BerlinErfolgsmeldungen erwartet man dieser Tage nicht aus der Kultur. Kreative aller Branchen leiden unter den Einschränkungen durch die Corona-Pandemie. Auftritte sind unmöglich, Proben deutlich erschwert, das Publikum vereinzelt. Umso erstaunlicher wirkt die Ankündigung einer Verlagsneugründung aus Berlin. Gunnar Cynybulk möchte sich im kommenden Jahr mit neuen Titeln auf den deutschen Buchmarkt begeben. Wir haben ihn zu diesem kühnen Vorhaben befragt. Das Interview entstand sowohl im persönlichen Gespräch als auch per E-Mail.

Berliner Zeitung: Herr Cynybulk, als ich Sie zum ersten Mal zum Interview traf, waren Sie noch nicht lange Verlagsleiter des Aufbau-Verlags, der damals gerade 70 Jahre alt wurde. Und Sie sagten, den Titel „Verleger“ müsse man sich verdienen. Inzwischen ist viel passiert: Sie wechselten als verlegerischer Geschäftsführer zu Ullstein, wo Sie vor anderthalb Jahren wieder weggingen. Nun starten Sie neu und ausdrücklich als Verleger. Wie geht es Ihnen?

Gunnar Cynybulk: Danke, dass Sie fragen, ausgezeichnet. Ich bin gerade fünfzig geworden, da zählen manche schon die Jahre bis zur Rente, ich aber habe Lust, noch mal neu anzufangen, mit einem eigenen Verlag und einem Kreis von Freunden und Förderinnen. Unser Verlag heißt Kanon-Verlag, sitzt in Berlin, und im zweiten Halbjahr 2021 kommt das erste Programm heraus. In der Tat, ich denke, dass „Verlegerin“ oder „Verleger“ zu sein, eine große Herausforderung ist. Als Verleger muss man ausdauernd glauben können. Sie oder er muss an die Kunst der Schriftstellerinnen und die Gunst des Marktes glauben, ohne das eine für das andere zu verraten. Man könnte auch sagen, ein waschechter Verleger hat die Freiheit, zu seinem Geschmack und seinem Wort zu stehen. Und zwar auf eigene Rechnung, auch insofern ist er ein „Gläubiger“. Für mich ist es der schönste Beruf, den ich mir ausdenken kann – wenn das Umfeld stimmt. Wenn es nicht stimmt, muss man es halt selbst schaffen.

Den Kanon kennt man vom Singen. Wir Literaturmenschen denken allerdings sofort an eine Liste oder Gruppe bestimmter Werke, die maßgeblich sind, den Kanon der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts etwa. Blicken Sie in solch eine Richtung?

„Kanon“ ist ursprünglich ein antiker Handwerksbegriff für das rechte Maß, die ideale Proportion eines Kunst- oder Bauwerks. Den vergangenen Sommer konnte ich in Italien verbringen, dort ist mir auch der Name des Verlags eingefallen. Dass Schönheit Maß braucht, sieht man nirgendwo so gut wie auf den Plätzen des Südens. Überhaupt, jedes Miteinander beruht auf Gesetzen, nicht zuletzt unsere Demokratien. Kanon steht also für Stimmigkeit, ohne den vermessenen Anspruch der Alleingültigkeit. Aber Kanon steht ebenso für Vielstimmigkeit. Wir haben ein diverses Programm vor Augen, Bücher, die bisher Übersehenes oder Verdrängtes zum Vorschein bringen. Ungewöhnliche Sachbücher und mutige Literatur, aber auch Wiederentdeckungen.

Wer sind „wir“?

Zum Glück bin ich bei Kanon nicht allein. Ein Kreis erfahrener Gesellschafterinnen und Gesellschafter unterstützt mich. Dazu gehören etwa der Schriftsteller Bov Bjerg, der Autor und Buchhändler Edgar Rai, die Kuratorin Signe Rossbach, die Gestalterin Anke Fesel und die Architektin Silke Haupt. Dieser Kreis bildet sozusagen den Kanon-Chor.

Das erste Buch, dessen Rechte Sie eingekauft haben, ist Katharina Volckmers „Der Termin“. Es ist ein auf Englisch geschriebener Roman einer Deutschen, die seit Jahren in London lebt. Sie ist hierzulande unbekannt. Warum starten Sie mit ihr?

Eine befreundete Lektorin in Amerika machte mich darauf aufmerksam. Es ist ein Debütroman, und jede Debütantin ist erst mal unbekannt. Ich las und war hin und weg. Dann war ich es noch mal, als ich erfuhr, dass die deutschsprachigen Rechte noch frei seien. Mit anderen Worten: Niemand hierzulande wollte diesen genialen Erstling verlegen, obwohl er weltweit bei den feinsten Adressen erscheinen würde. Okay, das Buch ist obszön, darin erzählt ein weiblicher Portnoy ziemlich dreckige Sachen, und Deutschland kommt nicht gut weg darin – aber dieser Roman unter der Gürtellinie ist großartige Exilliteratur, wenn man so sagen kann. Also dachte ich: Let’s go. Gibt es einen besseren Grund für einen neuen Verlag als ein schneidendes Buch, das niemand sonst will? Inzwischen haben wir bald ein Dutzend Autorinnen und Projekte unter Vertrag.

Warum nennen Sie das Exilliteratur? Frau Volckmer musste doch nicht aus Deutschland fliehen.

Natürlich nicht, aber Katharina Volckmer betrachtet sich durchaus als exiliert von der deutschen Kultur und Sprache und entschied sich deshalb auch dagegen, auf Deutsch zu schreiben. Übrigens wird der Roman derzeit in zehn Sprachen übersetzt.  

Während der ersten Welle der Pandemie hatte der Buchhandel außerhalb Berlins und hatten die Verlage hohe Umsatzeinbußen. Die wurden einigermaßen wieder aufgeholt, mit dem „Lockdown light“ bleiben zwar überall die Buchläden offen, doch die öffentliche Wahrnehmung von Literatur ist in Ermangelung von Lesungen relativ gering. Ist es nicht eine Schnapsidee, in solchen Zeiten einen Verlag zu gründen?

Ganz im Gegenteil! Diese Pandemie wird bald vorbei sein, das Geschichtenerzählen aber hört niemals auf. Fiktion ist ein menschliches Grundbedürfnis, das unterscheidet uns von unseren nächsten Verwandten, den Affen. Der Affe ist übrigens unser Verlags-Signet. Insgesamt ist mehr Zeit zum Lesen da, das alles macht doch Mut. Gleichzeitig muss man realistisch sein. Es wird nun oft gesagt, dass Kultur ein Lebensmittel sei. Das habe ich früher auch gedacht. Aber die Pandemie hat uns klargemacht, dass zum Beispiel Blumenkohl ein Lebensmittel ist; ein Buch ist etwas anderes. Darüber sollte man sich in unseren Kreisen noch einmal genauer Rechenschaft ablegen. Die Pandemie hat uns aber auch erinnert: Das Buch ist integer und beständig. Im Gegensatz zu den meisten anderen Medien stiehlt es keine Zeit, es schenkt sie. Apropos Schnaps: Angestoßen haben wir schon, mit Wodka.  

Ihr Wechsel zu Ullstein damals war in der Branche aufmerksam beobachtet worden. Dass ausgerechnet die bei Rowohlt ausgebootete Barbara Laugwitz Sie dann als neue Ullstein-Chefin schnell vertrieb, auch. Nun ist sie selber dort wieder weg. Hätten Sie zu Ullstein zurückgehen können?

Barbara Laugwitz ist eine gute Verlegerin kommerzieller Inhalte, in unserer kurzen gemeinsamen Zeit bei Ullstein habe ich sie in ihrer Arbeit zu schätzen gelernt. Eigentlich hat sie gut zum Verlag gepasst. Und nein, ein Zurück war und ist ausgeschlossen, schließlich wollte ich mich weiterentwickeln. Zu vieles bleibt auf der Strecke im Mainstream-Publishing, vor allem Kreativität und eine tiefere Beschäftigung mit den Inhalten.

Als Sie von der Bildfläche verschwunden waren, munkelte der eine, Sie wären nun Literaturagent geworden, der andere, Sie würden wieder einen Roman schreiben. Immerhin haben Sie 2014 den beachteten Familienroman „Das halbe Haus“ vorgelegt und sich als Autor bewiesen. Schreiben Sie? Und warum sind Sie nicht unter die Agenten gegangen?

Es haben doch schon genug gute Lektorinnen und Verleger die Seiten zum Agenturgeschäft hin gewechselt, da hat es nicht noch einen gebraucht. Irgendwer muss ja aus all den Exposés auch richtige Bücher machen. Ich finde es schöner, mit allen Gewerken zusammenarbeiten zu können, den Typografen, den Gestalterinnen, den Druckern, den Übersetzerinnen. Das sind alles Meister ihres Fachs. Ein Buch ist ein Gesamtkunstwerk, ein kleines Wunder, das eigentlich viel zu preiswert ist, denn dessen Herstellung und Vertrieb ist kostspielig. Geschrieben wurde auch. Eine Art Fortsetzung vom „Halben Haus“, das wird mich noch länger beschäftigen.

„Das halbe Haus“ folgt einer durch die Zeitläufe zerrissenen Familie, die in der DDR Repressionen ausgesetzt ist. Sie sind in Leipzig aufgewachsen und 1985 als 14-Jähriger nach Bayern gekommen. Ich kann mir vorstellen, dass Ihre eigene Geschichte da eingeflossen ist. Welche Rolle spielt für Sie als Verleger das Ost-West-Thema?

Ja, der Roman ist autofiktional. Deutsch-deutsche Themen haben mich immer interessiert, aber als Verleger schaue ich auch weiter, auf die Literaturen unserer östlichen Nachbarn zum Beispiel. Auch der alte Westen ist untergegangen und muss wiederentdeckt werden. Mein eigener Weltenwechsel Mitte der Achtziger war insofern prägend, als ich grundsätzlich sensibilisiert bin für Fremdheitserfahrungen und die Einschränkung jeglicher Freiheit. Mein Vater saß als politischer Häftling fast drei Jahre im Knast. Gewalt und Inhumanität sind heute immer noch da, oft gravierender, als es meine Familie erfahren hat. Auch das Kuratorium der Gesellschafterinnen ist an diesen Themen sehr interessiert, an sozialen Spannungen, an Machtausübung durch Sprache, Geschlecht oder Herkunft.

Damals war Ihnen Bov Bjerg, dem Sie mit dem „Auerhaus“ im Aufbau-Ableger Blumenbar einen großen Auftritt verschafft hatten, gefolgt. Sein Roman „Serpentinen“, der auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis stand, erschien beim Ullstein-Imprint Claassen, allerdings dann bereits ohne Sie. Wird er Ihnen als Autor wieder folgen? Nehmen Sie andere Autoren, deren Lektor Sie waren, mit?

Erst einmal freue ich mich für Bov Bjerg und auch für die Kolleginnen bei Ullstein, die für den Erfolg des Buches gearbeitet haben. Dann so belohnt zu werden, ist doch wunderbar. „Serpentinen“ ist ein starkes, mutiges Buch, es verdient viele Leser. Autorinnen und Autoren kann man nicht einfach mitnehmen, auch wenn die Wanderbewegungen in den großen Verlagen den Eindruck entstehen lassen. Man muss sich um sie bewerben, einfach gute Arbeit leisten. Das haben wir bei Kanon vor. Erst einmal bin ich sehr froh, dass Bov Bjerg an den Verlag glaubt und ihm als Mitinhaber zur Seite steht.

Stichwort „Mitinhaber“ bzw. „inhabergeführt“: Im deutschsprachigen Raum gibt es eine große Bandbreite unabhängiger Verlage, die auch zunehmend erfolgreich agieren. Siehe der zweite Buchpreis für den Berliner Verlag Matthes & Seitz in diesem Jahr. Haben Sie Vorbilder? Oder mit wem würden Sie gern verglichen werden?

Man müsste so viele Namen nennen, denn so viele Kolleginnen und Kollegen in den unabhängigen Verlagen legen starke Programme auf und setzen sich für Bücher ein, die sonst übersehen werden würden. Neben Matthes & Seitz fallen mir spontan Schöffling & Co., Voland & Quist, Eisele, Kein & Aber, Links, Verbrecher, Kunstmann, Kampa ein, ich könnte glatt so weitermachen. Der erste Verleger, den ich leibhaftig traf, war Klaus Wagenbach. Bei seiner Antrittsvorlesung an meiner Universität, der FU Berlin, stellte er sich als älteste Witwe Kafkas vor, ich kannte schon seine bahnbrechenden Bücher über Kafka. Der Wagenbach-Verlag war vor vierzig, fünfzig Jahren ein Spiegel Berlins und der bundesrepublikanischen Gesellschaft und ist heute unter Leitung von Susanne Schüssler immer noch unabhängig und programmatisch integer. Andere Vorbilder sind Walter Janka und Robert Giroux, an dessen Schreibtisch ich sitzen durfte, als ich vor 25 Jahren in New York bei Farrar, Straus & Giroux arbeitete. Er hat großartige Autorinnen und Autoren entdeckt, z. B. Jack Kerouac, Susan Sontag oder Isaac Bashevis Singer. Für alle ist er durchs Feuer gegangen.

Foto: Benjamin Pritzkuleit
Zur Person

Gunnar Cynybulk, geboren 1970, aufgewachsen in Leipzig und Bayern, war nach Stationen bei Rowohlt und dem New Yorker Verlag Fararr, Straus & Giroux viele Jahre Lektor im Berliner Aufbau-Verlag, bevor er dort von 2014 bis 2017 als verlegerischer Geschäftsführer arbeitete. Von 2017 bis 2019 war er Verleger und CEO der Ullstein-Buchverlage. Sein Roman „Das halbe Haus“ (Dumont 2014) wurde mit dem Debütpreis der Litcologne ausgezeichnet.