Die Stadt Nogales gibt es zwei Mal. Ein Nogales liegt im Norden Mexikos, das andere im Süden der USA. Getrennt sind die beiden Städte nicht durch eine Mauer, einen Eisernen Vorhang, aber doch durch einen Zaun. In der nordamerikanischen Stadt sind die Durchschnittseinkommen und die Lebenserwartung höher, Korruption und Verbrechen geringer und der Gesundheitszustand der Bevölkerung, die Straßen, Schulen und Verwaltungseinrichtungen besser. Dabei gleichen sich die geografischen Bedingungen, ist die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung sehr ähnlich. Warum also die massiven Unterschiede?

Es ist die große Stärke und zugleich die große Schwäche von „Warum Nationen scheitern“, dass die Antwort so einfach klingt und wahrscheinlich auch ist. Es sind die politischen und ökonomischen Institutionen, in den USA, in Mexiko, auf der ganzen Welt, die über Wohl und Wehe eines Landes entscheiden. „Warum Nationen scheitern“ ist das neueste große Buch aus der akademischen Welterklärerliga, und seine Autoren, der türkischstämmige Wirtschaftsprofessor Daron Acemoglu vom Technologischen Institut Massachusetts und der amerikanische Politologe James A. Robinson von der Harvard Universität, sind dabei, Superstars ihrer Zunft zu werden. Acemoglu erhielt 2005 die John Bates Clarke Medal, den Preis für herausragende Ökonomen unter 40. Mit dem Gewinn der Medaille geht erfahrungsgemäß die Anwartschaft auf den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften einher.

Welterklärer von den Maya bis zur DDR

Die zentrale These des Parforceritts über Kontinente und durch Jahrhunderte mit vielen Beispielen lautet: Demokratische, die Bevölkerung beteiligende politische und wirtschaftliche Institutionen erzeugen Wohlstand. Regierungen oder Wirtschaftseliten, die ihren Bevölkerungen Ressourcen, Marktzugang, Teilhabe und Bildung vorzuenthalten versuchen, erzeugen Armut, Kriminalität, Niedergang. Diese Theorie wird mit Fleiß und beinahe schwungvoll in immer wieder neuen Anläufen um den Globus gejagt, nach Botswana, Costa Rica, Thailand, ins Russland des 19. Jahrhunderts, das Römische und das Habsburger Reich, zu den Maya, nach Nord- und Südkorea bis in die Bundesrepublik und DDR.

Die schärfste Herausforderung für die These ist China. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, dass China die USA als Wirtschaftsmacht überholt – mit einem autokratischen System, das auf die politische Einbeziehung der Bevölkerung kaum etwas gibt. Chinas Erfolg ruft weltweit Herrscher auf den Plan, die in dem autokratischen Modell ein Vorbild sehen.

Die Autoren aber halten davon nichts: „Fortgesetztes Wachstum bedarf der Innovation, und Innovation kann es nicht ohne kreative Zerstörung geben, bei der das Neue das Alte ersetzt und auch etablierte Machtverhältnisse in der Politik durchmischt werden.“ In der New York Times, hat Acemoglu das Gedankenspiel hinzugefügt, ob man sich einen 20-jährigen Hochschulabbrecher in China vorstellen könne, dem die Gründung eines Unternehmens gestattet werde, das einen ganzen Sektor staatseigener Konzerne in Schwierigkeiten brächte?

Da die Grundaussagen des Buchs so politisch korrekt, unideologisch und plausibel anmuten, lohnt es, sich zu vergegenwärtigen, wie die Frage nach den Entwicklungshemmnissen in der Vergangenheit beantwortet wurde. In den 1960ern galt der Mangel an Kapital und Investitionen als Hauptursache für die Armut in unterentwickelten Ländern.

In der neoliberalen Ära ab den 1980ern wurde hauptsächlich eine falsche, also nicht nach marktwirtschaftlichen Prinzipien ausgerichtete Wirtschaftspolitik verantwortlich gemacht. Dazu gesellte sich noch die kulturalistische Deutung, gehobene Mutmaßungen über Nationalcharaktere und die soziale Tiefenwirkung geteilter Glaubensvorstellungen – eine säkularisierte Reprise von Max Webers „protestantischer Ethik und dem Geist des Kapitalismus.“

Zurück aufs politische Machtspielfeld

Es mag viel politischer und philosophischer Unsinn mit diesen Ansätzen getrieben worden sein. Aber es muss nicht gegen die Arbeit von Acemoglu und Robinson sprechen, wenn man den Erklärungsgehalt älterer Thesen nicht einfach verloren gibt. Auch frühere Stars der Ökonomie beherrschten ihre intellektuellen Instrumente. Passenderweise hat Jared Diamond, Geografie-Professor an der California-Universität in Los Angeles, einer der Vorgänger von Acemoglu und Robinson auf der Welterklärerrangliste, die wichtigsten Einwände gegen das Buch erhoben.

In einem langen Aufsatz in der New York Review of Books präsentierte Diamond noch einmal die stichhaltigsten Beweise aus seinem 2005 mit ähnlich hochtrabenden Besprechungen gefeierten Buch „Kollaps. Warum Nationen überleben oder untergehen“. Diamond hatte gezeigt, wie schlechte Bodenverhältnisse, ein Mangel an befahrbaren Flüssen und tropische Krankheiten Nationen mit den falschen geografischen Voraussetzungen und der falschen kolonialen Vergangenheit seit Jahrhunderten in ihrer ökonomischen Entwicklung beeinträchtigt haben.

Diamond verwirft aber keineswegs die Bedeutung gesunder und anpassungsfähiger politischer Institutionen, wie sie Acemoglu und Robinson herausgearbeitet haben. Vielmehr dürften, so Diamond, beide Ansätze zusammen die beste Antwort auf die Frage geben, was Nationen zu Wohlstand oder Armut führt.

Am Ende aber dürfte diese Frage, bei aller Bedeutung des Buches, weniger ein Erkenntnisproblem sein, als vielmehr zurück auf das politische Machtspielfeld verweisen und die Kämpfe, die dort tagtäglich ausgefochten werden.

Daron Acemoglu und James A. Robinson: Warum Nationen scheitern: Die Ursprünge von Macht, Wohlstand und Armut. Aus dem Engl. von Bernd Rüllkotter. S. Fischer, Frankfurt a. M., 2013, 608 S., 24,99 Euro