Ein blauer Tacker.
Foto: Katalog

BerlinDas Schönste am Abheften ist das Tackern. Das Tackern macht Abheften geradewegs zu einem himmlischen Vergnügen. Meinen Tacker habe ich noch nicht lange, und ich kann mir nicht erklären, wie ich so lange leben und abheften konnte ohne Tacker.

Wer keinen Tacker besitzt, tut mir leid. Er verdient das Mitgefühl aller abheftenden Menschen. In meinem Fall musste erst dieses Virus kommen, damit ich mir einen Tacker kaufte, übrigens die einzige größere Anschaffung dieses Sommers außer Gummiboot Antonella. 15 Euro hat er gekostet. Nie war Geld besser investiert. Vielleicht kaufe ich einen zweiten für die Kinder, dann können wir zusammen tackern. Quality time nennt man das, allein schon wegen der Geräusche.

Hach, das Geräusch. Der Sound des Klämmerchens, wenn es sich in das Papier bohrt und dann seine Enden zusammenführt, erinnert an den Auslöser einer Kamera aus Vor-Smartphone-Zeiten. Mini-Musik, die schmerzlich fehlt im kalten, digitalen Zeitalter. Gesegnet sei der Tacker, der sie ersetzt. Der uns sein leises Klicken, Knurpsen oder Gnicken schenkt, das variiert wohl von Modell zu Modell. Deswegen müsste der Tacker eigentlich Klicker, Knurpser oder Gnicker heißen. Aber das klingt eben nicht nach Büro, weshalb man ihm den ernsten Namen „Tacker“ gab. Auch kriegt man ein Kratzen im Hals beim häufigen Aussprechen des Wortes „Gnicken“ und ein Tacker wird ja recht viel herumgereicht. Hat ja nicht jeder einen in der Schublade.

Mein Tacker in herrlichem Azurblau steht auf dem Schreibtisch und leuchtet und lacht mich immerzu an. Früher stand da ein hölzernes Kistchen mit Büroklammern. Wunderfein anzusehen, aber von monströsem Inhalt, wie jeder weiß, der mit den metallenen Jungs täglich zu tun hat. Doch die Kämpfe mit verhakelten Büroklammern gehören für immer einer düsteren Vergangenheit an. Wie die großen Kriege (hoffentlich). Ich tackere jetzt.

Zurück zum Abheften. Tackern ist eine akkurate Angelegenheit und deshalb in unserer heillosen Welt so ein seelenreinigender Genuss. Die zu tackernden Papiere präzise Kante auf Kante zu legen, erfordert Übung und Geduld, kann aber gar nicht wichtig genug genommen werden. Es geht hier auch um Demut vor dem Material. Ob die Nadel an der Quer- oder Längskante versenkt wird, kann jeder frei entscheiden und sogar mal variieren. Maßgeblich ist, dass Nadel und Papier eine exakte Parallele bilden. Eine schräg getackerte Nadel ist schlichtweg eine Beleidigung für das Auge.

Wenn alles getackert ist, kommt das Lochen. Das ist auch schön und das kleine Geräusch, wenn die winzigen, aber kräftigen Bolzen sich durch das Papier fressen, ist ebenfalls hübsch anzuhören. Danach hat man außerdem ganz viel Konfetti. Bevor man sich ans Lochen macht, sollte man sich jedoch über eines klar sein: Loch ist Loch. Bis in alle Ewigkeit. Noch nie hat man von einem Locherloch gehört, das wieder zugewachsen wäre. Die Tackernadeln hingegen kann man sanft wieder entfernen. Löcher bleiben zwar auch, die sind in ihrer bestürzenden Winzigkeit aber mindestens so ein Wunder wie die Füße eines Neugeborenen.

Barbara Weitzel liest am 23.10. auf der Lesebühne „Des Esels Ohr“ in der Zionskirche zusammen mit Franziska Hauser, Susanne Schirdewahn, Kirsten Fuchs und Ahne. Beginn 19 Uhr, Eintritt frei.