Spätestens seit ihrem Welterfolg, dem 1994 uraufgeführten Theaterstück „Kunst“, demonstriert Yasmina Reza in jedem ihrer Dramen oder Prosastücke aufs Neue ihre Meisterschaft im beiläufigen Aufspüren der meist ebenso trivialen wie kritischen Punkte, an denen Freundschaften, Ehen, Eltern-Kind-Beziehungen zunächst kaum sichtbare Risse offenbaren. Und es dauert dann oft nur ein paar Sätze oder Dialoge, bis die Autorin die Fassade einer vorgeblich heilen Welt mit größter Nonchalance im Abgrund von Lüge und Selbstbetrug versenkt.

Auch ihr neuer Roman „Glücklich die Glücklichen“ kreist um die vielen kleinen Schlachten des Alltags zwischen Paaren und anderen Paarungen, um Illusionen, Wunschbilder, Camouflagen. Dabei schwingt schon im Titel des Buches ein Anklang von Utopie, von Unerreichbarem.

Wie in einem Schnitzler’schen „Reigen“

Achtzehn Protagonisten erzählen kapitelweise eine gerade aktuelle Begebenheit. Auf drei bis vier Buchseiten gelingt es Reza, daraus eine komplexe Lebenssituation entstehen zu lassen, fortgeführt und vertieft dadurch, dass dieselben Personen in unterschiedlichen Konstellationen auch in den anderen Kapiteln wiederkehren. Wie in einem Schnitzler’schen „Reigen“ finden sich Paare, verschränken sich Bekanntschaften und Freunde miteinander.

Odile, die Frau, die im Supermarkt eine slapstikhafte Szene mit ihrem Ehemann Robert um den Erwerb zweier Käse vollführt, taucht später wieder auf als Freundin von Pascale und Lionel, die einen Sohn haben, der sich einbildet, die kanadische Sängerin Celine Dion zu sein, dann als Rechtsanwältin von Asbestgeschädigten, die sich von ihrem Liebhaber zu einer Veranstaltung der Opfervereinigung fahren lässt, und als Tochter von Ernest Blot, einem pensionierten Finanzpolitiker und Bankier. Nach einer Herzoperation ist dessen liebstes Thema sein eigenes Begräbnis, während Tochter und Gattin auf seinen Wunsch, seine Asche im Fluss verstreuen zu lassen, nur genervt und ablehnend reagieren.

Auf Blots Beerdigung hält Jean Ehrenfried, ehemaliger Generaldirektor eines Elektrizitätskonzerns, eine sehr persönliche Rede auf seinen Freund. Davor waren wir ihm schon im Wartezimmer eines Onkologen begegnet, wo er stoisch galant dem Redefluss einer alten Dame über die Malaisen des Lebens standhält, der munter zwischen makaber und drastisch-realistisch oszilliert, und als Freund von Darius Ardashir, einem zwielichtigem Oligarchen und notorischem Frauenheld, der sich bitter darüber beklagt, dass sich seine aristokratische englische Frau mit dem Landschaftsgärtner davon gemacht hat. „Ein Mann braucht einen sicheren Ort, um der Welt gegenübertreten zu können“, ein „Basislager“. Wie unpraktisch, wenn die Gattin plötzlich nicht mehr mitspielt.

Eine Comédie humaine

Der Onkologe steht auf Sex mit afrikanischen Jungs und hat auf seinem Nachttisch die Duineser Elegien von Rilke liegen, die ihm sein Patient Jean Ehrenfried geschenkt hatte. Aber was soll ein Arzt, der unterrichtet, Artikel publiziert, Kongresse besucht, täglich dreißig Patienten betreut, die alle auch noch seine Handynummer besitzen, einer, der täglich dem Tod begegnet, mit Lyrik? „Die Dichter haben keinen Sinn für die Zeit. Diese Leute ziehen einen in eine fruchtlose Melancholie hinein.“

Es ist eine Comédie humaine, die die Pariserin Yasmina Reza hier entwirft, wie immer brillant in Szene gesetzt vom Übersetzer-Duo Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel. Mit der Empfindlichkeit eines Seismographen, witzig, schonungslos, psychologisch versiert, mit lustvollem Sinn für die Sprengkraft von Alltagsbanalitäten spürt sie den Ursachen der oft so schwer überbrückbaren Gegensätze in menschlichen Beziehungen nach. Sie lässt Nichtigkeiten zu schicksalshafter Bedeutung gelangen, verursacht durch Unverständnis, Überdruss und fatale Mechanismen, oder zeigt die plötzliche Klarheit im Erkennen der schäbigen Tristesse eines Seitensprungs.

Zum anderen kreist Reza um die existenziellen Themen von Vergänglichkeit und die Vergeblichkeit des Glücksuchens. In einem ihrer früheren Romane, „Verzweiflung“, lässt sie einen Vater mit größter Verachtung über seinen Sohn sagen, er sei „ein Aktivist des Glücks“. „Glück“, das ist etwas, das für ihn den Gipfel der Abgeschmacktheit darstellt.

Echtes Glück bleibt unerreichbar. So scheint es. Oder doch nicht? Ganz unauffällig hat die Autorin ein Rezept zum Glücklichsein schon am Anfang des Romans eingestreut, einem Kindermund abgehört. Das Geheimnis bestehe demnach darin, „den Anspruch auf Glück auf das Minimum zu reduzieren“. Das hatte schon der griechische Philosoph Diogenes gewusst mit seiner schlichten Bitte an Alexander den Großen: „Geh mir aus der Sonne“. Und warum sollte man sich nicht öfter an die Weisheiten der Alten erinnern?