Berlin - Thomas Brasch hatte eine außergewöhnliche künstlerische Begabung. Er fasste in seinen Arbeiten die deutsche Zerrissenheit und das persönliche Dilemma eines ungeliebten Kindes. Seine Prosa wie „Vor den Vätern sterben die Söhne“ und „Mädchenmörder Brunke“, seine Gedichte, Filme, Stücke und die Shakespeare-Übersetzungen zeugen von einem besonderen Sprachbewusstsein, von radikaler Sprachausbeutung und einem Bilder-Blick. Jetzt hat seine kleine Schwester ein Buch geschrieben, das heißt „Ab jetzt ist Ruhe. Roman meiner fabelhaften Familie“. Und jeder, der auch nur gehört hat, mit welchem Klang Zeitgenossen seinen Namen bis heute aussprechen, wird darin zuerst Thomas Brasch suchen, der seit November 2001 tot ist.

Das ist die nicht unheikle Voraussetzung für dieses Buch. Marion Brasch, geboren 1961 in Ost-Berlin, wird sich dieser Gefahr bewusst gewesen sein. Sie ist ja nicht dumm. Marion Brasch arbeitet als Radiomoderatorin, spricht immer wieder selbst mit Schriftstellern für die Büchersendung von RadioEins.

Wer das Buch verstehen will und kein Thomas-Brasch-Kenner ist, sollte Folgendes wissen: Der Vater Horst Brasch war ein SED-Funktionär, der es in der DDR bis zum stellvertretenden Kulturminister gebracht hatte. Wegen seiner jüdischen Herkunft war er 1939 vor den Nazis nach Großbritannien geflohen, wo sein erster Sohn Thomas 1945 zur Welt kam. Sein zweiter Sohn Klaus, 1950 in Ost-Berlin geboren, war Schauspieler und starb 1980 nach Alkohol- und Medikamentenmissbrauch. Peter schließlich, Jahrgang 1955, schrieb Hörspiele und Prosa. Er stand als Schriftsteller stets im Schatten des großen Bruders und starb ein halbes Jahr vor ihm.

Marion Brasch nennt in diesem Buch nicht einen Namen. Sie erzählt ihre Geschichte an Fakten entlang und lässt doch alles im Vagen. Sie erwähnt, dass die zwei Brüder schreiben und der eine in Filmen mitspielt. Sie führt Personen ein, als müsste jeder sie kennen, aber sie gibt ihnen nur Decknamen.

Der „stiernackige und rotgesichtige bayerische Ministerpräsident“ ist natürlich Franz Josef Strauß. Thomas Braschs Rede bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises, mit der er sich auch für die Ausbildung an der Filmhochschule der DDR bedankte, ist legendär, auch Strauß’ trockene Reaktion darauf. Der Zigarre rauchende „Dichter mit der weiten Stirn“ kann nur Heiner Müller sein. Die „Schauspielerin mit den tiefen Augen“ ist Katharina Thalbach, Lebensgefährtin von Thomas Brasch über viele Jahre. Und der „Hollywoodstar, den wir alle als Mann in Frauenkleidern in einer Komödie mit Marilyn Monroe kannten“ trifft auf Tony Curtis zu. Wer um die vierzig ist und älter oder sich für die Opposition in der DDR interessiert, bekommt das heraus. Leser mit einem anderen Hintergrund schließt die Autorin aus. Außerdem ist sie inkonsequent: Dass sie vom Klofenster des Künstlerclubs „Die Möwe“ David Bowie hörte, der 1987 am Reichstag spielte, schreibt sie konkret. Im Jahr drauf tritt „der barfüßige Sänger aus Westberlin“ auf, und nur an seiner Liedzeile „Dieses Land ist es nicht!“ können wir Älteren erkennen, dass es sich um Rio Reiser handelt.

Dieses Buch kommt ausdrücklich als Roman und nicht als Autobiografie daher. Die Autorin deutet in ihrem Prolog einen freieren Umgang mit der Wahrheit an, indem sie aus verschiedenen Perspektiven ein Abenteuer von sich als Vierjähriger wiedergibt. Wäre es elegant, spannend, originell, wären die Namen egal. Es könnte wirklich ein Roman sein, den man liest wie die anderen Familiengeschichten aus der DDR, die in den vergangenen Jahren erscheinen sind.

Marion Brasch spielt ständig mit dem Bekannten. Sie gibt ja zu erkennen, wer ihr Vater ist, wer die Brüder sind. Hatte sie Angst vor Gegendarstellungen aus dem Umfeld oder wirklich nur keine Lust zum Recherchieren, wie sie im Interview sagte?

Sie beschreibt das ausschweifende Leben der Brüder und deren Wut auf die Verhältnisse. Nur sie selbst war stets brav. Das möchte man ihr nicht vorwerfen. Die meisten Menschen waren brav in der DDR. Wer nicht mit Sondergenehmigungen in den Westen durfte wie sie, schüttelt sich aber, wenn sie sich schämt für die Leute, die am Tag der Maueröffnung „im Fernsehen vom glücklichsten Tag ihres Lebens sprachen“. Wenn es den Staat so lange gegeben hätte, wie Honecker & Co. es hofften, müsste sie auch noch immer auf die Rente warten, um London oder New York zu sehen.

Marion Brasch, die im Radio jugendlich-munter zu plaudern versteht, hätte für den schriftlichen Ausdruck einen guten Lektor gebraucht. Die Oma „machte ihren Job gut“ und die Kerzen, die den Weihnachtsbaum abfackeln lassen, „erledigen“ ebenfalls „ihren Job“! Der Checkpoint Charlie wird bei ihr mit Ypsilon geschrieben, den Start der „Sesamstraße“ in Deutschland hat sie vorverlegt. Es gibt bemerkenswerte Stellen, die erahnen lassen, was für einen Roman Marion Brasch verschenkt hat – etwa, wenn sie das schwierige Verhältnis zu ihrer Mutter schildert. Manchmal blitzt auch etwas bei der Beschreibung des großen Bruders auf, doch dann verliert sie sich wieder in ihrem Kleinmädchen-Blick auf die großen Brüder.

Als Thomas Brasch in den Westen kam, las ein New Yorker Literaturagent aus dem Klappentext des ersten Buchs, welche Lebenserzählung in ihm stecken musste. Er bot 200.000 Dollar für einen großen Roman. Brasch lehnte ab. Er wollte durch seine Kunst wahrgenommen werden und nicht durch seine Biografie. Glaubt man seinem Freund, dem Dramatiker Klaus Pohl, hat Brasch diese Rigorosität gegen Ende seines Lebens bereut. Pohl brachte im vergangenen Herbst mit „Die Kinder der preußischen Wüste“ einen Schlüsselroman heraus, der die Familiengeschichte mit Thomas Brasch im Zentrum erzählt (Arche Verlag, 496, 24,90 Euro). Dieses Buch hat unnötige Längen, erreicht aber phasenweise eine große Dichte und vermag den Helden in seiner Zerrissenheit zu porträtieren.

Marion Brasch beschreibt in ihrem Roman verstehbar ihren aus der Sehnsucht nach Anerkennung gewachsenen Anpassungsdrang, sie deutet Verletzungen durch mangelnde Liebe an. Sie lässt teilhaben an ihren Begegnungen mit Männern und an ihrem Berufsweg über die Druckerei und die Musik ins Radio. Die oft schludrige, auch naive Sprache steht ihr aber selbst dann im Weg, wenn sie nur von sich erzählt. Einigermaßen deutlich skizziert sie den Vater. Ihre Brüder bleiben nicht viel mehr als Wegmarken.

„Wer in mein Leben will, muss durch mein Zimmer“, heißt ein Gedichtband von Thomas Brasch. Marion Brasch war als kleines Kind in seinem Zimmer. Sie hat dort zu wenig gesehen. Denn der 16 Jahre ältere Bruder zog bald aus. Sein Leben konnte sie mit ihrem Buch nicht fassen.

Marion Brasch: Ab jetzt ist Ruhe. Roman meiner fabelhaften Familie. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2012. 400 S., 19,99 Euro