Die englische Ausgabe, jedenfalls die, die ich auf meinem E-Reader las, hat kein Glossar. In der deutschen schlage ich nach, was Chhajja (Sims) oder Matka (Topf) oder Tehsiladar (Steuereintreiber) heißt. Aber da sind noch die Namen, die sicher alle auch eine Bedeutung haben.

Arundhati Roys Buch „Das Ministerium des äußersten Glücks“ ist für die, die alles verstehen wollen, unerträglich. Die Namen sind ja nur der Anfang. Dann kommen die Handlungsstränge, über die die Autorin mit niemals endender Lust schlägt. Alles ist verwirrend.

Das beginnt mit der Hauptfigur, die ein Hermaphrodit ist. Sagt man noch so? Ich weiß es nicht. Als die Mutter das Neugeborene betrachtet, freut sie sich: ein Junge. Dann blickt sie näher hin, tastet hinter den kleinen Penis und die Eier und da ist eine Vagina. Was tun?

Arundhati Roy kostet das Fremde aus

In Indien gibt es seit Jahrhunderten eine Kategorie für solche Menschen: Sie sind hijras. Jeder Indienreisende hat sie gesehen, die Männer in Frauengewändern, die tanzend durch die Straßen ziehen, bettelnd und hurend. Man blickt auf sie voller Verachtung, aber man fürchtet sich auch vor ihnen. Die Götter haben sie ausgezeichnet, ihr Fluch könnte Wirkung tun. Die Ambivalenz des Heiligen.

Arundhati Roy kostet das Fremde aus, das für sie so fremd, denkt der deutsche Leser, doch nicht sein kann. Aber in einem Land mit 21 verschiedenen Sprachen als offiziellen Landessprachen, da ist nichts vertraut. Da wird alles zur Kippfigur.

Eine Unsicherheit, die den Ruf nach der starken Hand, nach dem Führer aufkommen lässt, der kleine und große Pogrome anordnet, ja organisiert. Arundhati Roy weiß das alles. Sie war in Gefängnissen und sie war im hohen Norden und im Süden.

Die deutsche Übersetzung hat mehr als 550 Seiten

In einem Interview im Guardian, man kann es auf der Website der Zeitung hören, sagt sie mit einer Stimme, in der sich Jugend und Alter unauflöslich mischen, ihr Buch sei wie eine Stadt und man würde die nicht kennenlernen, wenn man nur die Hauptstraße rauf und runter fährt, man müsse die Nebenstraßen und die Seitengassen auch besuchen, nur so bekomme man eine Ahnung von dem, was diese Stadt wirklich sei.

Die deutsche Übersetzung hat mehr als 550 Seiten und es gibt, ist man versucht übertreibend zu sagen, doppelt so viele Geschichten darin. Aber so übertrieben ist es nicht. Mancher kurze Wortwechsel könnte auf Romanlänge ausgesponnen werden, hätte Arundhati Roy auch nur den Hauch jener bedächtigen Gangart, in der viele bei uns die Handlung ihres Romans in Bewegung setzen.

Manchmal sagt in „Das Ministerium des äußersten Glückes“ jemand nichts und später stellt sich heraus, er hat einen Pogrom überlebt. Über den an anderer Stelle lachend und verzweifelt zugleich geschrieben wird.

Dann schlägt jemand zu

Ich habe das Buch in ein paar schlaflosen Nächten in Berlin Mitte gelesen. Draußen fuhr die S-Bahn vorbei, dahinter die Reichstagskuppel. In dieser Stadt hauste die SS. Aber das ist mehr als ein halbes Jahrhundert her. Wenn ich jetzt hinuntergehe, stehen Stühle und Tische vor den Lokalen, Einwohner und Touristen freuen sich des Sommers.

In Neu Delhi, in Gujarat, in Kaschmir ist es nicht anders. Aber dann schlägt jemand zu. Eine Horde fällt über die Menschen her, beraubt, vergewaltigt und ermordet sie. Ein paar Tage sieht man hier und da noch Blut auf der Straße. Dann ist alles vorbei. Die Menschen gehen wieder ihrer Wege.

Arundhati Roy hat meinen Blick auf die Lokale des Schiffbauerdamms, auf die Spreedampfer verändert. Ihr Indien ist ein Zeitraffer, durch den wir unsere eigene Geschichte genauer erkennen können. So erklärt sich auch das Tempo, mit dem die Szenen wechseln, die Umschwünge, die die Geschichten immer wieder neu antreiben und verschwinden lassen in den nächsten Bewegungen.

Stimmt diese Geschichte oder ist sie erfunden?

Aber Arundhati Roy hat auch Zeit. Natürlich hat sie die. Sie hat sie sich genommen, um diesen rasanten Roman, der ein Füllhorn von Romanen ist, zu schreiben, zwanzig Jahre. Nein, nein, es wird darin nicht dauernd herumgerannt. Das ist keine Verfolgungsjagd wie bei „Matrix“. Es wird meist herumgesessen und geredet.

Es ist eine Welt, in der die Menschen einander erzählen, was ihnen oder anderen passiert ist oder passiert sein soll. Wie man das Geschlecht oft nicht weiß, so weiß man bei anderen nicht die Religion oder die ethnische Zugehörigkeit.

Stimmt diese Geschichte oder ist sie erfunden? Fragt sich der Leser, fragen sich die Zuhörer im Roman. All die Wörter, die man nicht versteht, erzeugen genau jene Verunsicherung, an der wir die Wirklichkeit erkennen. Es sind Wörter verschiedener Sprachen. Manchmal werden sie gebraucht, damit die anderen im Raum nicht mitbekommen, wovon gesprochen wird.

Er bekommt eine romantische, hoffnungsvolle Schönheit

Und doch sind sie alle und wir mit ihnen in diesem einen großen Resonanzraum, in dem wir, wenn wir nur die Geduld haben zuzuhören, nach und nach alles verstehen und am Ende sogar wissen, dass Udaya (Sanskrit) so viel heißt wie Aufgang eines Gestirns und Jabeen (Urdu) so viel wie Stirn. So lesen, hören und sehen wir die letzten Sätze und vor allem den letzten Satz ganz anders.

Er bekommt eine romantische, hoffnungsvolle Schönheit: „Als Miss Udaya Jebeen ,Mummy, Pipi!’ sagte, setzte Anjum sie unter die Straßenlampe. Den Blick auf ihre Mutter gerichtet, pinkelte sie und stand dann auf, um über den nächtlichen Himmel, die Sterne und die eintausend Jahre alte Stadt zu staunen, die sich in der Lache widerspiegelten. Anjum hob sie hoch, küsste sie und ging nach Hause. Als sie dort ankommen, waren sämtliche Lichter gelöscht, und alle schliefen. Alle außer Guih Kyom, der Mistkäfer. Er war hellwach und im Dienst, lag auf dem Rücken, die Beine in die Luft gestreckt, um die Welt zu retten, sollte der Himmel einstürzen. Aber sogar er wusste, dass letztlich alles gut werden würde. Es würde, weil es musste. Weil Miss Jebeen, Miss Udaya Jebeen gekommen war.“ Die Verwandlung von Kafkas „Verwandlung“ durch den Käfer Warum (Kyom).