„Sie hören“, sagt sachlich ein Mann, „Die Judenbuche von Annette von Droste Hülshoff.“ Ein Fundstück, zufällig in die Hand bekommen, Weltliteratur, schändlicherweise nie gelesen, man könnte ja testen, ob einem das heute noch etwas sagt. Und dann entfaltet sich die Stimme von Tatja Seibt, legt einem die mitreißende Geschichte ins Ohr, der Kuchenteig unter den Händen der Hörerin wird immer fluffiger, die Erdbeeren ordnen sich danach in schönstem Muster.

Nach zwei Stunden ist auch die Küche blitzblank, die Gäste können zur Feier kommen. Hörbücher werten uninteressante Tätigkeiten ungemein auf. Sie geben dem Text durch die Sprecherstimme bereits eine Interpretation, sie gestatten beim Laufen im Park oder beim Autofahren zu lesen, geben lesefaulen Kindern einen Zugang zu Literatur und erhalten ihn auch jenen Menschen, denen die Gesundheit das Lesen verwehrt.

Seit Jahren steigt die Zahl der Downloads von Hörbüchern, etwa über Audible, Amazon und Spotify. Doch was die Branche vor allem erstaunt, ist, dass nach einer Umsatzdelle um 2010 herum auch die Beliebtheit von Hörbüchern auf CD wieder steigt. 2014 wurden in Deutschland 14,3 Millionen CDs verkauft, meldet GfK Entertainment; ein Rekord in diesen Zeiten des Streamings. Achtzig Prozent aller Hörbücher werden hierzulande in physischer Form gekauft, 20 Prozent in digitaler.

Geschrumpfter Harry Potter

Der Anteil der Hörbücher am Buchmarkt lag im vergangenen Jahr bei 4,2 Prozent. Gekauft wird noch fast jedes dritte direkt im Geschäft, wo der Spürsinn des Händlers entscheidet, was wie präsentiert wird. Der Erfolg verdankt sich auch der technischen Entwicklung: Seit man das komprimierte mp3-Format auf CDs bringen kann, sind für dicke Bücher keine dicken Hörbuchblöcke mehr nötig. Vor acht Jahren noch wurde die Komplettlesung von „Harry Potter“ – Rufus Beck mit dramatischer Stimme beim Hörverlag – in 124 Audio-CDs verkauft; übrigens mehr als drei Millionen Mal. Jetzt umfasst die Aufnahme 14 mp3-CDs.

Der Audio-Verlag aus Berlin (DAV) nutzt das Format für eine Klassiker-Edition. „Große Werke. Große Stimmen“ heißt sie, ist jetzt im ersten Schwung von 29 Titeln erschienen und soll auf 100 anwachsen. Auf meistens nur einer CD sind das Aufnahmen von mal nur knapp zwei Stunden wie „Die wunderbaren Jahre“ Reiner Kunzes, mit angenehmem Understatement vorgelesen von Winfried Glatzeder, oder eben „Die Judenbuche“. Die meisten bieten längeren Hörstoff, zweimal Fontane, je um die fünf Stunden: „Grete Minde“, gelesen im gemütlichen Bass des Kurt Böwe, „Mathilde Möhring“ mit der Stimme der Sprecherlegende Gert Westphal.

Frank Arnold hat siebzehn Stunden mit Stendhals „Rot und Schwarz“ im Aufnahmestudio verbracht. Er gehört heute zu den meistgefragten Hörbuchsprechern. Aber auch Christian Brückner ist dabei, die deutsche Stimme von Robert de Niro. Er hat im Medium Hörbuch sein zweites Zuhause gefunden, mit „Parlando“ ein eigenes Label gegründet. Für die DAV-Reihe verwickelt er seine Zuhörer in die Geschichte des „Fräulein von Scuderi“, einen verwinkelt von E.T.A. Hoffmann beschriebenen Kriminalfall. Leider spricht nicht er, sondern die Verlagsstimme in der Einleitung den Namen der alten Pariserin deutsch aus: Fräulein von Skudehri.

Goethe zum Weinen

Der Begriff, was ein Klassiker ist, wird beim Audio-Verlag weit gefasst. Er reicht von Goethe (zum Weinen: „Die Leiden des jungen Werther“) und Johann Karl August Musäus (zum Gruseln: „Die Legenden von Rübezahl“) über Mark Twain und Jules Verne bis in die Gegenwart, mit Günter de Bruyn und Christoph Hein. Ein Klassiker ist auch Werner Bräunigs „Rummelplatz“, der in der DDR nach dem 11. Plenum des ZK der SED 1965 verbotene Roman. 2007 erst konnte er erscheinen, damals auch gleich als Hörbuch, in Kooperation des DAV mit dem RBB in der Zwischenzeit vergriffen. Jörg Gudzuhn liest den Roman mit solcher Kraft und Ausstrahlung, dass man sich darin verlieren kann.

Wie aber kommt es, dass diese neue Reihe neben vielbeschäftigten Schauspielern wie Bibiana Beglau (mal lebhaft und mal überlegt in Christa Wolfs: „Kein Ort. Nirgends“), Thomas Thieme (im Schlendertempo in Seumes „Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“) und Peter Simonischek (erst gelassen, dann drängend in Kafkas „Verwandlung“) auch die Stimmen längst verstorbener Kollegen von ihnen versammelt? Neben Westphal und Böwe hört man den fein artikulierenden Ulrich Mühe (Christoph Hein: „Von allem Anfang an“). Der Verlag durchsuchte für diese Ausgaben die Rundfunkarchive vor allem von NDR, RBB und MDR und förderte so seine sehr breite Auswahl zutage. Es sind fast alles ungekürzte Lesungen des Originalwerks, die nun die Ohren und dann den Kopf mit Literatur ausfüllen. Da können noch viele Feste kommen.