Bully Herbig am Set von „Ballon“.
Foto: Studiocanal/Marco Nagel

Sein zweiter Vorname ist ja offiziell „Erfolgsregisseur“, Michael Herbig hat aber nichts dagegen, wenn man weiterhin bei „Bully“ bleibt. So wird er seit der Schule gerufen, wo er bevorzugt ein Trikot des FC Bayern spazieren trug, der damals vom Lastwagenhersteller Magirus-Deutz gesponsert wurde und den Slogan hatte: „Die Bullen kommen.“

Er genoss eine behütete West-Kindheit in München, von der DDR wusste er nichts, außer dass Menschen „nicht nur ihr eigenes, sondern auch das Leben ihrer Kinder riskieren“, um ihr zu entfliehen. So wie die Familien Strelzyk und Wetzel, die 1979 in einem selbst genähten Heißluftballon die Grenze von Thüringen nach Bayern überquerten.

Und eigentlich, sagt er beim Gespräch in seinem Büro auf dem Bavaria-Film-Gelände in Geiselgasteig – eigentlich habe er „das andere Deutschland“, die Menschen, die dort lebten, und die Geschichten, die sie zu erzählen haben, auch in all den Jahren danach nie kennengelernt – ehe er beschloss, die Ballonflucht zu verfilmen, und sich aufmachte, das verschwundene Land aufzuspüren und zu erkunden.

Mit rund 800.000 Zuschauern war „Ballon“ einer der erfolgreichsten deutschen Filme im letzten Jahr. Anlässlich des 30-jährigen Mauerfalljubiläums kommt er am 4. November erneut ins Kino.

Herr Herbig, Maxim Biller meinte einmal, wenn man dem Dritten Reich wenigstens irgendetwas abgewinnen wolle, dann den Umstand, dass es ein unerschöpflicher Quell an dramatischen Geschichten ist. Lässt sich das auch über die DDR so sagen?

Obwohl ich mich sehr lange mit der DDR beschäftigt habe, kenne ich sie noch immer sehr wenig. Nicht dass ich es bedaure, dass mir da die persönlichen Erfahrungen fehlen. Ich habe hauptsächlich zugehört und mir von Lebenswegen und Konflikten erzählen lassen, und ich habe versucht, die Menschen zu verstehen, von allen Seiten übrigens, also man ergreift da keine Partei, sondern versucht zu verstehen, warum Menschen so handeln, wie sie handeln. Tatsächlich habe ich im Laufe der Zeit so viele so unglaubliche Geschichten gehört, dass man Ihre Frage wohl mit Ja beantworten kann.

Hat Sie an der berühmten Ballonflucht in erster Linie die abenteuerliche Geschichte interessiert oder auch dieses rätselhafte verschwundene Land?

Von allem so ein bisschen. Das soll jetzt nicht zynisch klingen, aber natürlich suchst du als Filmemacher immer nach einem guten Stoff – und zwar möglichst einer Geschichte, die man auf der großen Leinwand zeigen kann. Und in diesem Fall war es eben so, dass ich die DDR zwar nicht aus nächster Nähe erlebt habe, aber in dieser Zeit auf der anderen Seite meine Jugend verbracht habe; ich bin ja derselbe Jahrgang wie der Fitscher, also der jüngere Sohn der Strelzyks. Ich war elf damals, und ich konnte das gar nicht begreifen, als ich davon in den Nachrichten hörte. Da waren also Deutsche, die von einem Teil Deutschlands in den anderen geflohen sind, ich habe das nicht verstanden.

Wurde darüber in der Schule gesprochen?

Nein. Wir hatten eine große Landkarte im Klassenzimmer hängen, da war links die BRD und rechts, etwas kleiner, die DDR, und irgendwo rechts oben noch diese kleine Insel West-Berlin. Ich habe mich oft gefragt, was sich dahinter verbarg, warum es zwei Deutschlands gab, aber das war eben so. Geschichte, das waren die Römer, das Mittelalter. Die jüngere Geschichte war nicht so das Thema. Dabei hätten die Lehrer damals noch aus eigener Erfahrung erzählen können, manche wuchsen während der Nachkriegszeit auf und hatten die Gründung der beiden deutschen Staaten und das, was dazu führte, miterlebt. Die deutsche Teilung war 1979, als den Familien Strelzyk und Wetzel die Flucht mit ihrem Ballon über die Grenze gelang, genauso lang her wie heute der Mauerfall.

Wie die Menschen dort drüben wohl leben mögen und wovon sie träumen?

Hatten Sie als Junge denn irgendeine Vorstellung von der DDR?

Wir hatten keinerlei persönlichen Bezug dazu, keine Verwandten, keine Bekannten. Von daher hatte ich wirklich keine Idee davon, wie das Leben im anderen Deutschland sein mochte. Aber ich habe es mich immer gefragt, auch später als Teenager, als ich begann, die politische Dimension zu begreifen: Wie die Millionen Menschen dort drüben wohl leben mögen, was sie dort tun und wovon sie träumen?

Einige ganz offensichtlich von der Freiheit.

Als ich 14 war, kam die Disneyverfilmung der Ballonflucht ins Kino: „Mit dem Wind nach Westen“, hieß sie, im Original „Night Crossing“. Und klar, da war dieser waghalsige Plan und die Frage: Was bringt Menschen dazu, dass sie nicht nur ihr eigenes, sondern auch das Leben ihrer Kinder riskieren? Wie kommt man auf die Idee, einen Ballon zusammenzuflicken, um damit ins Ungewisse zu fliegen? Das klang ja wie ein Märchen.

Oder wie „Der Herr der Ringe“: ein dunkles Fabelreich, aus dem die Helden entkommen.

Exakt. Man darf nicht unterschätzen, wie sehr diese und ähnliche Geschichten die Vorstellung von der DDR im Westen geprägt haben.

Und nun wollten Sie die Geschichte adäquat erzählen?

… gepaart mit dem Wunsch, mal ein anderes Genre zu bedienen, und weil ich auch ein großer Hitchcock-Fan bin, dachte ich: Die Ballonflucht hat dich immer bewegt, das versuchst du jetzt mal. Und eigentlich fing erst dann so richtig die Auseinandersetzung mit der DDR an, mit dem System, mit dieser Welt.

„Es klang wie ein Märchen“: der Ballon in „Ballon“.
Foto: Studiocanal

Sie waren 21, als die Mauer fiel.

Ich war bei der Bundeswehr.

Ach was!

Das war ja auch so surreal. Man muss das auch mal aus folgender Sicht sehen: Du wächst in einem geteilten Deutschland auf, und nichts deutet darauf hin, dass sich das mal ändern könnte. Und dann ging das alles ganz plötzlich. Keiner wusste, was passiert. Fahren da jetzt die Panzer auf? Wir haben schon angefangen, die Kaserne mit Sandsäcken zu schützen. Ich war als Wehrdienstleistender in München bei den Pionieren, und ich dachte: Okay, in Berlin überrennen sie die Mauer, und wir schützen uns hier mit Sandsäcken!

Wie war das so emotional?

Was mich massiv berührt hat, waren diese Märsche, diese Montagsdemonstrationen, der Mut der Menschen – ich meine, das war nicht so wie heute: Ich geh jetzt mal demonstrieren, weil mir dieses und jenes nicht passt. Keiner muss hier befürchten, dafür belangt oder eingesperrt zu werden oder noch Schlimmeres. Diese Menschen damals haben wirklich sehr, sehr viel riskiert.

In Ihrem Film machen Sie am Ende auch einen Zeitsprung ins Wendejahr, allerdings nicht bis zum Mauerfall, sondern zu Genscher am Balkon der Prager Botschaft.

Dieser Schrei, diese Schreie, als Genscher verkündet, „dass heute Ihre Ausreise …“, er kann den Satz ja gar nicht zu Ende sagen – da krieg ich heute noch Gänsehaut, diesen Moment wollte ich unbedingt im Film haben, weil er so viel ausdrückt. Was sich da entladen hat an Emotionen, welche individuellen Dramen sich da abgespielt haben. Jeder Schrei erzählt da seine eigene Geschichte.

Das haben Sie schon damals gedacht?

Nein. Damals habe ich, vermutlich wie so mancher im Westen, gedacht, der Spuk ist vorbei.

Es soll Menschen geben, die das alles gerne wieder rückgängig machen wollen.

Dass da ein Land verschwindet, in dem 40 Jahre gelebtes Leben steckt, und für jeden war es anders – dieser Gedanke kam erst mal gar nicht.

Total richtig. Ich habe erst im Laufe der Zeit realisiert, dass den Menschen im Osten mit der Wiedervereinigung viel zugemutet wurde. Viele wurden arbeitslos und wussten nicht, wie’s weitergehen soll. Andere konnten ihre Chancen nutzen, wie zum Beispiel Günther Wetzel. Zudem stelle ich es mir grauenvoll vor, wenn du irgendwann herausfindest, dass zum Beispiel dein Nachbar bei der Stasi war oder dein Lieblingsmusiker. Das Land war zwar weg und das System zerbrochen, aber die Menschen waren ja noch da – die dafür waren genauso wie die, die dagegen waren. Und sie mussten damit klarkommen und das aufarbeiten, dass sie auf verschiedenen Seiten standen. Es soll Menschen geben, die das alles gerne wieder rückgängig machen wollen. Die sich diese Diktatur, dieses Unterdrückungssystem schönreden. Schwer nachvollziehbar.

Geht es nicht eher darum, dass den Menschen aus der DDR das Gefühl vermittelt wurde und bis heute wird, dass sie 40 Jahre lang das falsche Leben gelebt haben?

Das ist etwas anderes. Das rührt ja an der Frage: Gibt es ein richtiges Leben im falschen? Das gab es natürlich, und das habe ich durchaus versucht zu thematisieren. Sie werden von vielen Menschen hören, dass sie in der DDR eine schöne Kindheit hatten, das hat für sie total gestimmt. Und es gibt ja in „Ballon“ den Jungen, der sagt: „Was machen wir, wenn’s uns im Westen nicht gefällt? Wahrscheinlich sehen wir unsere Verwandten nie wieder, die Menschen, die wir lieben.“ Oder es gibt den Stiefvater von Günter Wetzel, der meint: „Ich hab mein Häuschen, ich hab meinen Garten, ich hab deine Mutter, euch, mehr wollte ich nicht.“

Er sagt dann aber auch noch: „Du musst aber nicht dasselbe wollen wie ich.“

Weil er natürlich weiß, dass all dem etwas Essenzielles fehlt: Freiheit. Und wenn der Film nur ein bisschen dazu beiträgt, dass die Leute die Freiheit, die sie heute genießen, zu schätzen wissen, dann hat er schon viel erreicht.

Kann es trotzdem sein, dass die deutsche Einheit auch daran krankt, dass das Leben der Menschen in der DDR, deren Geschichte und Geschichten bis heute geringgeschätzt werden und in keiner Weise Teil „unserer“ Erzählung sind?

Sie meinen, dass sich die Leute einkassiert fühlen?

Oder gerade nicht. Ich meine, so wie zum Beispiel die irische und die italienische Einwanderung Teil der amerikanischen Erzählung sind.

Ich glaube, dass es ganz viele, individuell auch ganz verschiedene Erwartungen gab. Richtig ist, dass im Westen, um von mir selbst zu sprechen als damals 21-Jährigem, die Sicht der Dinge war: Freunde, man hat euch 40 Jahre schlecht behandelt, aber Schwamm drüber, jetzt ist alles gut. Dass das nicht ganz so einfach war, dass den Menschen da auch was wegbricht, dass es Dinge gibt, die sie sich bewahren wollen, ganz individuell, auf den Gedanken wäre man erst mal nicht gekommen. Richtig ist aber auch, dass mir zum Beispiel Günter Wetzel erzählt hat, dass er auch dann in den Ballon gestiegen wäre, wenn er gewusst hätte, dass zehn Jahre später die Mauer fallen würde.

Im Ernst?

Genau das habe ich ihn auch gefragt. „Du hättest alles riskiert, ohne zu wissen, ob die Flucht überhaupt gelingt?“ „Ja“, sagt er da, „denn es waren zehn Jahre in Freiheit.“ Daraufhin ich: „Hat sich denn das, was du dir vom Westen erwartet hast, bestätigt?“ Da sagt er: „Ich habe gar nichts erwartet. Ich habe meine Freiheit gesucht.“

… die für andere dann aber doch nicht alles war.

Natürlich, wir sprechen hier ja von 16 Millionen Menschen, von denen jeder seine eigenen Erwartungen und Haltungen hatte. Heißt Westen jetzt: das Land, wo der Honig fließt? Oder muss ich ab jetzt komplett eigenverantwortlich handeln? Kann ich mit dieser Freiheit überhaupt umgehen? Es gab jede Menge Leute, die mochten das DDR-System nicht und fanden das ungerecht, aber sie waren irgendwie zufrieden. Weil man sich um sie gekümmert hat. Weil man ihnen die eine oder andere Verantwortung abgenommen hat, das gab es auch. Und das kann man ihnen nicht vorwerfen. Wir hatten es gerade vom Stiefvater von Günter Wetzel. Das ist eine absolut nachvollziehbare Haltung.

Auch etliche, die 1989 auf der Straße waren, sind heute ernüchtert.

Schauen Sie, wenn ich mir jetzt vorstelle, ich wäre in diesem System aufgewachsen und hätte mich die ganze Zeit unterdrückt gefühlt, hätte für meine Freiheit gekämpft, wäre auf die Straße gegangen, hätte echt was riskiert. Und dann gibt es diese Wiedervereinigung. Und ich spüre bald nach dem ersten Taumel so eine Überheblichkeit, bekomme das Gefühl vermittelt, ich muss immer für alles dankbar sein – nicht überall und von allen, aber doch latent. Da sage ich auch irgendwann: Moment mal, ich hab mir diese Freiheit erkämpft, von der Scheiße, die ich erlebt hab, habt ihr doch keine Ahnung. So was setzt sich fest, erst mal ganz klein, aber dann immer stärker, dann erfüllen sich womöglich gewisse Erwartungen nicht, und irgendwann denkst du dir: Jetzt hab ich auch noch das bisschen, was ich besaß, verloren. Dafür hab ich also gekämpft? Klar kann das frustrierend und ernüchternd sein.

Die Familie Strelzyk ist ja nach der Wende wieder zurück nach Thüringen gegangen.

Die sind wieder zurück, ja.

Weil sie enttäuscht waren vom Westen?

Nein, das ist ganz wichtig. Thüringen war ihre Heimat, und sie haben ihre Heimat geliebt. Sie sind „nicht wegen der besseren Margarine“ in den Westen geflohen, wie Peter Strelzyk immer sagte, sondern weil sie sagen wollten, was sie denken, und weil sie ein selbstbestimmtes Leben leben wollten. Sie wollten ihre Heimat nicht verlassen, aber man hatte ihnen das Leben dort unmöglich gemacht. Nach der Flucht wurden sie natürlich gleich mal enteignet, das heißt, man hat ihnen das Haus weggenommen, aber nach der Wende haben sie es sich zurückerkämpft, und dann sind sie wieder zurück. Weil das ihre Heimat war und immer geblieben ist. Das hat mir ganz viel gesagt.

Niemand wollte aus der DDR weg, nur weil das Gras im Westen grüner war

Was hat Ihnen das gesagt?

Na, dass die Strelzyks und ganz viele andere Menschen nicht wegwollten, weil das Gras in der Bundesrepublik grüner war oder weil sie die Menschen in der DDR nicht mochten, sondern weil sie den Zustand nicht ertragen haben.

Im Film werden die Fluchtursachen der Familien Strelzyk und Wetzel nie explizit thematisiert. Das wird eher über eine irgendwie unbehagliche Atmosphäre transportiert, die über allem liegt.

Typische Wessi-Frage, die ich mir natürlich auch gestellt habe und die ich auch an Peter Strelzyk hatte, der ja leider vor zwei Jahren gestorben ist …

… aber Sie haben noch mit ihm sprechen können?

Ja, ich habe das letzte lange Interview mit ihm geführt, mehrere Stunden lang. Aber weder bei ihm noch bei Günter Wetzel gab es diesen einen Moment, der das Fass zum überlaufen gebracht hat, was aus filmischer Sicht natürlich gut gewesen wäre. Nach dem Motto: Jetzt reicht’s, wir hauen ab! Aber nein. Es war ein Prozess, es war eine Ansammlung von Dingen, die einen gestört haben, und ein Gesamtzustand, der nicht mehr zu ertragen war. Von daher wäre es leicht gewesen, aber eben nicht korrekt, so gleich mal zu zeigen, wie schlimm es in der DDR war. Stattdessen siehst du eine Familie, die wohnt in einem eigenen Haus, hat ein Auto, nette Nachbarn, und du merkst eher schleichend im Verlauf des Films, was das Problem ist …

Erkannten die Strelzyks und Wetzels „ihre“ DDR wieder?

Ja und nicht nur sie. Interessanterweise scheint das sogar bei Menschen zu funktionieren, die die DDR nie erlebt haben. Wie hatten ja mit „Ballon“ einige Schulvorführungen, bei manchen war ich auch dabei, und es war wunderbar zu sehen, wie die Schüler auf den Film reagiert haben. Später habe ich gehört, dass manche noch tagelang gedanklich mit diesem Film beschäftigt waren.

Friedrich Mücke als Peter Strelzyk
Foto: Studiocanal

Wobei Sie ja selbst dem von Thomas Kretschmann gespielten Stasi-Offizier Seidel, der die Strelzyks und Wetzels vor sich hertreibt, eine gewisse Ambivalenz zugestehen. Als er den Ballon der ersten, missglückten Flucht findet, ist er richtig angetan von dem Aufwand. Und dann sagt er geradezu wehmütig: „Warum lassen wir sie nicht einfach laufen, wenn sie meinen, dass sie drüben glücklich werden?“

Er steht für das System und genießt seine Macht, aber auch er hat seine Motive, auch er hat seine Geschichte. Es gab eine Dialogszene im Drehbuch, die hat es später nicht in den Film geschafft, da spricht er von seinem Vater, der im Krieg war, und man hätte doch gesehen, wo der Nationalsozialismus hingeführt hat. Dabei rutscht er von einem Extrem ins andere.

Er denkt, er arbeitet für eine gute Sache.

Was ist gut, was ist böse? Das ist ja eine sehr subjektive Wahrnehmung. Wobei ich der festen Überzeugung bin, dass jemand, wenn er wirklich, wirklich tief in sich reinhört … also ich kann mir das nicht vorstellen, dass Menschen nicht spüren, wenn sie etwas Falsches oder Böses tun. Aber vielleicht bin ich da naiv. Wenn jemand mordet, wenn er Menschen demütigt, wenn man sich Dinge ausdenkt wie Minenfelder und Selbstschussanlagen – wo ist da das Gewissen? Ich muss doch innerlich spüren, dass das falsch und durch nichts zu rechtfertigen ist.

Täuscht der Eindruck, dass man jetzt, 30 Jahre nach dem Mauerfall, beginnt, einen zweiten, differenzierteren Blick auf die DDR zu werfen? Wir haben „Ballon“, wir haben aber auch „Gundermann“, die „Familie Brasch“ …

Unbedingt. Das war ja zum Beispiel auch ein Grund, warum Günter Wetzel „Mit dem Wind nach Westen“ überhaupt nicht mochte. Der war aus seiner Sicht zu sehr schwarz-weiß erzählt. Gut, es waren die Achtziger, und es war ein amerikanischer Film, und da hatte man sich eben weniger mit dem echten Leben in der DDR beschäftigt, sondern vorrangig mit der Frage: Wer sind die good guys, wer sind die bad guys?

Es gab durchaus Befürchtungen, dass Sie als Wessi nicht den richtigen Blick auf die Geschichte haben könnten.

Wahrscheinlich wäre es ein anderer Film geworden, wenn ihn ein ostdeutscher Kollege gedreht hätte. Aber ich fand es gerade interessant, sich das zu erarbeiten, es unbefangen und mit den Augen eines Betrachters von außen zu sehen. Für ein junges Publikum fühlt sich dieser Film ja fast wie Science-Fiction an. Weil man sich das so ja erstmal gar nicht vorstellen kann. Ehrlich, man kann sich das heute wirklich nicht mehr vorstellen!

Waren Sie eigentlich je in der DDR?

Der Klassiker. Schulabschlussfahrt nach West-Berlin. Also erst mal mit dem Bus durch die DDR. Was habe ich für Erinnerungen? Na klar merkst du gleich, dass es auf der Autobahn bissl mehr schaukelt. Ich bilde mir auch ein, dass es anders gerochen hat. Und ich fand’s auch irritierend, dass der Lehrer gesagt hat, wenn wir angehalten werden, und es kommen Uniformierte rein, bitte nichts sagen außer Ja und Nein, sonst stehen wir hier Stunden. Noch irritierender war es dann, als der Tag kam, an dem wir von West-Berlin rüber in den Osten gegangen sind.

Erzählen Sie.

Schon die Grenzkontrolle. Du kamst da in diesen Raum, alleine. Und da saß dieser Mann, erhöht natürlich, was dich gleich mal eingeschüchtert hat, und dann schaute er dich so an und schaffte es allein mit seinem Blick, dass du ein schlechtes Gewissen bekommen hast. Ich dachte, Oh Gott, hab ich schon mal was geklaut? Der weiß bestimmt alles über mich. Schließlich waren wir aber alle drüben, ich weiß nicht mehr wo, es war grau, ein großer, grauer Platz. Und dann wollten wir was essen gehen und sind in ein Restaurant, da haben sie uns gleich wieder rausgeschmissen, wir sollen uns gefälligst anstellen. Das kannte ich auch nicht, dass man sich in einem Restaurant anstellen muss. Schließlich waren wir dran, und sie haben uns an die Tische verteilt, wo gerade ein Platz frei war. Wir konnten also nicht zusammensitzen, sondern saßen einzeln mit wildfremden Menschen am Tisch. Ich kann mich auch erinnern, dass da relativ wenig geredet wurde. Als wir raus sind, habe ich jedenfalls gesagt: Ich fühle mich nicht wohl, ich würde gerne einfach wieder nach Hause fahren. Verstehen Sie mich nicht falsch, niemand war unfreundlich zu mir, aber es war fremd, irgendwie eigenartig, und ich war froh, als ich wieder auf dieser kleinen Insel West-Berlin war, diesem Punkt, den ich von der Landkarte kannte.

Werden wir am Ende noch ein glückliches Volk?

Und dann?

Na dann ging alles ganz schnell. Mauerfall. Wiedervereinigung, Fußballweltmeister. Eine wahnsinnige Aufbruchsstimmung. Man dachte ja, wo soll das noch alles hinführen? Werden wir am Ende noch ein glückliches Volk?

Ging alles zu schnell?

Ich denke, dass es dem einen oder anderen gar nicht schnell genug gehen konnte. Es gab sicher auch Menschen, die sich gesagt haben, ich hab da jetzt auch ein Recht drauf: Jetzt müssen wir reisen und uns die Welt anschauen, das durften wir nie. Jetzt will ich aber auch ein Auto. Aber ich will auch bitte all das behalten, was ich zu Hause hatte – ich will also das Beste von allem. Das ist nur zu verständlich, aber auch schwierig. Und dann kommt noch etwas dazu, was wir ja schon angesprochen haben: Da verschwindet auf einmal ein ganzes Land. Du wirst da rausgerissen. Alles, was dir vertraut ist, was du mochtest, wird überrollt. Und diese Goldgräberstimmung im Westen. Das war ja schon fast die Standardfrage: Investierst du auch im Osten? Ich so: Nein, davon verstehe ich nichts. Es ist absolut nachvollziehbar, dass viele im Osten einfach Angst hatten, das Wenige, was sie hatten, zu verlieren. Und das meine ich jetzt nicht nur materiell.

Sie meinen …

… ihr Leben, ihre Geschichte, ihre Geschichten.

Bei den Iren und den Italienern in Amerika hat es auch eine Generation gedauert, bis sie erzählt wurden.

Ohne das jetzt schönzureden, aber es hat sich auch enorm viel zum Positiven entwickelt. Und ich glaube, es würde uns allen ganz gut stehen, das zu sehen, statt permanent auf dem rumzuhacken, was alles versäumt wurde. Jeder trägt hier auch eine Verantwortung: Solange man Gegensätze, Klischees oder Vorurteile kultiviert und weiterträgt, hält man sie am Leben. Das ist nicht besonders schlau und konstruktiv. Zukünftige Generationen gehen damit hoffentlich entspannter um.