Der Soziologe Heinz Bude lud am Montag zum letzten Teil seiner Gesprächsrunde "Streit ums Politische" ein.
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Berlin-CharlottenburgIn diesem Jahr hat sich einiges verändert. Jetzt, da sich das friedliche Niederreißen der Mauer zum 30. Mal jährte, kamen Probleme auf den Tisch der öffentlichen Debatte, die vorher unters Sofa gekehrt wurden. Lange Zeit wurde davon ausgegangen, dass sich im vereinten Deutschland Ost und West irgendwie angleichen würden. In diesem Jahr wurden so intensiv wie nie zuvor die Fehler der deutschen Einheit besprochen. Am Montag sogar im Studio der Schaubühne, tief in Charlottenburg.

Der Soziologe Heinz Bude hat sich für den vierten und letzten Teil seiner Gesprächsrunde „Streit ums Politische“ in dem Theater Sabine Rennefanz eingeladen, Reporterin der Berliner Zeitung. Er stellte sie am Montagabend vor als die „vermutlich beste Gesprächspartnerin“ zum Thema vor – und das hieß „Einsamkeit im deutschen Osten“. In der Tat hat, Leser dieser Zeitung wissen das, Sabine Rennefanz viel dazu recherchiert. Und so konnte sie im Verlauf des Abends auf Argumente des aus Wuppertal stammenden Soziologen nicht nur mit eigenen Erfahrungen antworten (sie wurde 1974 weit im Osten, in Beeskow, geboren), sondern auch mit Studienergebnissen.

Das Verhältnis zwischen Männern und Frauen 

Im Jahr 2012, berichtete sie, kamen in den ostdeutschen Bundesländern auf 100 potenziell ungebundene Frauen 300 Männer. Und meist haben die Frauen höhere Bildungsabschlüsse als die Männer. Es sind vor allem die jungen Frauen, die sich seit der Vereinigung Richtung Westen aufgemacht haben, um Chancen auf gute Arbeitsplätze zu haben. Dass durch die Aufnahme von Flüchtlingen aus Krisengebieten die Zahl der Männer noch gestiegen sein dürfte, deutete Bude kurz an.

Recht eigentlich ging es um „Einsamkeit“, die als Titel über der Gesprächsreihe stand, in einem weiteren Sinne. Heinz Bude erklärte in seiner Einführung (beide hatten die Gelegenheit zu einem kleinen Vortrag, bevor sie miteinander diskutierten), es spreche einiges dafür, dass das Gebiet „Ostdeutschland“ erst mit der Wende entstanden sei. Es war der Beitritt des Gebietes, das eben noch die DDR war, dann zu fünf neuen Bundesländern wurde, der dort ein Lebensgefühl aufkommen ließ: Hier wird übernommen, was in der alten Bundesrepublik üblich ist.

Der Osten als Sonderfall

Sabine Rennefanz wies darauf hin, wie seit den jüngsten Wahlerfolgen der AfD sich diese Partei als Stimme Ostdeutschlands nicht nur zu verkaufen versucht, sondern im Westen zum Teil auch so wahrgenommen werde. Sie selbst fühle sich, desto stärker als Ostdeutsche, je länger sie im vereinten Land lebe – was weniger mit den Verhältnissen als mit der Debatte darüber zu tun habe. Der Osten werde als Sonderfall betrachtet, nicht als Teil eines Ganzen.

Das Publikum hörte gespannt, hin und wieder beifällig murmelnd zu, stellte später Fragen und scharte sich nach der Verabschiedung noch um die beiden Gesprächspartner. Redebedarf bleibt bestehen.