Sewan Latchinian wählt große Worte. Von Kannibalismus in der Kunstszene ist da die Rede, von Menschenopfern, die er zu bringen nicht bereit ist. Eine klare Dramatik, die der aktuellen Situation, in der sich zahlreiche Kunstschaffende befinden, durchaus angemessen ist. Vielmehr könnte man sich wundern warum das bislang noch niemand in ähnlicher Vehemenz und Deutlichkeit geäußert hat.

Sewan Latchinian, derzeit noch Intendant am Theater in Senftenberg, wird dieses Amt im Herbst am Volkstheater Rostock übernehmen. Der Theatermacher war auch, bis Montag dieser Woche, stellvertretender Vorsitzender der Intendantengruppe im Deutschen Bühnenverein. Aus dieser Arbeitgebervertretung der Theater ist er ausgetreten. Kritikunfähigkeit, nicht eingehaltene Absprachen und eine Politik, die eben nur noch für einen Teil der Mitglieder von Vorteil sei, nennt er als Grund.

Worum geht es? Der neue Flächentarif für Orchestermusiker, den der Deutsche Bühnenverein mit der Musikergewerkschaft Deutsche Orchestervereinigung (DOV) geschlossen hat, sieht vor, dass Orchestermusiker 8,9 Prozent mehr Gehalt bekommen. Damit nicht genug, denn auch Verluste der vergangenen Jahre sollen ausgeglichen werden mit ein bis zwei Monatsgehältern zusätzlich.

Das Volkstheater Rostock kann diese Summen nicht aufbringen. Das Haus hätte schon ein Problem, nur ein Monatsgehalt nachzuzahlen: Das wären mindestens eine Million Euro. Hinzu kämen durch die tarifliche Gehaltserhöhung jedes Jahr 460.000 Euro zusätzliche Personalkosten. Eine Existenzfrage.

Gefährdete Existenz

Daher hatte Latchinian vor seinem eigenen Austritt seinem künftigen Theater denselben Schritt empfohlen. Es war das erste Mal, dass eine Kommune mit eigener Bühne dem Verein den Rücken gekehrt hat. Und auch sonst bemerkenswerter: Ein Arbeitgeber tritt aus seiner Interessenvertretung aus, um allen Mitarbeitern zumindest sichere Bedingungen zu bieten. Latchinians Begründung klingt vernünftig: „Wenn die Mitgliedschaft eines Theaters im Bühnenverein die Existenz gefährdet, führt sich ein Arbeitgeberverband als Interessenvertretung der Theater selbst ad absurdum.“ Zumindest in diesem Fall.

Man fragt sich angesichts der prekären Lage einiger Theater, vor allem in Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, wo die Kulturhaushalte drastisch zusammengestrichen wurden, warum nicht auch andere Häuser zu diesem Mittel greifen. Und was wäre, wenn sie es täten? Jedes Haus müsste seine Tarife selbst verhandeln. Schwer vorstellbar, dass dies stets zugunsten der Arbeitnehmer ausginge.

Man fragt sich aber auch, wie es zu dieser Ungerechtigkeit kommen konnte. Die Orchestermusiker, die mit einem Mindestsatz von 2400 Euro bereits höhere Tarifgehälter beziehen als Schauspieler oder Tänzer, deren Mindestlohn bei gleichzeitig höherer Arbeitsbelastung 1650 Euro beträgt. Sicher, die DOV ist gut organisiert und schlagkräftig. Aber warum stimmt der Arbeitgeberverband einer weiteren, einseitigen Erhöhung zu und gefährdet dadurch andere Mitglieder?

In Rostock werden künftig im direkten Gespräch neue Wege getestet werden. Mit mehr Geld wird da kaum einer rechnen können, dafür muss erst einmal keiner um seinen Arbeitsplatz fürchten. „Darüber hinaus werden wir versuchen das Klima so zu verbessern, dass die Politik wieder Lust bekommt, Geld zu geben.“ Dazu kann man Latchinian nur viel Glück wünschen.