Manche Autoren bemühen sich, Sätze von möglichst großer Eleganz zu bauen. Manche arbeiten eher am Schwung, mit dem sie den großen Bogen ihrer Handlung durchmessen. Kafka oder Tolstoi? Nabokov oder Dickens? Stil oder Story? Es besteht kein Zweifel darüber in welche der beiden Kategorien Jonathan Franzen fällt. Vor allem die beiden Erfolgsromane - „Die Korrekturen“ und „Freiheit“ – öffneten weite Panoramen, erhoben den Anspruch, den Geist einer Epoche einzufangen. Und brachten Franzen seinen Ruf als der „große amerikanische Romancier“ ein.

Für viele klang das zu sehr nach der großen, weißen Hoffnung und brachte Franzen in die unbequeme Position des letzten Dinosauriers eines dem Untergang geweihten literarischen Patriarchats. Eine Rolle, in der er sich seltsamerweise wohl zu fühlen schien. Jedenfalls scheute er keine Kontroverse.

Seinen neuesten Roman hat Franzen nun „Purity“ genannt, er ist Anfang der Woche in den USA erschienen, am Freitag erscheint er bereits in deutscher Übersetzung. Allerdings nicht unter dem Titel „Reinheit“, sondern als „Unschuld“. Doch das Wort verliert, egal wie genau man es überträgt, nichts von seiner alttestamentarischen Wucht.

Franzen gelingt ein eigentlich unmögliches Unterfangen

Und so wie Franzen in „Die Korrekturen“ die frivolen Clinton- und in „Freiheit“ die hochgerüsteten Bush-Jahre durchs Brennglas familiär verbundener Protagonisten bündelte, versucht er in „Unschuld“ die auseinanderdriftende Gegenwart mit den erzählerischen Mitteln des 19. Jahrhunderts zu fassen.

Eigentlich ein unmögliches Unterfangen. Aber es ist gelungen. Franzen hat seine gewisse Hüftsteife, das gelegentliche Abdriften in einen manchmal wehmütigen, manchmal priesterlichen Ton, zu großen Teilen abgelegt. Nicht, dass er zu seinem frühen, postmodernen Stil zurückgekehrt wäre. Im Gegenteil. „Unschuld“ kümmert sich noch weniger um stilistische Fragen, ist noch handlungsversessener, als die vorangegangenen Romane.

Ein größenwahnsinniger Whistleblower, ein Mord aus Leidenschaft, eine verschwundene Milliardenerbin, ein entführter thermonuklearer Sprengkopf, jede Menge Oralsex: Das klingt nach Ken Follett. Jetzt wäre wahrscheinlich ein guter Zeitpunkt, um etwas über den Inhalt von „Unschuld“ zu verraten. Wenigstens soviel wie möglich, ohne den Spaß zu verderben. Denn „Unschuld“ macht Spaß. Rasanten, wilden, unreinen Spaß. Das möchte man zu Anfang kaum glauben.

Denn die junge Purity Tyler, den Vornamen hat sie ihrer überspannten Mutter Anabel zu verdanken, gerufen wird sie Pip, scheint kaum zur Protagonistin zu taugen. Sie schafft es so gerade mal, die Zinsen ihrer Studienschulden abzubezahlen, jobbt im Call-Center und lebt in einem besetzten Haus in Oakland, zusammen mit zwei Psychofällen und einem verheirateten Mann, in den sie hoffnungslos verliebt ist.

Wie soll das Erwachsenen-Leben nur beginnen, wenn jeder Weg in einer Sackgasse endet? Doch dann erhält sie einen Praktikumsplatz beim „Sunlight Project“ des sagenumwobenen Whistleblowers Andreas Wolf. Der, geht das Versprechen, könnte ihr auch dabei helfen, den verschwundenen Vater zu finden, über den die Mutter kein Wort verliert.

Wolf ist mit seinen Mitarbeitern in den bolivianischen Dschungel geflüchtet, um der Strafverfolgung in seiner deutschen Heimat zu entgehen. Pip googelt: Der Charismatiker stand „in puncto allgemeine Bewunderung mit Aung San Suu Kyi und Bruce Springsteen auf einer Stufe; die Suche seines Namens in Verbindung mit dem Wort Reinheit ergab eine Viertelmillion Treffer“.

Die DDR als Republik des schlechten Geschmacks

Die Reinheit des Wolfes befleckt Franzen gleich im nächsten Kapitel. Beschreibt dessen Aufwachsen in der „Republik des schlechten Geschmacks“, sprich DDR. Wolf ist der Sohn eines Mitglieds im ZK der SED und einer systemkonformen Shakespeare-Forscherin.

Doch die übermächtigen Eltern haben sich längst vom unbeherrschbaren Kind losgesagt, und so erlebt der junge Hamlet-Wiedergänger die letzten Jahre des dahinfaulenden Staates im Keller einer Dissidenten-Kirche. Dort kümmert er sich um gefährdete Jugendliche. Und wenn die weiblich und über 16 Jahre alt sind, kümmert er sich ein wenig mehr. Noch so ein Sackgassen-Leben. Bis Andreas sich verliebt. In die wunderschöne 15-jährige Annagret, die von ihrem Stasi-Stiefvater missbraucht wird.

Den er, Andreas, zur elterlichen Datsche lockt und mit einer Schaufel erschlägt. Ein Mord, der ihn schließlich an die Spitze einer internationalen Enthüllungsplattform katapultieren wird. „Unschuld“ ist vollgepfropft mit solchen Ironien, die noch bis zur letzten Seite aus immer neuen Richtungen aufblitzen.

Die Vergangenheit als beschämendes Dokument der Hörigkeit

Auch der, dass das Internet für Andreas zur neuen DDR wird: „Man konnte mit dem System kooperieren oder es ablehnen, aber was überhaupt nicht möglich war, ganz gleich, ob man ein sicheres angenehmes Leben genoss oder im Gefängnis saß, war, gar nicht mit ihm in Beziehung zu treten. Die Antwort auf jede Frage, ob groß oder klein, hieß Sozialismus. Ersetzte man Sozialismus durch Netzwerke, hatte man das Internet.“

Dem charismatischen, vielleicht wahnsinnigen Whistleblower Wolf gegenüber steht der gewissenhafte Redakteur Tom Aberant. Aber auch Tom ist keine Inkarnation der Reinheit. Ihm gewährt Franzen als einzigem die Gelegenheit, seine Vergangenheit selbst zu schildern – und das ist ein beschämendes Dokument der Hörigkeit. Auch dieser einmalige Wechsel in die Ich-Form hat handlungsbedingte Gründe. Toms Bekenntnisse entwickeln im Finale noch einiges an Sprengkraft.

Die Familienbande, die Franzens Romanen stets zugrunde lagen, müssen sich hier erst ergeben, seine Protagonisten sind seltsam unbehaust, im Transit. Leila, eine ehrgeizige Investigativ-Journalistin wohnt nominell noch bei ihrem Ehemann, einem querschnittsgelähmten Schriftsteller, eigentlich aber längst mit Tom zusammen.

Der Überblick wird nicht verloren

Auch Pip findet hier zeitweise ein Obdach. Die gewählten und geheimen Verwandtschaften bilden sich erst nach und nach heraus. Doch weder droht der Leser jemals den Überblick zu verlieren, noch ächzt der Roman unter jenen melodramatischen Verstrickungen eines Charles Dickens. Am Ende fragt Pip ihre Mutter, ob sie ihren Spitznamen dem Helden von Dickens „Große Erwartungen“ verdanke (und weshalb in Franzen selbstredend gewählt hat). Nein, es sei nur eine Kindergarten-Verballhornung gewesen.

Purity ist übrigens die einzige, die in „Unschuld“ keinen Gedanken an ihre Reinheit verschwendet. Auch sie manipuliert, aber ohne Arglist, auch sie droht dem diabolischen Charme von Andreas Wolf zu erliegen, fängt sich aber im letzten Augenblick. Und ihre Haltungen zu Geld und Internet sind von Pragmatismus geprägt. Sie ist gegen die Anfeindungen der Gegenwart besser gewappnet als ihr Autor.