Susan Sontag 1983.
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Edmund White, einer der wichtigsten Autoren der USA, schreibt über „Sempre Susan“, Sigrid Nunez’ „Erinnerungen an Susan Sontag“: „Das Beste, was es über Susan Sontag zu lesen gibt.“ Man liest das Buch der Autorin und gibt White recht. Sigrid Nunez, geboren 1951 in New York City, half Susan Sontag (1933–2004) bei der Beantwortung der Post, verliebte sich in Sontags bei ihr lebenden Sohn David Rieff und zog bei den beiden ein. Für ein paar Monate.

2011 erschienen ihre Erinnerungen an diese Zeit in den USA. Erst jetzt bei uns. Und da haben sie es schwer. Denn gleichzeitig mit den 141 Seiten über das Jahr 1976 von Sigrid Nunez ist in unseren Buchhandlungen gelandet: Benjamin Moser, „Sontag – Die Biografie“. Der Band hat 923 Seiten. Na, dann doch lieber die 141 Seiten, sagen Sie, die kann man wenigstens in der Hand halten. Nunez’ Buch ist großartig. Sie schreibt über die Verachtung, die Susan Sontag hegte für Frauen, die Handtaschen trugen. Sie führt das nicht als die Marotte einer überkandidelten Intellektuellen ein, sondern es ist ein Element von vielen, bei denen sie sich weigert, für die Frauenrolle besetzt zu werden. Nunez schreibt übrigens heute über Mosers Buch: „This is it: The last word on Susan Sontag.“

Nur Rentnerinnen und Rentner und lesehungrige Schülerinnen und Schüler werden die dreißig Stunden Zeit haben, die man mindestens braucht, um Mosers Biographie zu lesen. Den anderen entgeht ein Meisterwerk. Mosers Buch ist eine Lebens- und eine Werkbeschreibung. Es ist Analyse, Kritik und Liebeserklärung. Er entfaltet ein Unmaß an Zuwendung. Kapitel für Kapitel begreift man nicht nur Susan Sontag besser, sondern auch die USA, wie Lesen und Schreiben zusammenhängen, was Schweigen bedeutet und natürlich immer wieder die Bilder. Moser hat bei jeder Zeile das Ganze seines Buches vor Augen.

Schon mit dem ersten Satz der Einleitung in die 41 Kapitel hatte er mich gepackt. 1919 entsteht in Hollywood ein Film über den Mord an den Armeniern. Es ist einer der ersten großen Hollywood-Monumentalfilme. Unter den Tausenden Statisten sind auch Sarah Leah Jacobson und ihre dreizehnjährige Tochter Mildred. Sarah Leah starb ein Jahr später im Alter von 33 Jahren. Ihre Tochter brachte 14 Jahre später ein Mädchen zur Welt: Susan. Das nahm den Namen des Mannes an, den ihre Mutter nach dem Tod von Susans Vater heiratete: Sontag. Susan Sontags letzte Buchveröffentlichung heißt „Das Leiden anderer betrachten“.

Fliehen und doch dabei sein

Warum sehen wir uns Fotos und Filme an, in denen Menschen gequält werden? Es ist eine der Fragen, die Susan Sontag ihr Leben lang beschäftigt haben. Sie hat über Horror- und Pornofilme geschrieben. Die kurze Sequenz, die ihre Mutter und Großmutter als armenische Opfer türkischer Gewalt zeigte, war gestellt. Sie saßen nicht in der Türkei auf dem Boden, sondern in Kalifornien. Sie wurden nicht massakriert, sondern sie waren bezahlte Statisten in einem Kassenschlager, der einer wurde, weil wir Menschen gerne „das Leiden anderer betrachten“. In der Wirklichkeit und in der Fiktion.

Susan Sontag hat beschrieben, was sie empfand, als sie das erste Mal Fotos aus den nationalsozialistischen Vernichtungslagern sah. Moser lässt uns verstehen, was die junge Susan Rosenblatt empfand, als sie als „Judensau“ beschimpft wurde, Sie wollte weg aus ihrem Leben. Wie die meisten Jugendlichen das wollen. Sie wollte aber auch immer wieder dazugehören. Auch das unterschied sie nicht von anderen Teenagern. Allerdings hat sie ihre Einsamkeit geteilt mit Martin Eden, mit Hans Castorp und Platon, Kant und Hegel. Als sie in die Schülervertretung gewählt wurde, sagte ihr eine Mitschülerin, sie habe ihr ihre Stimme gegeben, damit nicht Juden in das Gremium gewählt würden. Da war aus Susan Rosenblatt bereits Susan Sontag geworden. 1989 erschien „Der Liebhaber des Vulkan“, ihr, so Moser, „schönster Roman“. Auch ihr erfolgreichster. Die Propagandistin der Avantgarde hatte ein alle Konventionen des Genres befriedigendes Werk abgeliefert.

1978 veröffentlichte sie ihre Studie über unseren Umgang mit Krebs und Tuberkulose, ohne auch nur ein Wort darüber zu verlieren, dass sie gerade selbst eine Krebserkrankung überstanden hatte. In ihren Veröffentlichungen hat sie nur selten einen Auftritt. Sie gibt sich als Beobachterin der anderen. Aber sie war – das zeigen ihre Tagebücher – auch eine der eigenen Person. Wer das Goethe-Porträt von Angelika Kaufmann betrachtet, der wird sehen, wie die Malerin sich in Goethe abgebildet hat. Ganz ähnlich machte es, Moser zeigt das sehr überzeugend, Susan Sontag in ihrer Sartre-Kritik. Sartres Idee vom Entwurf, den man von sich macht und dem man entgegenlebt, hat Sontag sehr beeinflusst.

Eine ihrer Listen: „Fortschritte in Bisexualität“

Moser zitiert ein von Susan Sontag „Fortschritte in Bisexualität“ betiteltes Blatt, das ihre Sexualpartner zwischen Heiligabend 1947 und dem 28. August 1950 auflistet. Sie hatte sich vorgenommen, auch mit Männern zu schlafen. Die Liste zeigte ihr, dass sie ihren Vorsatz erfolgreich umgesetzt hatte.36 verschiedene Damen und Herren werden aufgeführt. Buchführung war keine von Sontags Leidenschaften, aber Listen führte sie gerne und immer wieder. Sie liebte die Übersicht, die sie verschafften.

Moser beschließt seine Biografie mit den Sätzen: „Sontag zeigte auf, wie Metaphern das Ich formen und wie sie es dann verformen können; wie Sprache trösten und wie sie zerstören kann; wie Darstellung trösten, aber auch obszön sein kann; warum selbst große Interpreten gegen Interpretation sein sollten. Und sie warnte vor den Mystifizierungen von Fotografien und Porträts – auch denen von Biografen.“

Das Schönste an Mosers Buch ist übrigens, dass es ganz gewiss nicht das letzte Wort über Susan Sontag sein wird. Dazu weckt es viel zu viel Neugierde.

Benjamin Moser: Sontag – Die Biografie. Aus dem Amerikansichen von Hainer Kober. Penguin-Verlag, München 2020. 924 S., s/w Fotos, 40 Euro.

Sigrid Nunez: Sempre Susan – Erinnerungen an Susan Sontag. Aus dem Amerikanischen von Anette Grube. Aufbau-Verlag, Berlin 2020. 141 S., 18 Euro.