Köln - Nein, Sibylle Lewitscharoff bewegt sich nicht aus ihrer dunklen Ecke. Die Schriftstellerin beharrt auf den kruden Positionen jener Rede, die sie am 2. März im Dresdner Staatsschauspiel gehalten hat.

Ihre Ansichten zur künstlichen Befruchtung, die sie als „Fortpflanzungsgemurkse“ bezeichnet, bekräftigte sie am Mittwochabend auf der lit.Cologne bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt nach der Empörung. Und anders als in Dresden – wo offenbar niemand im Publikum murrte, was sie nachhaltig betonte – zogen in der Kölner Comedia schon bald die ersten Zuschauer von dannen, darunter einige mit Entsetzen im Gesicht.

Sie möge ja mit ihrer Abscheu vor der künstlichen Befruchtung völlig falsch liegen, sagte sie. Aber dies sei nun mal ein riesiges Thema, größer als die Erfindung der Dampflok, des Telefons oder auch des Computers. Diese „technoide Fuchtel“, diese „Entgrenzungen auf dem medizinischen Tablett“ seien „gefährlich“.

Sie wisse aus ihren Beobachtungen, dass viele Menschen über künstlich gezeugte Kinder redeten: „Da sind schwarze Phantasien im Umlauf, das ist etwas zutiefst Unheimliches.“ Natürlich rede man nicht vor den Kindern darüber, „aber in der Kneipe“.

Lewitscharoff sieht ihre Kritik an der künstlichen Befruchtung „im Grundsatz bestätigt durch Analytiker, die die so gezeugten Menschen auf der Couch haben. Das finde ich beunruhigend.“ Fanden die Zuschauer auch. Auf den Zwischenruf, ob sie dafür Belege habe, gab sie an, in ihrer Bekanntschaft einschlägige Fachleute zu kennen. Lewitscharoff bekräftigte weiter ihre Ansicht, dass lesbische Paare durchaus Kinder adoptieren könnten. Doch eine künstliche Befruchtung lehnt sie auch für solche Beziehungen ab.

„Halbwesen“ zurückgenommen

Ausdrücklich will Lewitscharoff nicht von ihrer Dresdner Rede abrücken. Sie nehme lediglich den Satz zurück, wonach künstlich gezeugte Kinder „Halbwesen“ seien. Dieser sei im Kontext „schlecht verankert“ gewesen. Auch „drei oder vier“ weitere Formulierungen würde sie im Wiederholungsfalle nicht mehr benutzen. Welche das seien, sagte sie nicht.

Aber ausdrücklich stellte sie fest, dass ihr Vergleich mit den „Kopulationsheimen“ der Nazis nicht auf der Streichliste stehe: „Den halte ich für richtig“. Denn da sei es um ein Zuchtprogramm gegangen – und wenn heutzutage Samenspenden aus dem Katalog bestellt werden können, dann handele es sich da auch um „Menschenzucht“, ja, „das ist eine Zuchtauslese, das kann mir keiner ausreden“.

Auch die Frauenbewegung der 70er und 80er Jahre brachte sie in Verbindung mit dem Nationalsozialismus. So sei Leni Riefenstahl in Berliner Frauenkreisen durchaus „anerkannt“ gewesen. Später sei dann „der Mainstream der Frauenbewegung immer dröger geworden“. In Italien sei es viel witziger gewesen. Das war der Moment, wo nicht wenige im Saal den Moment gekommen sahen, diesen zu verlassen.

Von der Reaktion auf ihre Dresdner Rede sei sie „komplett überrascht“ worden, sagte Lewitscharoff. Sie habe unterschätzt, dass dies ein „so heißes Thema“ sei. Auch räumte sie ein, dass es da ein Kindheitstrauma gebe: Ihr Vater, ein Gynäkologe, hat sich umgebracht. „Die provokativen Umstände, die in der Familie eine Rolle spielen, können zu einer Verstärkung“ – gemeint ist die Dresdner Rede – „geführt haben.“

Mit Verblüffung wurde ihre Ansicht aufgenommen, dass sie als Schriftstellerin nicht so angemessen wie Angela Merkel rede. Dies fiel ihr ein, nachdem sie sich dazu bekannt hatte, dass sich bei ihr Skepsis auch zur Wut steigern könne. Und sie gab an, kein ängstlicher Mensch zu sein: „Ich habe immer schon gerne provoziert.“

Was dann kam, war Literatur: Lewitscharoff las aus ihrem neuen Buch „Killmousky“. Aber Literatur ist nicht mehr das Erste, was man in diesen Tagen mit der aktuellen Büchnerpreisträgerin in Verbindung bringt.