Tausende Besucher jubeln bei einem Konzert.
Foto: Till Petersen

Betrunkene Nachbarn, die ans Zelt pinkeln, Hünen, die einem die Sicht auf die Lieblingsband rauben, und eine Dose Ravioli, die selbst nach dem dritten Bier nicht schmeckt: Jeder, der schon einmal ein Festival besucht hat, kennt diese Dinge, in denen Menschen eine etwas saloppe Haltung gegenüber den zivilisatorischen Errungenschaften an den Tag legen. Man erinnert sich nicht gern an sie, aber sie gehören doch dazu.

Den Rest besorgt die Arbeit der Verklärung, geht es auf den einschlägigen Popfestivals doch nicht nur um die eigentlich im Zentrum stehende Musik, sondern auch um das Lebensgefühl von Freiheit oder wenigstens einer vorübergehenden Auszeit. Und jetzt, da man diese Dinge aufgrund der Corona-Pandemie lange nicht erleben konnte, fehlen sie unbedingt. Nicht nur den vergnügungsbereiten Fanmassen. Den Veranstaltern fehlen die Einnahmen, viele traditionelle Festivals sind in ihrer Existenz bedroht.

Aus diesem Grund hat die Festival-Informationsplattform „Höme – Für Festivals“ eine bundesweite Initiative unter dem Namen „Festival für Festivals“ gestartet. Veranstalter, die ihr Festival bisher nicht ausführen durften, können sich bei den Betreibern melden, um sich bei einer Benefizveranstaltung vom 21. bis zum 23. August zu beteiligen. Aufgrund der Pandemie ist es ein Streaming-Event, bei dem verschiedene Künstler auftreten und auch Livetalks stattfinden sollen. Wer sein Lieblingsfestival unterstützen möchte, kann dann vorab ein Festivalbändchen kaufen, das klassische Erkennungs- und Kontrollzeichen eines solchen Ereignisses. Alternativ lässt sich auch eine Einkaufstüte oder ein T-Shirt erwerben. Gecampt und gefeiert werden muss dann aber zu Hause.

155 Veranstalter machen bei „Festival für Festivals“ mit

„Wir alle haben in den letzten Wochen gespürt, was uns durch den Ausfall der Festivalsaison in diesem Jahr fehlen wird“, sagt Johannes Jacobi, einer der Initiatoren, „aber wir haben eben auch gesehen, dass viele – egal ob Fans oder Macher – ihre Begeisterung zu dieser riesigen, diversen Festivallandschaft teilen. Hier wollen wir mit dem ‚Festival für Festivals‘ ansetzen, indem wir Geld zur Unterstützung sammeln und Künstlern und Dienstleistern eine Bühne geben.“

Aktuell listet Jacobi rund 155 Festivals, die sich bei der Initiative gemeldet haben. Die prominentesten sind das Feel-Festival in Brandenburg, das alínæ lumr in Storkow und das c/o pop Festival in Köln. Die etwas populäreren Festivals wie das Lollapalooza Berlin und das Hurricane Festival in Scheeßel sind nicht gelistet, sie verschieben ihre Veranstaltung auf das nächste Jahr. Und das Wacken Open Air macht am 29. Juli sein eigenes Online-Event. Bis jetzt ist bei diesem noch nicht bekannt, ob dafür auch Spenden gesammelt werden.

Das Team um Johannes Jacobi konnte bisher für die Teilnehmer von „Festival für Festivals“ 180.000 Euro sammeln – nicht nur mit den Besucherbändchen, auch Sponsoren haben ihnen dabei geholfen. Für eine Finanzierung von 155 Festivals reicht es allerdings noch nicht.

„Es wäre wünschenswert, dass Künstler, Veranstalter und alle, die in diesen Bereichen tätig sind, die Wertschätzung und die Unterstützung der Politik erfahren, die sie verdienen und dringend benötigen“, sagen etwa die Betreiber vom Summerjam-Festival in Köln. Auf der Seite von „Festival für Festivals“ steht ihr Statement stellvertretend als eines von vielen. Die rund 155 Festivals hätten in einem normalen Jahr etwa anderthalb Millionen Menschen zusammengebracht. Klar ist, dass das Event also auch ein Appell an die Politik sein soll. „Bei all dem Herzblut, das in diese Veranstaltung fließt, bleibt die bittere Erkenntnis, dass die Festivalwelt im Gegensatz zu vielen anderen Branchen fast ausschließlich auf Selbsthilfe angewiesen ist“, heißt es.

Noch bis zum 19. Juli besteht die Möglichkeit, Merchandise-Artikel zur Unterstützung der Festivals zu kaufen. Wer nicht spenden möchte, aber dennoch gucken will, kann trotzdem am Event teilnehmen – der Stream wird für alle kostenlos zugänglich sein. In den nächsten Wochen soll auf der Webseite der Veranstalter dann auch ein Line-up folgen.

„Festival für Festivals“ findet vom 21. bis zum 23. August statt. Stream, Infos und Festivalbändchen gibt es auf: www.festivalfuerfestivals.de