Die besondere Beziehung zwischen türkischer Literatur und Sahnetorte ist eine rein zufällige. Wobei Zufälle schlicht derselben Art physikalischer Gesetze zuzuordnen seien wie die Schwerkraft, so der 2011 für das beste Buch des Jahres in seinem Land ausgezeichnete Autor Hakan Günday. Die erste Torte gab es zur Eröffnung des zweiten türkischen Literaturfestivals Dil Dile (von Sprache zu Sprache) zum 65. Geburtstag des filmischen Literaturvermittlers Osman Okkan.

Die zweite gab es am Tag danach zu Gündays viertem Hochzeitstag. Die dritte schließlich hätte es für die Übersetzerin Sabine Adatepe geben sollen, die im Redeflussgalopp der zwei ehemaligen Untergrundkämpferinnen Oya Baydar und Melek Ulagay mithielt.

Die ohnehin meist zweisprachigen Besucher im Roten Salon der Volksbühne bedachten diese Leistung mit kennerischem Applaus und gaben sich auch ansonsten als ein Idealpublikum aus, das mit viel Kompetenz und Wärme zu den Veranstaltungen beitrug. Dieses, durch ein privates Netzwerk initiierte Festival gehört ins Herz der Stadt.

Die kurdische Frage

So feierlich die Stimmung des Festivals, so bitter ist es, dass 106 Sitze beim Eröffnungsabend programmatisch unbesetzt blieben: Sie stehen stellvertretend für die schwankende Zahl all jener Autoren und Journalisten, die schon allein darum nicht eingeladen werden konnten, weil sie sich derzeit aus Gesinnungsgründen in der Türkei in Haft befinden.

Oya Baydar („Eine Epoche – zwei Frauen“) fasste am dritten Abend unter viel Zustimmung zusammen, was als durchgehendes Thema in fast allen Veranstaltungen zum Ausdruck kam: „Solange die kurdische Frage nicht auf friedliche Art gelöst ist, kann es eigentlich keine neue Verfassung (in der Türkei) geben.“ Eine Einstellung, die leider nicht uneingeschränkt ins Programm der regierenden AKP passt, die derzeit an der Ablösung der seit 1982 geltenden Militärverfassung arbeitet.

Das Festival verstand sich in diesem Jahr bewusst als Botschafter der so genannten kurdischen Frage, der Forderung also nach einem gleichberechtigten Nebeneinander kurdischer und türkischer Identität in der Türkei. Davon ist das Land trotz mancher Zugeständnisse noch weit entfernt.

Hakan Günday, der im Podiumsgespräch eher versuchte, mit einer unpolitischen Haltung zu kokettieren, schildert in seinem Bestseller-Roman „Az“ (noch ohne deutschen Verleger) türkische Umerziehungsinternate und die verheerenden Folgen der perfiden „Dorfschützer“-Maßnahmen. Rojin Canan Akins und Funda Danismans mutige Interviewsammlung „Alles andere als normal“ (auch noch ohne Verleger) ist ein Moloch an kurdischen Kindheits-Erfahrungen der 1990-er Jahre, wovon nicht nur die Problematik der erzwungenen türkischen Unterrichtssprache an Schulen bis heute ungelöst ist.

Ein Stückchen von der EU-Torte

Genauso ist es immer noch ein beliebtes Repressionsmittel, politischen Aktivisten eine Nähe zur PKK nachzusagen. Als prominentestes Opfer solcher Strategien gilt in Deutschland Pinar Selek, der man – was weniger bekannt ist als andere Unterstellungen – sogar eine Eheplanung mit Abdullah Öcalan anhängen wollte.

Zusammen mit Selek saß zur Festivalseröffnung die so tapfere Journalistin und Exil-Syrerin Samar Yazbek auf dem Podium, um über die Rolle der Türkei im „arabischen Frühling“ befragt zu werden. Die gegenteilige Wirkungsrichtung wurde dann vom Istanbuler Verleger Tanil Bora in den – zu provokativen Zwecken – zitierten Worten einer regierungsnahen türkischen Tageszeitung zugespitzt: „Genauso wenig wie Zucker aus Aleppo brauchen wir den Frühling der Araber.“

Dass es in dem vielschichtigen Land, in dem „Denken ein Minenfeld ist“ (Pinar Selek) und „Repressionen eine seltsame Stabilität besitzen“ (Oya Baydar), so viele interessante, mutige und warmherzige Autoren gibt, kann nicht genug gefeiert werden. Deren Beispiel der Geschichtsaufarbeitung folgend, käme die offizielle Türkei nicht nur ihrem Stückchen von der EU-Torte erheblich näher, sondern auch aus ihrer Rolle als europäische Zensorensupermacht endlich heraus.

Zum Abschluss des Festivals werden heute 20 Uhr im Roten Salon der Volksbühne zwei der bekanntesten türkischen Krimiautoren von den Verlegerinnen des neuen Berliner binooki-Verlags vorstellt.