Die Buchhandlung Hedayat in der Kantstraße
Foto: PersianDutchNetwork / CC BY-SA

BerlinDu wartest an der Ampel. Der Bus M49 entlädt eine Gruppe von Menschen, die einander nicht zu kennen scheinen, vor dem McDonald’s an der Ecke Wilmersdorfer Straße. Sie gehen alle in eine andere, ihre eigene Richtung. Du hast die Grünphase verpasst.

Stell deine Füße auf den Asphalt, der ein Muster hier und ein anderes dort hat, und deine Füße passen genau dazwischen. Und gehorchen sie jetzt? Und wird der Asphalt halten?

Neben dem McDonald’s: ein Best Western Hotel. Kanthotel. Die Überreste einer überfahrenen Taube entpuppen sich als Müll, den du nicht entziffern konntest. Auf das Beste hoffen, das Schlimmste erwarten. Der Aufzugsschacht in der Mitte des Hauses schneidet durch das Gebäude, er etabliert ein Herz aus Glas.

Im jüdischen Adressbuch von 1929 befindet sich hier ein Hotel gleichen Namens, das Kanthotel. Es ist ungefähr zu dieser Zeit, als der Schriftsteller Hedayat aus Teheran über Brüssel nach Berlin kommt. Er schreibt einen Brief aus dem Kanthotel an einen Freund in Hamburg. Schreibt, dass er sich nach Jahren unruhigen Reisens endlich vorstellen könne, sich niederzulassen, hier in der Kantstraße, um einen Buchladen für persische Literatur zu eröffnen, hier auf der Kantstraße.

Doch Hedayat bleibt nicht auf der Kantstraße und eröffnet auch keinen Buchladen. Er begeht am 9. April 1951 Selbstmord in einer kleinen Mietwohnung in der Rue Championnet 37 in Paris, indem er sich vergast. Besorgt um diejenigen, die ihn überleben werden, verschließt er alle Türen und Fenster und legt 100 Francs für seine Bestattungskosten auf den Tisch. Zwei Tage später wird seine Leiche von der Polizei gefunden, dazu eine Notiz: „Ich bin gegangen und habe euch das Herz gebrochen. Das ist alles.“

45 Jahre später wird der Schriftsteller und Herausgeber Abbas Maroufi in Teheran zu Peitschenhieben und Schreibverbot verurteilt. Er hat 24 Stunden Zeit, um aus dem Land zu fliehen. Er flieht als Herausgeber von „Gardun“, einer Zeitschrift, die Rezensionen amerikanischer Bücher enthält, einer Zeitschrift, die sich über die Dogmen der islamischen Revolution hinwegsetzt. Nach seiner Ankunft in Deutschland arbeitet Abbas Maroufi mehrere Jahre als Nachtportier in einem anderen Hotel nördlich von Berlin. Nachdem er etwas Geld gespart hat, beschließt er, eine Buchhandlung zu eröffnen. Da er Hedayats 45 Jahre alten Brief gelesen hat, sucht er nach Räumen, hier auf der Kantstraße.

550 Meter vom Kanthotel entfernt eröffnet er eine Buchhandlung. In Erinnerung an diese Zukunft, die einst im Kanthotel geträumt wurde, nennt er sie: Hedayat. Das Logo des Ladens ist eine Eule, die sich auf Hedayats einflussreichstes Buch, „Die blinde Eule“, bezieht. Er schreibt: „Ich schreibe nur für meinen Schatten, der vor dem Licht an die Wand geworfen wird. Ich muss mich ihm vorstellen.“

Stell deine Füße auf den Asphalt, der ein Muster hier und ein anderes dort hat, und deine Füße passen genau dazwischen. Und gehorchen sie jetzt? Und wird der Asphalt halten?

Unsere Autoren sind Chefredakteure des „Flaneur Magazine“, das sich in jeder Ausgabe einer Straße einer Hauptstadt dieser Welt widmet. www.flaneur-magazine.com

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