BerlinDie Theater und Kinos sind zu, also haben wir alle mehr Zeit zum Lesen. Wenn dann die Augen müde werden, sind die Ohren und der Geist immer noch wach; es schlägt die Stunde der Hörbücher, mit denen man Literatur noch einmal anders entdecken kann. Gerade bringt Der Audio Verlag die fast fünfstündige Hörbuch-Fassung des Romans „Tropenkoller“ von Georges Simenon (1903–1989) in die Buchhandlungen. Am Donnerstag kommt auch die neue Buchausgabe heraus. Der durch seinen Kommissar Maigret berühmt gewordene Autor schrieb „Tropenkoller“ bereits 1933.

Unsere Frage der Woche geht an den Schauspieler Charly Hübner, der jetzt als Sprecher des Romans zu erleben ist: Welchen Reiz hat dieses Buch für Sie?

Charly Hübner: Georges Simenon habe ich immer sehr viel und sehr gerne gelesen, einige seiner Bücher sogar mehrmals. Aber den „Tropenkoller“ kannte ich noch nicht. Als ich ihn jetzt las, war ich hellauf begeistert von der Fiebrigkeit, die ein noch junger Simenon mit Worten erzeugt. Wir befinden uns in Zentralafrika, in Gabun. Ein junger Europäer möchte sich dort in irgendeiner Weise nützlich machen, was ihm missglückt. Deshalb gerät er sehr schnell in die großen Felder von Rausch, von krasser Verliebtheit und wilder Begierde und von Eifersucht. Die Addition all dieser bekannten, aber zugleich so schwer erklärlichen Uneindeutigkeitsfelder führt zu einem Koller, zu diesem Tropenkoller. Und wie Simenon mit lässiger Hand das alles peu à peu aufdröselt mit einer wirklich charmanten, klaren Sprache ist herrlich.

Wir verlassen irgendwann die Zivilisation und landen in dieser absolut nicht deutbaren Wildheit. Mord gibt es auch. Das Ganze taugt als eine herrliche Metapher für das, was Begierde ist und was Lust ist, was Rausch ist. Und es ist trotzdem eine sehr konkrete, affirmativ formulierte Beschreibung eines skandalösen Kolonialismus, der natürlich auch seinerzeit schon, zur Entstehung des Buches Anfang der 30er-Jahre, absolut fragwürdig war. Also dass die Weißen sich als Oberrasse positionieren und die Schwarzen als Wilde behandelt werden, das ist bei aller Uneindeutigkeit doch klar erkennbar kritisch formuliert von Simenon.

Für mich war es eine große Freude, mit Wolfgang Stockmann, mit dem ich schon einige Hörbücher erarbeiten durfte, da reinzugehen. Weil Wolfgang Stockmann Spaß daran hat, dass der lesende Schauspieler nicht nur ein den Text vortragender Schauspieler ist. Ihm macht das Freude, uns Schauspieler dahin zu bringen, dass wir aus einem Roman eher eine Hörerzählung machen und nicht nur eine Hörlesung. Das gefällt mir sehr, und wir sitzen schon an der nächsten Baustelle.

Georges Simenon: Tropenkoller. DAV, 293 Minuten, ca. 22 Euro.