Berlin - Lena Dunham tritt in einem grünen Kleidchen auf die Bühne des Deutschen Theaters, die platinblonden kurzen Haare hat sie zu einem winzigen Pferdeschwanz zusammengebunden. Fast ein bisschen schüchtern winkt sie ins Publikum. Der Saal ist fast voll besetzt, der Abend schon seit Monaten ausverkauft und von den hauptsächlich weiblichen Besucherinnen sehnlichst erwartet.

Es ist Lena Dunhams erster Auftritt in Deutschland, im Gespräch mit Christoph Amend, dem Chefredakteur des Zeit-Magazins, stellt sie ihr Buch „Not That Kind Of Girl“ vor, das bereits im Oktober erschienen ist. Im November hätte sie eigentlich hier in Berlin sein sollen, sie musste den Termin jedoch verschieben, sie war krank. Nun sitzt sie in dem schlichten Drehstuhl auf der großen Bühne, schaukelt ein wenig hin und her, schaut sich um und sagt: „Ganz schön glamourös hier.“

Lena Dunham ist erst 28 Jahre alt, wurde aber immerhin vom renommierten Time Magazine zur „coolsten Person“ des Jahres 2013 gewählt. Und 2014 lief auch nicht schlecht für sie. Die breite Masse kennt Dunham vor allem als Autorin, Produzentin und Hauptdarstellerin der Fernsehserie „Girls“, die sich um das Leben von vier jungen New Yorker Frauen in den Mittzwanzigern dreht.

Dunham spielt in der Serie Hannah Horvath, die pummelig ist, sich unvorteilhaft kleidet, trotzdem Sex hat und sich gerne nackt zeigt. Dunham wird oft gefragt, woher sie den Mut zu so viel Nacktheit im Fernsehen nehme, und sie kontert gerne mit der Antwort, dass man den Models im Playboy doch auch nicht zu ihrem Mut gratuliere.

Mit Röllchen und Dellen

Lena Dunham weiß, dass ihre Nacktheit in „Girls“ hauptsächlich deshalb etwas Besonderes ist, weil sie nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht. Im Gegenteil: Die Menschen lieben Dunham, weil sie weit davon entfernt ist, perfekt zu sein. Und sie nehmen ihr deshalb jeden Schritt in Richtung Perfektion übel. Im Januar erschien sie auf dem Cover der Vogue – in retuschierter Version.

Das löste Entsetzen unter ihren Fans aus. Die Unbeugsame hatte ihre Röllchen und Dellen nun doch dem Schönheitsideal geopfert. Als Christoph Amend sie an diesem Sonntagabend darauf anspricht, sagt sie nur: „Es ist doch schön, dass man auf der Vogue auch mal ein Nicht-Model zeigt. Ob retuschiert oder nicht.“ Ähnlich dünn antwortete sie bereits im Januar, zufriedengestellt hat das ihre Fans damals nicht. Doch sie haben ihr diesen Fehltritt auch schnell wieder verziehen. Spätestens seit dem Erscheinen ihres Buches sind die Fans mit Dunham wieder versöhnt.

Witz, Sex, Selbstoffenbarung – all das kommt in dem Buch, einer Mischung aus Autobiografie und Ratgeber, einmal mehr zur Geltung. Und Dunham selbst polarisiert seitdem stärker als je zuvor. Die Kritiker feiern oder zerreißen sie, loben sie als Ikone des Feminismus in den Himmel oder stampfen sie als verwöhnte, egozentrische Göre aus reichem Haushalt in den Boden. Niemand findet Lena Dunham nur „in Ordnung“ – die Leute lieben sie entweder, oder sie hassen sie.

Wie sie so auf der Bühne des Deutschen Theaters sitzt, ihr Tattoo unter den kurzen Ärmelchen des Kleides hervorschaut, sie sich versonnen an den käseweißen Beinen kratzt oder das zu kurze Kleid über ihre Knie zu ziehen versucht, fällt die Vorstellung schwer, irgendjemand könne dieses Mädchen nicht mögen. Sie plaudert sich fröhlich, natürlich und urkomisch durch den Abend, so überhaupt nicht aufgesetzt und vor allem sehr viel weniger roh und explizit, als man das aus Serie und Buch von ihr gewöhnt ist.

Lena Dunham wirkt an diesem Abend wie das Mädchen von nebenan. Als hätte dieses ganz normale Mädchen es mit Glück und Talent quasi über Nacht zum Superstar geschafft. Tatsächlich wuchs Lena Dunham aber unter relativ privilegierten Umständen auf, ist keinesfalls Abbild der durchschnittlichen Mittzwanzigerin. Ihr Vater Carroll Dunham machte sich als zeitgenössischer Maler überdimensionaler Genitalien einen Namen, und ihre Mutter, die Fotografin Laurie Simmons, fotografierte sich in ihrer Jugend fast täglich nackt vor dem Spiegel.

Die Familie gehört zur angesehenen New Yorker Künstlerszene. Lena wuchs in Brooklyn auf, besuchte eine Elite-Mädchenschule und anschließend das liberale Künstlercollege Oberlin in Ohio. Die Eltern ließen der jungen Lena und ihrer Schwester Grace jede Freiheit – Lena selbst sagt über sich, dass ihr das Wort Rebellion fremd sei: „Egal, was ich gemacht habe, meine Eltern fanden alles immer okay. Mein Vater kam sogar mit, als ich das erste Tattoo habe stechen lassen. Das einzige, was ihn wirklich ärgert, ist, wenn ich nicht genug schlafe.“

Sie erzählt jetzt, wie sie sich als Studentin lange gegen jede Konvention wehrte, blauäugig glaubte, sie hätte unglaubliches Talent, und nur darauf wartete, dass jemand erkennen werde, wie fantastisch sie sei. Wie sie nach ihrem College-Abschluss zurück zu ihren Eltern zog, für ein geplantes Jahr, aus dem dann vier wurden, in denen sie sich mit skurrilen Nebenjobs finanzierte. Und wie sie schließlich den Erfolgsweg einschlug, indem sie ihren ersten Kurzfilm „Tiny Furniture“ drehte, der sogar ihr großes Idol, die Drehbuchautorin Nora Ephron, auf sie aufmerksam machte.

Dass ihr das Umfeld und der Status ihrer Eltern den Weg in den Ruhm geebnet haben sollen – diese Kritik lässt Dunham ungern auf sich sitzen. „Niemand gibt dir eine TV-Show wegen deiner Eltern“, sagte sie einmal in einem Interview. Das ist das eine. Das andere, wichtigere: Niemand liebt eine TV-Show oder ein Buch dafür, dass sie von einem Töchterchen aus gutem Hause gemacht werden. „Girls“ und Lena Dunham aber lieben Millionen junger Menschen auf der ganzen Welt.

Im Konflikt mit der Öffentlichkeit

Und das vor allem auch deshalb, weil Hannah eine Vertreterin der sogenannten Generation Y ist – jener Generation von 20- bis 30-Jährigen, denen man häufig nachsagt, dauerunglücklich zu sein und auf den großen Durchbruch zu warten. So auch Hannah. Sie ist arbeitslos und hat eigentlich auch keine Lust, ihre wertvolle Lebenszeit mit reinem Broterwerb zu verschwenden. Entweder ganz oder gar nicht, lautet ihr Motto. Wenn keine Karriere als großartige Autorin, dann eben ein armes, aber romantisch-idealistisches Leben auf Existenzminimum.

Hier, sagt Dunham an diesem Sonntagabend und kratzt sich wieder einmal am nackten Bein, liege der größte Unterschied zwischen ihr und ihrer Protagonistin. „Hannah will unbedingt erfolgreich sein“, sagt Dunham, „aber um Erfolg zu haben, muss man erstmal überhaupt irgendetwas arbeiten. Hannah aber hat so viel Angst vor einer Niederlage, dass sie gar nicht erst anfängt.“

Und sie sagt: „Ich habe immer das Gefühl, Hannah ist ein bisschen so wie ich vor zwei Jahren war.“ Auch das stimmt natürlich nicht ganz – alleine schon, weil Dunham ihre Hannah auf der sozialen Leiter ein paar Stufen weiter unter sich angesiedelt hat. Doch es reicht ihren Fans, dass Dunham die Probleme verstanden hat, die entstehen, wenn man in einer wohlbehüteten Welt aufwächst und die größte Herausforderung die eigene Selbstverwirklichung ist. Dass die Angst davor zu versagen den ganzen Weg blockieren kann. Dunham nimmt diese Probleme ernst, aber nicht zu sehr.

Die Dinge zu reflektieren, hat Lena Dunham früh gelernt. Seit ihrer Kindheit leidet sie unter diffusen Angstzuständen, Hypochondrie und Zwangsstörungen. Dass sie dies alles der Öffentlichkeit preisgegeben hat, war ein mutiger Schritt. Aber es war auch Teil des Gesamtkonzepts – Lena Dunham, die scheinbar mit jedem Detail ihres Lebens an die Öffentlichkeit prescht.

Frei nach dem Motto: Sage allen alles, dann kann dir auch niemand etwas anhaben. Das wird in einer Gesellschaft, in der durch das Internet ein neuer Konflikt um Privatheit und Öffentlichkeit entstanden ist, herzlich begrüßt. Lena Dunham setzt jeden Kritiker außer Gefecht, weil sie alles, was man ihr vorwerfen könnte, meist einfach schon selbst ironisch karikiert hat.

Im November jedoch erklomm die Kritik an ihr eine neue Stufe: Das konservative US-Internetblog Truth Revolt behauptete, Dunham habe ihre Schwester als Kleinkind sexuell missbraucht. Der Vorwurf beruhte auf einer Stelle in ihrem Buch, in der Dunham schildert, wie sie als Siebenjährige die Vagina ihrer kleinen Schwester betrachtete.

Zwar ist das Onlineportal bekannt für seine konservative, reißerische Hetze gegen liberales Denken, die üble Nachrede traf Dunham trotzdem hart. Auf Twitter schrieb sie damals: „Normalerweise kann ich solchen Kram ignorieren, aber erniedrigt nicht die Leidenden, verdreht nicht meine Worte, lasst mich verdammt noch mal in Ruhe, Brüder.“

Für Hillary Clinton

Sie glaube, sagt Lena Dunham im Deutschen Theater, dass der Hass der Konservativen sich vor allem deshalb an ihr entzünde, weil sie nicht nur Produzentin, Autorin und Schauspielerin sei, sondern sich auch politisch äußere. Sie unterstützt den US-Präsidenten Barack Obama, setzt sich für die Gleichstellung homosexueller Partnerschaften ein und bezieht seit Kurzem deutlich Position gegen Rassismus. Sollte Hillary Clinton als Präsidentschaftskandidatin antreten, will Lena Dunham für sie kämpfen: „Sie will mich vielleicht gar nicht“, sagt sie, „aber dann folge ich ihr eben auf dem Dreirad.“ Dafür erntet Dunham den nächsten Lacher im Saal.

Allzu schwierige Themen meidet Lena Dunham an diesem Abend. Zu einer viel diskutierten Vergewaltigungsszene in ihrem Buch etwa schweigt sie; man muss nicht immer komplizierter sein als nötig. Die Fans nehmen es ihr nicht übel. Es sind fast ausschließlich Frauen im Saal, und es sind keine Mauerblümchen, die dort sitzen, keine Hannahs, sondern selbstbewusste, gebildete und emanzipierte Frauen, die ihr Leben in die Hand nehmen wollen. „Ich bin Feministin“, hat Lena Dunham schon zu Beginn der Veranstaltung gesagt.

Und kurz vor Schluss mahnt sie: „Feminismus heißt nicht, dass ihr eure BHs verbrennen und Männer mit Gabeln erstechen sollt. Aber ich habe das Gefühl, dass Frauen in unserer Gesellschaft lernen, es sei nicht genug Platz für alle von ihnen. Und anstatt sich gegenseitig zu unterstützen, haben sie eher Angst davor, selbst abgedrängt zu werden. Dagegen sollten wir zusammen Hand in Hand vorgehen.“ Das Publikum jubelt. Der Feminismus ist mehr als nur ein Trend, der wieder auflebt, sondern gegenwärtig. Und Lena Dunham ist die Stimme dieser Frauen.