Man hat ihn den „Proust der Plattenbauten“ genannt. Seine monumentale Trilogie „Orbitor“, fast 2000 Seiten stark, ist das exzessivste Romanereignis seit Garcia Márquez’ „Hundert Jahre Einsamkeit“. Nun erhält er für das grenzensprengende Werk den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. Und doch ist Mircea Cartarescu, der 1956 in Bukarest geboren wurde und ebendort lebt, in Wirklichkeit gar kein Autor.

Mit diesem Bekenntnis überrascht er uns im Interview, das wir zusammen mit Jan Cornelius führen, einem deutsch-rumänischen Schriftsteller und Übersetzer. Cartarescu und Cornelius sind befreundet und werfen sich in rumänischer, manchmal auch in französischer Sprache die Bälle zu, die ich zu fangen versuche. „Ich halte mich nicht für einen Autor“, erklärt Cartarescu, „sondern für einen Menschen, der, wie Baudelaire sagte, sein Herz entblößt.“

Mischung aus Originalgenie und träumendem Kind

Diese Aussage möchte man ihm aufs Wort glauben. Denn wo viele Autoren schnell eitel wirken, erscheint Cartarescu wie eine Mischung aus Originalgenie und träumendem Kind, wenn er über sich und die Poesie redet. Bis Ende der Achtzigerjahre hat er ausschließlich Lyrik verfasst. Und auch seine Romane, die er noch mit Stift und Papier schreibt, könnten als rekordverdächtige Langgedichte durchgehen, setzte man sie in Verse.

Cartarescu besteht darauf, dass er als Dichter nicht verschiedene Realitäten zum Ausdruck bringt. „Die Wirklichkeit ist für mich eine untrennbare Mixtur von sinnlichen Daten und Sprache. Beim Schreiben übersetze ich die Welt nicht in Worte, sondern empfange eine Verschmelzung von Bildern, Geräuschen, Vorahnungen und andererseits von kulturellen und linguistischen Daten. In einem einzigen Fluss, der das Blatt überflutet. Ich bin wie ein Jockey, der über dem Pferd schwebt, ohne Sporen und Zügel.“

Sein großes Versepos „Levantul“ (1990), das er für sein bestes Buch hält, gibt es nicht auf Deutsch. Unübersetzbar, sagt Cartarescu. Was wir aber haben, ist atemberaubend. „Nostalgia“ (1993), sein gerühmter erster Roman, und „Travestie“ (1994) nehmen einiges von dem vorweg, was in „Orbitor“ seinen Höhepunkt findet: Ein Erzähler und leidenschaftlicher Träumer taucht immer wieder aufs Neue in die Erinnerung und erfindet sie zugleich. Streift somnambul durch ein sozialistisches wie surrealistisches Bukarest der Sechziger-, Siebziger und Achtzigerjahre bis zur rumänischen Revolution. Er schreibt die Geschichte seiner Familie und seines Landes nieder. Und erkundet dabei sich selbst und die Welt.

„Orbitor“ – bei uns ist die Trilogie in den Bänden „Die Wissenden“, „Der Körper“ und „Die Flügel“ erhältlich – bedeutet im Rumänischen „blendend“. Außerdem weckt der Begriff Assoziationen an das lateinische „orbita“, was „Bahn“ oder „Wagengleis“ bedeuten kann. Und tatsächlich: Gleise, Bahnen und gleißende Ströme führen den Erzähler aus der Vergangenheit wieder in die Gegenwart und weiter in die Zukunft.

Elemente der Neurochemie und Hirnforschung

Dafür hat Cartarescu eine Sprache geschaffen, die Elemente der Neurochemie und Hirnforschung aufgreift, aber auch zahllose literarische, kunsthistorische, religiöse und popkulturelle Verweise. So sind seine Texte erinnerungsgesättigt und ultramodern, voller Sehnsucht und naturwissenschaftlich. Universalpoesie hätten die deutschen Romantiker das genannt, von denen Cartarescu Novalis besonders schätzt. Vielleicht hat ihm dessen Romanfragment „Heinrich von Ofterdingen“ sogar zur Idee der Vermählung von Text und Existenz inspiriert, die Cartarescu „Texistenz“ nennt.

Der Dichter fühlt sich hinein in das Allerkleinste, in Neuronen, Synapsen und Blutbahnen. Und dann weitet er seinen Blick bis ins Gigantische und Kosmische. Halluzinatorische Bilder eines Unter- und Überbewusstseins entstehen so, rauschende Erzählströme und surreale Sprachwelten, die den Leser zwar gewaltig herausfordern, doch mit einer einzigartigen Entgrenzungserfahrung belohnen. „Wittgenstein hatte Recht, als er sagte, dass die Grenzen meiner Sprache die Grenzen meiner Welt seien“, verdeutlicht Cartarescu. „Aber meine Sprachwelt kennt keine Grenzen – oder ich bin noch nicht daran gestoßen.“

Zwischen dem Mikrokosmos und der Galaxie aber steht und wandert der Mensch. Und am packendsten schreibt Cartarescu, wenn sein Icherzähler Mircea durch Bukarest irrlichtert, „diese unglückliche Stadt aus Beton und Rost“. Die traurige Wirklichkeit – Ceaucescu lässt komplette Stadtteile abreißen und wiederaufbauen; die Securitate lauert überall; der Strom wird rationiert und die Regale in den Läden sind leer – gerät ihm dabei zum Fiebertraum. Mircea durchstreift endlose Straßenschluchten, kriecht in Schächte und verfallene Häuser. Dort verfangen wir uns mit ihm in gigantischen Spinnennetzen und treffen auf Alkoholiker mit platzenden Schädeln voller Visionen. Auf Gotteserscheinungen, Bucklige und Frauen mit Schmetterlingsflügeln.

Der Schmetterling bildet die Megametapher der Trilogie. Im Original heißen die Bücher deshalb „Linker Flügel“, „Körper“, „Rechter Flügel“. Mit einem aus der zugefrorenen Donau zum Leben erweckten Riesenschmetterling begann einst die Vorgeschichte von Mirceas Familie, die aus Bulgarien nach Rumänien flüchtete. Motive der Entpuppung und Verwandlung, der im Ärmlichen und Hässlichen verborgenen Schönheit begegnen uns immer wieder.

Gegen Romahasser und Rassisten

Cartarescu, den man gemeinhin für einen Antirealisten hält, hat in den letzten Jahren viele Beiträge geschrieben, in denen er klar gegen die Romahasser und Rassisten, gegen die Korruption und die Ewiggestrigen Stellung bezog. Doch auch seine Bücher ignorieren keineswegs die Realität, wie er nicht erst im letzten Teil der Trilogie demonstriert, der auch eine psychedelische Politsatire auf das Ende der kommunistischen Diktatur ist. Im ganzen Roman finden sich zudem kleine Szenen wie die folgende, die auf wundervolle Weise soziale Wirklichkeit und Poesie vereint.

Als die Mutter sich wieder einmal Lockenwickler ins nasse Haar flicht, beginnt Mircea buchstäblich darin zu lesen. Denn die Wickler (auch sie erinnern an Schmetterlinge) sind aus Zeitungsfetzen gemacht. Während man die Blätter „Das freie Rumänien“ und „Die Information“ andernorts zum Hinternabwischen nutzt, putzen sie auch die Frauen heraus. So findet der Junge im Haar der geliebten Mutter Fragmente eines Porträts des Staatsführers und Zeilen über die Kollektivierung der Landwirtschaft.

„Darauf steckte sie den Kopf in den Backofen und harrte in der heißen Luft des Gasbrenners aus, bis das Haar trocknete und sich die Lockenwickler so sehr aufblähten, dass sie fast das ganze Zimmer ausfüllten. Dann war Mutter schön.“