvoller also als der Import minderwertigen – das ist nicht Sarrazins Vokabel – Intelligenzpotentials. Damit mag man dem augenblicklichen Mangel an schlecht qualifizierten Arbeitskräften abhelfen, langfristig aber schädigt man damit nicht nur die Wirtschaftskraft einer Bevölkerung. Es hängt bei der Einwanderung also alles davon ab, genau auf ihre Qualität zu achten.

Einwanderer drücken kognitive Kompetenz Deutschlands

Auf Einwanderung sind die Deutschen, so Sarrazin, allerdings angewiesen, solange sie nicht mehr Kinder auf die Welt bringen. Wenn ich mich nicht irre, hat/hatte Sarrazin drei Geschwister. Er selbst hat nur zwei Söhne. Nicht jedem ist es gegönnt, seinen Einsichten entsprechend zu handeln. Wie geht das ein in die Bezifferung der kognitiven Intelligenz?

Die ist, das ist Sarrazins Hauptsorge beim Thema Immigration, besonders schwach vertreten bei den muslimischen Einwanderern. Die liegen also – so liest Sarrazin die deutschen Sozialstatistiken – nicht nur der deutschen Gesellschaft auf der Tasche, sie drücken auch die kognitive Kompetenz Deutschlands insgesamt. Man kann sich vorstellen – kognitive Intelligenz wird vererbt –, was Mischehen in Sarrazins Augen bewirken.

Je mehr Muslime kommen, desto doofer – nicht Sarrazins Wort – wird Deutschland. Doof fickt bekanntlich gut – so drückt der Absolvent des Gymnasiums Petrinum sich nicht aus –, darum vermehrt sich die Dummheit rasant. Was mag in Thilo Sarrazin vorgehen, wenn er die Traueranzeige zum Tode seiner Mutter liest? Sie ist unterschrieben u.a. von: „Dr. Thilo und Ursula Sarrazin mit Richard und Robert, Beate Sarrazin mit Ruth, Omar, Sana und Karim“?

Sozialdarwinistische Gesellschaftsinterpretation

Die moderne Medizin sorgt in Afrika dafür, so Sarrazin, dass minder intelligente Menschen sich über die Maßen vermehren und so zu einer Bedrohung für die intelligenten – er sagt nicht Rassen – Bevölkerungen Europas werden. Unsere Sozialsysteme stemmen sich gegen die Evolution, hindern die natürliche Auslese. Wir mögen uns das aus allen möglichen Gründen leisten wollen und sollen, aber wir können das nicht ungestraft tun, und wir können es schon gar nicht beliebig ausdehnen.

Die Evolution sorgt dafür, dass die Tüchtigsten überleben, so sieht das Sarrazin. Das ist eine sozialdarwinistische Interpretation. Es sind nicht die Tüchtigsten, die überleben. Es sind die Angepasstesten. Das sind aber auch diejenigen, die, wenn die ökologische Nische, in die sie so wunderbar hineinpassen, sich verändert, am schnellsten wieder verschwinden. Die Artenvielfalt, das Überleben derer also, die nicht Darwins „fittest“ sind, ermöglicht erst die schnelle Anpassung an neue Gegebenheiten.

Thilo Sarrazin versteht sich auf die Kunst, die gröbsten Dummheiten als hart erkämpfte differenzierte Wahrheiten zu verkaufen. Zum Beispiel „kognitive Intelligenz“. Was ist das? Sie ist ein Allgemeinbegriff. Nicht wie Stuhl, sondern wie Möbel. Was Wissenschaftler „kognitive Intelligenz“ nennen, ist ein Gemisch, über dessen Zusammensetzung noch keineswegs Klarheit besteht. Wie wird sie gemessen? Darüber wird heftig gestritten. Es gibt kein Gen „kognitive Intelligenz“.

„Niederländische Türken“ klüger als „deutsche Türken“

Wir wissen, wie prekär unsere kognitive Intelligenz ist. Manche müssen nur Scheinwerfer auf sich gerichtet sehen, und sie verblöden umgehend. Andere blühen in diesem Licht auf. „Kognitive Intelligenz“ ist schon für die Untersuchung beim Einzelnen ein viel zu komplexer, ja unförmiger Begriff, als dass man damit arbeiten könnte. Er lässt sich sinnvoll überhaupt nicht auf ganze Bevölkerungsgruppen, geschweige denn in der fragwürdigen Welt der Völkerpsychologie einsetzen.

Sarrazin selbst weist darauf hin, dass in den von ihm herangezogenen Untersuchungen die kognitive Kompetenz der in den Niederlanden untersuchten Türken deutlich über der ihrer deutschen Kollegen liegt. Er merkt dazu zu Recht an, die Daten der kognitiven Kompetenz hätten also offensichtlich nicht nur etwas mit der Herkunft der Menschen, sondern auch mit dem „Bildungssystem des Aufnahmelandes“ zu tun.

Sarrazin ist ein Besessener. Das macht sein Buch für den von den gleichen Dämonen erfassten Mitmenschen zu einer großartigen Lektüre. Wer andere Dämonen – niemand ist frei davon – fürchtet, fragt sich, warum der Nationalsozialistische Untergrund nicht zu denen gehört, die Deutschland gefährden. Warum kommt das Stichwort „Fremdenfeindlichkeit/-hass“ nur zweimal vor? Warum sieht er Europa nicht davon bedroht?

Das Deutschland, in dem wir heute leben, ist nicht mehr das rassenreine, in dem Thilo Sarrazin und ich aufwuchsen. Kein Grund zur Nostalgie.