Bürgerrechtler und Molekularbiologe Jens Reich: Im Westen wären wohl wieder Panzer aufgefahren

Sprechen Sie bitte über die Ukraine!

Die Rückkehr zum die ganze Bevölkerung erfassenden großrussischen Chauvinismus in Putins Reich beunruhigt mich sehr. Einen Krieg loszutreten, um innenpolitisch punkten zu können, das ist eine beängstigende Entwicklung. Jetzt heißt es, Putin habe erklärt, er könne innerhalb von 24 Stunden die baltischen Länder besetzen. Ich weiß nicht, wie ernst das gemeint ist, ich weiß nicht einmal, ob Putin das wirklich gesagt hat. Aber solche Rechnungen – 24 Stunden für die baltischen Länder, 48 für Warschau – werden jetzt angestellt. Man denkt wieder in diesen Kategorien.

Dazu kommt die Fütterung der russischen Bevölkerung, nicht nur in Russland, mit chauvinistischen Ideen. Das führt zu einer gefährlichen Fanatisierung. Ich muss mich beherrschen, mir nicht das Schlimmste vorzustellen. Vor ein paar Tagen habe ich meine Befürchtungen im Ossietzky-Kreis in Pankow lauter alten Bekannten vorgestellt. Da gab es massiven Gegenwind. Die stehen alle auf der anderen Seite. Sie sagen, der Westen sei schuld, man müsse begreifen, dass Moskau sich nur verteidige gegen die Expansion des Westens.

Was sagen Sie dazu?

Die OSZE muss halten. Keine territorialen Veränderungen ohne die Zustimmung aller Betroffenen und ausschließlich auf dem Verhandlungswege. Wie 1992 bei der Teilung der Tschechoslowakei. Keinesfalls so wie auf dem Balkan mit Kriegen und Bürgerkriegen. Das ist hier besonders schlimm, denn die beiden wichtigsten Argumente der Putin-Regierung – das war schon immer russisch und wir müssen unsere Landsleute verteidigen – treffen auf Estland, Litauen und Lettland genau so zu. Zur Zarenkrone zählten sie schon lange vor „Neurussland“. Kein Wunder, dass dort alle aufgescheucht sind. Sie haben ja ihre Erfahrungen, nicht nur mit Deutschland, sondern eben auch mit Russland.

Man kann diesen Ländern, also auch den Polen gegenüber, nicht im Ernst sagen: Ihr seid besser geschützt, wenn ihr in die Neutralität geht. Das sehen die ganz anders. Putin hat angefangen, wieder von „Neurussland“ zu sprechen. Das war ein von Katharina der Großen besiedeltes Gebiet, das den gesamten Osten und Süden der heutigen Ukraine umfasst. Da müssen doch bei den Ukrainern die Signallampen aufleuchten. Es wäre so, als würden wir wieder von dem deutschen Territorium Ostpreußen und Schlesien reden. „Neurussland“ ist ein Brandsatz. Das geht nicht. Außerdem haben die Russen 1994 das Budapester Memorandum unterzeichnet, die Unverletzlichkeit der Ukraine also garantiert.

1989 war eine der aufregendsten Phasen Ihres Lebens. Ist aber nicht, was danach in Ihrem Beruf passierte, nicht viel wichtiger? Zum Beispiel die Entzifferung des menschlichen Genoms im April 2003? War das nicht die viel größere Revolution?

Das ist klar. Worüber wir bisher gesprochen haben, war, wie die Physiker sagen, zwar immerhin ein Phasenübergang, also wie der Übergang von Eis zu Wasser, aber sub specie aeternitatis lange nicht so aufregend wie das, was gerade vor unseren Augen passiert. Bis in die Achtzigerjahre hinein hat sich niemand vorstellen können, dass wir den chemischen Text, den Code unserer DNS, einmal lesen und sogar manipulieren könnten. Das war reine Science-Fiction. Wissenschaftlich war das undenkbar.

Dass wir heute in der Lage sind, das Genom eines jeden Lebewesens – nicht nur von Arten, sondern von jedem Individuum – aufzuschlüsseln, das erschien uns damals unmöglich. Uns – damit meine ich die Fachwelt, die Leute also, die überall in der Welt an der Enträtselung der Vererbung arbeiteten. Wie wird Konstanz und Variabilität der Arten gleichzeitig erreicht? Den Nobelpreis für die Polymerase-Kettenreaktion, mit der man DNS anhand einer textgenauen Matrize herstellen kann, hätte 1993 nicht Kary Mullis bekommen sollen, sondern das Geysirbakterium, das vor einer Milliarde Jahren das Enzym und dessen für sein Leben im kochend heißen Wasser notwendige Hitzestabilität des Eiweißes „erfunden“ hat, die sich gentechnisch nutzen lässt.

Diese Technik, gezielt Erbinformation zu manipulieren, das ist eine Revolution, die derzeit stillschweigend in Zehntausenden Labors weltweit stattfindet. Das wird bald intensiv in das Leben der Menschen eingreifen. Zusammen mit der Revolution der Informatik, die 1980 auch niemand vorhergesehen hätte. Ich war einer der ersten, der seit den späten Sechzigerjahren Computer in der Biologie einsetzte, aber niemals, niemals hätte ich es für möglich gehalten, dass wir in der Hosentasche Gigabytes herumtragen. Was wird werden? Wird das die Menschheit retten? Zerstören? Wird es etwas Neues geben: den Homo Cyborg?

Was wird in den Laboratorien gemacht?

Wir können das Genom eines jeden einzelnen Individuums aufschließen. Wir haben damit seine komplette Datenbank, wenn man so will, auf dem Stick. Die heutige Entwicklungsbiologie untersucht Embryonen von Lebewesen, deren Phänotyp man sehr genau kennt, irgendwelche Würmer oder Insekten. Man geht in den Körper, schaut, was passiert. Man löst ein genetisches Signal aus, und dann wachsen Flügel an Stellen, an die sie nicht hingehören oder Augen am Hintern. So lernt man, welche Steuerungsnetze die Entwicklung des Körpers bewirken. Welche Gene werden abgegriffen, wie interagieren die Gene miteinander?

Verglichen mit diesen demiurgischen Aktivitäten, mit diesen Eingriffen in die Grundgesetze des Lebens, ist das, was in der Ukraine passiert, ein Feierabendspaziergang. Ich kann da nur bedauern, dass ich alt bin und das nicht mehr miterleben werde. Das ist Faszination und Befürchtung zugleich. Es wir die Aufgabe meiner Kinder, ja erst meiner Enkel sein, damit fertig zu werden. Aber die Enkel sind schon da. Sie werden in dieser Welt der Genmanipulation neunzig oder einhundert Jahre alt werden. Vielleicht wird der natürliche Tod ganz abgeschafft sein. Was so etwas für die Menschheit bedeuten würde, darüber ist, seit es Menschen gibt, fantasiert worden, aber bald könnte es sein, dass wir das wirklich regeln müssen. Vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse hatten die Menschen am Anfang gegessen. Jetzt werden wir vom Baum des Lebens essen.

Wie muss man sich das vorstellen?

Gehen Sie einmal nach Dahlem ins Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik und lassen Sie sich zeigen, wie dort fließbandmäßig, gewissermaßen vollautomatisch mit riesigen Computern sequenziert wird. Lassen Sie sich die einzelnen Schritte erklären. Lassen Sie sich zeigen, dass es möglich ist, alle in einem Gewebsaufschluss schwimmenden Abermillionen von DNS-Bruchstücken absolut buchstabengetreu kopieren und dabei markieren zu lassen, sodass der Computer danach aus der Sequenz der Bruchstücke das extrem schwierige Puzzle der Gesamtinformation lösen kann.

Dass das klappt, dass da die Natur nicht irgendwo aussteigt, sich wehrt, uns nicht mit geringen statistischen Unzuverlässigkeiten außer Gefecht setzt, wo sie doch sonst so großzügig mit Fehlern umgeht! Da sie kooperiert, das ist meine Philosophie, müssen auch wir es tun. Sie darf keinen Schaden nehmen durch das, was wir tun.

Aber ist die Natur nicht immer stärker als wir?

Es gibt leider Konstellationen, in denen wir ihr schaden können. Das hat die Ökologie uns beigebracht.

Das sind aber doch, wenn man von „der Natur“ spricht, minimale Oberflächenphänomene, nicht einmal ein Prozent der Fälle.

Sicher. Das Sonnensystem, das Weltall und so weiter. Da haben wir keinen Einfluss. Aber hier bei dem Insekt, dem wir Augen ans Hinterteil setzen, haben wir ihn. Aber natürlich sind wir selbst auch Natur. Auch unsere Fähigkeit, der Natur zuzusetzen, ist Natur. Sehen Sie sich um in Ihrem Büro. Keine Blume, keine Pflanze. Keine lebende, alles nur gemachte Natur. Die Bücher, die Möbel – von Menschen gemachte Natur. Wir sitzen in der zweiten Natur. Die ist gepumpt von der ersten. Dieses Kreditverhältnis können wir übertreiben. Dann kann das plötzlich sehr übel ausgehen. Denken Sie nur an Fukushima.

1989 ist für mich die Erfahrung, dass ein Zustand, den ich für unveränderbar – oder nur unter gewaltigem Druck für veränderbar – hielt, in kürzester Zeit umkippen kann in einen völlig neuen.

Metastabilität nennt man das in der Physik. Nehmen Sie einen Ball in einer kleinen Mulde an einem Berghang. Wenn Sie ihn nur leicht schubsen, wird er immer wieder in die Mulde rollen. Sie halten das dann für seine stabile Position. Schubsen Sie ihn aber über den Rand der Mulde hinaus, dann wird er den Hang hinunterrollen, bis er dort eine neue stabile Lage findet. Das zeigt, dass die Landschaft dem Ball alternativ mögliche stabile Zustände anbietet, die er durch äußere Störungen angetrieben erreichen kann.

Es kann aber auch geschehen, vielleicht durch eine Erderschütterung, dass die ganze Landschaft ihre Oberfläche, ihr Gesicht, ändert. Dann kann der zuvor stabile Zustand instabil werden, und die geringste Störung stößt den Ball in ein neues, anderes Tal. Mögliche alternative Bewegungsformen und -zustände sieht man erst, wenn man das System stört. Qualitativ neue Zustände entstehen hingegen, wenn sich die zugrundeliegenden Parameter ändern.

Bei Karl Marx sind die Produktivkräfte neben den Naturkonstanten die zugrundeliegenden Parameter, in den Produktionsverhältnissen und im politischen und kulturellen Überbau zeigen sich dann die metastabilen alternativen Zustände des Systems. In komplexen, nichtlinearen Systemen, in solchen also, in denen nicht mehr ein kleiner Schritt in der Ursache einen proportionalen Effekt in der Wirkung erzeugt, können sehr viele, ganz unterschiedliche stationäre Zustände möglich sein. Der Übergang vom einen zum anderen kann durch ein dem ganzen System äußerlichen Stoß, ein Signal, ausgelöst werden. Schlagartige Übergänge in dynamischen Systemen heißen in der Mathematik „katastrophisch“, in Marxens Gesellschaftsgebäuden „revolutionär“.

Ich habe Sie nach der Kippfigur 1989 gefragt, einem politischen, gesellschaftlichen Vorgang also. Sie haben mir ihn mit einem physikalischen Modell erklärt.

Ja, so sehe ich das. Ich habe mich mein Leben lang mit dem Energiestoffwechsel der lebenden Zelle beschäftigt. Ich habe gelernt, ihn mit einem System von Bewegungs-, also Differentialgleichungen zu beschreiben. Alle Elemente, die an diesem biochemischen Prozess teilnehmen, werden durch Variablen und die Hintergründe durch Parameter beschrieben. Der Zustand des Systems wird also aus dem Zustand seiner Elemente, deren Eigenschaften plus dem Bewegungszustand, aus dem man startet, beschrieben wird. Man analysiert die Unterschiede zwischen einer gesunden und einer kranken Zelle und die katastrophischen Übergänge von einem Zustand in den anderen.

Mit so einem Modell kann man auch 1989 beschreiben?

Es erleichtert mir zumindest das Verständnis von dramatischen Übergängen menschlicher Großsysteme.

Das Gespräch führte Arno Widmann.