Buchpreis: Deutsch-polnischer Erfolg

Brüssel - Maxim Leo, Reporter und Kolumnist der Berliner Zeitung, ist am Mittwoch in Brüssel mit dem Europäischen Buchpreis ausgezeichnet worden. Der 41-Jährige erhielt die Ehrung für den Roman „Haltet euer Herz bereit“, der die Geschichte seiner Familie vom Zweiten Weltkrieg bis zum Mauerfall erzählt.

Der Preis in der Kategorie Essay ging an die polnische Autorin Anna Bikont. Sie befasst sich in ihrem Werk „Verbrechen und Schweigen“ mit der Erinnerung der modernen polnischen Gesellschaft an ein Massaker an polnischen Juden 1941.

Gastgeber der Preisverleihung gestern Abend im Europäischen Parlament waren EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und die Vorsitzenden der sozialdemokratischen sowie der liberalen Fraktion, Martin Schulz und Guy Verhofstadt.

Über Europa nachdenken

Der Europäische Buchpreis wird seit 2007 jährlich verliehen. Mit ihm werden Autoren geehrt, die in besonderer Weise über Europa nachdenken und deren Bücher dazu beitragen, den Bürgern europäische Themen näherzubringen.

Die Auszeichnung geht auf eine Initiative des ehemaligen EU-Kommissionspräsidenten Jacques Delors zurück, der nach wie vor die Schirmherrschaft innehat. Ausrichter der Preisverleihung sind die Sozialdemokraten im Europäischen Parlament.

Zu den bisherigen Preisträgern gehören unter anderem der inzwischen verstorbene Historiker Tony Judt (Großbritannien), die EU-Abgeordnete Sylvie Goulard (Frankreich) sowie die Autoren Roberto Saviano (Italien) und Sofi Oksanen (Finnland).

Der diesjährige Jury-Vorsitzende, der britische Schriftsteller Julian Barnes, würdigte den neuen Preisträger Maxim Leo als einen „unterhaltsamen und klugen Erzähler deutscher Geschichte“. Der Jury gehören zwölf Journalisten aus mehreren europäischen Ländern an, die aus Brüssel über die EU berichten.

Maxim Leos Roman erschien 2009 im Münchener Blessing-Verlag und liegt inzwischen auch als Taschenbuch-Ausgabe vor. Im vergangenen Jahr erschien überdies eine französische Übersetzung unter dem Titel „Histoire d’un Allemand de l’Est“.

Leo wurde 1970 in Ost-Berlin geboren. Er studierte Politik in Berlin und Paris und arbeitet seit 1997 bei der Berliner Zeitung. Er ist Träger des Deutsch-Französischen Journalistenpreises sowie des Theodor-Wolff-Preises. Den Lesern der Berliner Zeitung ist er unter anderem durch die Kolumne „Leo & Gutsch“ bekannt, in der er im wöchentlichen Wechsel mit Jochen-Martin Gutsch über das Leben als Mann schreibt.

Die diesjährige Preisträgerin in der Kategorie Essay, Anna Bikont, ist ebenfalls Journalistin. Im Jahr 1989 gehörte sie zu den Mitbegründern der ersten freien Zeitung im demokratischen Polen, Gazeta Wyborca. Dort arbeitet sie heute als Reporterin.

In ihrem Buch „Verbrechen und Schweigen“ beleuchtet sie die Hintergründe des Massakers an den jüdischen Bewohnern des Ortes Jedwabne im östlichen Polen, bei dem mehrere Hundert Menschen ums Leben kamen. Die kommunistische Propaganda stellte die Vorgänge jahrzehntelang als Werk der Nazis dar. Inzwischen ist jedoch bekannt, dass polnische Mitbürger für das Verbrechen verantwortlich waren. Anna Bikont geht der Frage nach, was diese Erkenntnis für das kollektive Gedächtnis und die Selbstwahrnehmung der heutigen polnischen Gesellschaft bedeutet.

Das Buch: Frieden im Kampf

Unsere Familie war wie eine kleine DDR“. Das ist der Schlüsselsatz in Maxim Leos Familiengeschichte, die er unter dem Titel „Haltet Euer Herz bereit“ aufgeschrieben hat. Viel vom Großen findet sich hier tatsächlich im Kleinen wieder. In der Familie Leo wird oft gestritten; der Vater Wolf Leo, ein Künstler, hadert mit der Enge, Unfreiheit und Biederkeit des Staates, während Mutter Annette, eine Historikerin, trotz vieler Zweifel im Streit immer die Partei des Staates ergreift. Fünf Jahre nach der Trennung der Eltern und achtzehn Jahre nach dem Ende der DDR macht sich Sohn Maxim daran, den Druck zu erforschen, der auf seiner Familie lag.

Maxim Leo stellt im Schutze dieses gleichsam professionellen Vorhabens den Eltern bohrende Fragen nach Gehorsam, Verschweigen, Angst, Lebenslust und Resignation. Und er erforscht die Vorgeschichten seiner Großeltern, von denen einer, der Journalist Gerhard Leo, zeitweilig Frankreich-Korrespondent des Neuen Deutschland, große öffentliche Verehrung genoss. Gerhard, für Schwiegersohn Wolf die Inkarnation des stalinistischen Staatsapparates, entstammt einer wohlhabenden jüdischen Rechtsanwaltsfamilie. Als junger, überraschend zart aussehender Mann, kämpft er in der französischen Resistance. Er wird von der SS gefoltert, kann fliehen und kehrt in der Uniform eines französischen Soldaten nach Deutschland zurück. Gerhard Leo bleibt in der DDR ein überzeugter, aufrechter Kommunist, der über viele Widersprüche einfach hinwegschweigt. Mitten im Frieden hält er am Weltbild des Kampfes für die „gemeinsame Sache“ fest.

Und da ist der Großvater väterlicherseits, Werner, Spross einer einfachen Tischlerfamilie, der als kleiner Nazi zur Wehrmacht kommt, als Kriegsgefangener in Frankreich überlebt, und sich auf seine etwas stummere Weise in der DDR an den Wiederaufbau Deutschland macht. Der große Reiz des Buches über die sich erschöpfende Bindungskraft der DDR liegt an der Mischung aus Nüchternheit und Liebe, mit der hier das Ineinander von Privatem und Politischem erkundet wird, in überprüfter Kinderperspektive. Man kann dabei erleben, wie der Autor erwachsen wird. (jae.)

Maxim Leo: Haltet Euer Herz bereit. Eine ostdeutsche Familiengeschichte. Blessing, München 2009, 272 S., 19,95 Euro.