Es ist kurios, dass eine Buchpreisrunde mit einer fußballmetaphernhaltigen Verleihung endet. Aber erst die wichtigen Dinge. Bodo Kirchhoff hat am Montagabend im Kaisersaal des Frankfurter Römers den mit 25.000 Euro dotierten Deutschen Buchpreis zugesprochen bekommen.

Der Deutsche Buchpreis zeichnet den „Besten Roman“ eines Jahrgangs aus, „Widerfahrnis“ ist eine Novelle, aber Kirchhoff mendelte sich beim fortschreitenden großen Lesen zunehmend als Favorit unter den letzten sechs der Nominierten heraus – der vielleicht noch am häufigsten genannte Mitfavorit Thomas Melle hat äußerst gezielt gar keine Fiktion geschrieben, so viel dazu.

Eine Sizilienreise

„Widerfahrnis“ ist ein schmales, gewissermaßen schlankes Buch, in dem konzentriert die spontane Sizilienreise eines Paares geschildert wird, das sich am selben Tag erst in einer schmucken Wohnanlage in Süddeutschland kennengelernt hat.

Der ehemalige Verleger, die ehemalige Hutladenbesitzerin. Es sind schon typische ältere, gebildete Deutsche, die nicht übermäßig viel zu verlieren haben. Lang denkt man auch, sie hätten nicht übermäßig viel zu fürchten. Sie sind in dem Alter, in dem man sich schon wieder treiben lassen kann.

Die Liebe kommt, aber auch die Welt tritt an die beiden heran, wenn sie in Süditalien ein kleines stummes Mädchen kennenlernen, eine Bettlerin, vielleicht ein Flüchtlingskind, niemand scheint es zu vermissen. Sie bilden kurz eine Familie – sagenhaft besitzergreifend die Deutschen –, aber das geht nicht gut.

Interessant, dass dieses kleine Hereinbrechen der außerdeutschen, außereuropäischen Realität „Widerfahrnis“ bereits zum mit Abstand unmittelbar politischsten Titel auf der Shortlist macht (klar, natürlich spielt Politik immer und überall rein, aber es war schon eine privatisierende Runde).

Geehrt, heißt es in der Begründung der Jury, werde „ein vielschichtiger Text, der auf meisterhafte Weise existenzielle Fragen des Privaten und des Politischen miteinander verwebt und den Leser ins Offene entlässt“. Bodo Kirchhoff, der 68-Jährige, der seit mehr als vierzig Jahren in Frankfurt und am Gardasee lebt, war mit seinem großen Roman „Die Liebe in groben Zügen“ schon einmal in Buchpreisnähe – mit „Verlangen und Melancholie“ nicht, ein bisschen verrückt, dass ausgerechnet der ausgewiesene Großromancier mit einem so ökonomischen Text gewann.

Jetzt jedenfalls, muss man sagen, war ihm die Zufriedenheit hinter den noch leicht gespannten Zügen anzumerken, er sei glücklicher, als man es ihm ansehe, erklärte er selbst. „Es ist wunderbar, dass ich hier stehen kann“, so Kirchhoff, in dieser Stadt, in die er einst wegen eines berühmten Verlages gezogen sei, den es nicht mehr gebe (Kirchhoffs Worte!). Ein Spross aber sei noch da, Joachim Unseld, Sohn des einstigen Suhrkamp-Verlegers Siegfried Unseld.

Tatsächlich ist es der zweite Buchpreis in Folge, der ins Rhein-Main-Gebiet geht – 2015 gewann der Offenbacher Frank Witzel –, auch ein doppelter regionaler Triumph: Für den Autor wie für die Frankfurter Verlagsanstalt. Wenn man hinzurechnet, dass Witzel bei Matthes & Seitz erscheint und wie der Frankfurter Schöffling-Verlag bei den Preisen der Leipziger Buchmesse abgeräumt hat, sind es ermutigende Jahre für nominell sehr kleine Verlage.

Ein machtvolles Wort

Seltsamer Titel, „Widerfahrnis“. Das Wort, so Kirchhoff in der längsten und am wenigsten verhedderten Dankesrede bei einem Buchpreis seit Menschengedenken, habe er vor fünf Jahren erstmals gehört. Der Zusammenhang sei gewöhnlich theologisch, auch bei Heidegger finde sich der Begriff, nicht aber im Duden. So habe er das Gefühl gehabt, nun im Besitz eines machtvollen Wortes zu sein, zu dem ihm aber noch jahrelang die Geschichte fehlte.

Erst eine Reise mit einem anderen Manuskript und mit einer Begleiterin, die mit diesem Skript sehr unzufrieden gewesen sei, habe zum jetzigen Text geführt. Kirchhoff im Glück gab noch zu Protokoll, dass es für seinen Gewinn zwei Anzeichen gegeben habe: nämlich den Sieg Eintracht Frankfurts über Leverkusen und das Unentschieden über die Bayern. Zum Schluss also Fußball.