Nachher zeigt sich, dass auch die 2030er-Jahre inzwischen Vergangenheit sind. Angespannte Zeiten, wie es scheint, ohne dass man aus Sicht von 2020 darüber ernsthaft überrascht wäre. Der nach Unruhen und Finanzkrisen jeweils „wiederhergestellte Konsens“ aber bestand offenbar stets darin, „dass ein radikaler Bruch einzig mehr Gewalt, mehr Waffen, mehr Einschließung bedeuten könnte, aber keinesfalls mehr Freiheit für alle“. Das große Ganze wird hier eher selten und schon gar nicht verbindlich in den Blick genommen. Es ist aber wesentlich für die Grundstimmung, dass die in den Zwanzigern diskutierten diffusen Wünsche nach dem großen Knall, der großen gesellschaftlichen Veränderung vorüber sind.

Roman Ehrlich, 1983 geboren, hat sich in seinem Debüt „Das kalte Jahr“ (2013) und seinem fabelhaften Roman „Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens“ (2017) mit Themen aus dem Science-Fiction- und Horror-nahen Spektrum befasst. Auch „Malé“ bewegt sich am Rande der Genreliteratur, die ironisiert, persifliert und ins Irrwitzige, nämlich auch total Sinnlose getrieben wird, alles Elemente freilich, die diese Literatur schon in sich trägt. Im Kern aber steckt eine selbst auferlegte Resignation der Figuren, die diese zwar vor sich her tragen, an die sie sich jedoch nicht unbedingt halten.

Malé ist die Hauptstadt der Malediven, hier herrschen inzwischen postapokalyptische Zustände. Nach der gewaltsamen Auflösung der Republik kontrollieren Milizen die versinkenden Atolle, auf denen die Ruinen des Tourismus malerische Szenarien schaffen. In immer mehr Straßen steht das Wasser, man muss flexibel bleiben. Eine lose internationale Kolonie Ausgewanderter hat sich dennoch eingerichtet, die unter dem Schutz eines mysteriösen Professors steht. Treffpunkt ist ein Lokal mit dem schiefen literarischen Namen „Blauer Heinrich“.

Neuankömmlingen bleibt nichts anderes übrig, als hier vorstellig zu werden, aber tatsächlich ist es auch nicht Freiheit, die sie suchen. Über Frank, einen von ihnen, sagt ein anderer, er habe gehofft, eine Situation vorzufinden „die so wäre, wie er sich immer das Westberlin aus den achtziger Jahren vorgestellt hat, das ja auch eine Insel gewesen ist, die ein bisschen verloren war, und wo auch nur hingewollt hat, wer schon etwas gesponnen hat und mit der ordentlichen Gesellschaft nicht richtig zurechtgekommen ist“.

Jetzt aber ist Frank, Judy Frank, ein Lyriker, verschwunden. Die Leiche seiner Begleiterin, der Schauspielerin Mona Bauch, ist zwar aufgetaucht, deren Vater jedoch, Elmar Bauch, hat berechtigte Zweifel an der offiziellen Version. Elmar Bauchs Anwesenheit und die der Literaturwissenschaftlerin Frances Ford, die er um Hilfe gebeten hat, verspricht – wie auch die allererste klassische Thrillerszene – in den Anfangsphasen des Buches einen handlungsgetriebenen Plot. Es gibt weitere Tote, weitere Verschwundene, es gibt Mordszenen, in die Ehrlich literarisch stark investiert hat. Dazu kommen wichtige unsinnige Andeutungen wie im schönsten David-Lynch-Film.

Aber das sensationelle Geschehen dient lediglich dazu, Verwirrung zu stiften. Dahinter zeigt sich die Verlorenheit in einer menschenfeindlichen und immer menschenfeindlicher werdenden Umgebung. Die Verwandlung eines sogenannten Urlaubsparadieses in eine Hölle ist das perfekte Schreckensterrain dafür. Die Natur wie der Mensch selbst setzen sich dabei gegen den Menschen zur Wehr. Die Niederländerin Hedi Peck, an die Folgen steigender Meeresspiegel schmerzlich gewöhnt, arbeitet derweil an einem neuen Projekt für eine künstliche Abfallinsel. Die Frauen im Roman sind insgesamt weniger passiv als die Männer, sowohl was den Drogenhandel als auch was Projekte für die Zukunft betrifft. Auch wenn einem schon das Wort Zukunft nicht leicht von der Zunge geht. Für Peck war der Malediventourismus „der maximal widerliche“, „stellvertretend für die Vernichtung des Schönen auf der Welt durch die Ignoranz, die kleingeistige Engstirnigkeit und ängstliche Egozentrik der Menschen, die das Privileg des Reisens für sich in Anspruch nehmen, ohne dabei die Erfahrung der Fremde machen zu wollen“.

Dass die durchaus „gesprochene“ Sprache in „Malé“ gleichwohl künstlich bleibt, gehört zu Ehrlichs durchschaubarer, aber dennoch fesselnder Taktik, die Realität zu unterlaufen. Der Roman selbst ist eine künstliche Insel, und sie schwimmt. Außer dem Tod ist alles Kunst und Künstlichkeit. Erst der herrschende Gleichmut darüber aber verwandelt Ehrlichs Tropen in einen wirklichen Albtraum.

Roman Ehrlich: Malé. Roman. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2020. 288 S., 22 Euro.