Norbert Bisky zählt zu den wichtigsten Gegenwartskünstlern und stellt zum 30. Jahrestag des Mauerfalls unter anderem in Potsdam aus.
Foto: N.Bisky/ König Galerie/VG BIldkunst Bonn 2019/B. Borchardt

BerlinBloß nicht nach untern gucken! Und ja nicht loslassen. Die Hände des jungen Mannes in Camouflage-Kluft und Turnschuhen krampfen sich ums Seil. Er hangelt sich mit den Füßen voran, hoch oben über halb verheißungsvoll, halb bedrohlich lilafarbene, an manchen Stellen wie in Brand gesteckte Wolken über einem Fluss. Von Ost nach West.

Das Bild ist ein Gleichnis für das, was der heute 49-jährige Maler Norbert Bisky damals, mit neunzehn, erlebte und fühlte, als die Mauer fiel. Er ist es sozusagen selber, war kurz zuvor noch eingezogen worden, saß in einer NVA-Kaserne. Und haute ab, kam in den Bau, kurz nur, dann ließen sie ihn frei. Aber die verschwindende DDR verpasste ihm noch eine schmerzende Narbe.   „Alles ist nun, 30 Jahre später, wieder da“, sagt er. Der enge, aber vertraute Staat und sein kartenhausähnlicher Zusammenbruch haben Norbert Bisky im Jahr 2019 eingeholt. Und er malt sich von der Seele und aus dem Kopf, was damals und seither passierte.

Inzwischen hat er die Welt gesehen, bei Georg Baselitz an der Hochschule der Künste studiert. „Ich hatte damals Kalifornien im Kopf, wollte malen wie die Avantgarde dort“, erzählt Bisky selbstironisch. „Aber mein Lehrer Baselitz sagte, das sei Quatsch. Ich solle mich malend mit meiner DDR-Vergangenheit auseinandersetzen. Das sei elementar für mich. „Das hab ich beherzigt, die Pionier- und FDJ-Zeit ins Bild gesetzt, all die abstrusen Rituale, den ideologischen Drill, Wehrkunde und Staatsbürgerkunde.“ Auch den Kulturclash mit der westlichen Welt, die ungewohnte Freiheit, den Konsumterror, die gesellschaftlichen Verwerfungen, die Kriege auf dem Balkan, im Nahen Osten. Und sein eigenes Coming out.

"Da war ich zu jung, zu naiv"

Heute zählt Norbert Bisky zu den wichtigsten Gegenwartskünstlern. Und gräbt wieder seine Wurzeln aus: „Zum Mauerfall vor 30 Jahren habe ich nichts beigetragen. Da war ich zu jung, zu naiv. Das haben mutigere Leute gemacht. Aber jetzt kann ich etwas Relevantes dazutun“, sagt er und gewährt   freimütig Zutritt zu seinem   Friedrichshainer Atelier.

Die Bilder stehen ringsum an den Wänden. Tags darauf werden sie abgeholt für eine große Doppelschau, mit der er, wie er es nennt „in diesen deutschen Zeittunnel“ reingeht und davon erzählt, woher er kommt. Ab dem 9. November hängen die Tafeln mit dem real-fiktiven Bildgeschehen in der Villa Schöningen an der Glienicker Brücke, legendärer Schauplatz des Kalten Krieges und Symbol für die Teilung Europas. Tags darauf fügen sich Biskys Bilder zu einem energetischen, theatralischen Deckengepuzzle in der evangelischen St.-Matthäus-Kirche am Kulturforum.

Seine Bildsprache für die Wucht der Ereignisse vor 30 Jahren und   die Folgen drücken förmlich auf eines der drei winzigen Altarbilder, die er nacheinander in die Apsis hängen wird: ein Mann am Kreuz. Ein sehr privates Requiem. Der sonst so offene Maler spricht es nicht an. Aber   alles lässt darauf schließen, dass es an den 2008   verstorbenen jüngsten der drei Bisky-Brüder erinnert.

Oben toben fast comicartig all die Explosionen in Öl, Farb-Attentate, knallbunte, orgiastische Zerstörungsgleichnisse in barocker Schönheit halbnackter Körper, aggressiver Kampfhunde und in Fetzen fliegender Utensilien – alles, was in der Welt ist: Liebe und Gewalt, Angst und Exzess, Hetero- und Homosexualität und religiöse Verzückung von Frauen, die sich die Blusen aufreißen. Immer wieder junge Männer mit athletischen Körpern, Frauen, Familien. Alles versucht sich zu behaupten in den sturmwalzenartigen Wolken und Wellen, zwischen schwankenden Hochhäusern und Turmbauten der einstigen Stalinallee, Vorzeige-Boulevard des Sozialismus, auch zwischen berstenden Bauten und   menschlicher Beziehungen.

Mit  Breitpinsel und grellen Farben

Deutsches Welttheater, aus welcher Sichtachse man auch schaut: Die Untersichten machen schwindlig, das Schweben der Figuren auf den Bildern an Seilen, auch die der Mauertoten. Das Wimmeln und zentrifugale Wirbeln im Bildraum, die Aufhebung der Schwerkraft. Auch die sonderbaren Gegenstände, die Verweise mit DDR-Landkarten und die Körper in wollüstig-schmerzhaften Überdrehungen sind Gleichnisse, ebenso die Titel: „Rant“, für Schimpfen, „Sacudón“ für Erschütterung, „Dies illa“ für Zorn oder Gericht. Alles hat Bisky mit dem Breitpinsel und grellen Farben auf die Leinwände geschmettert.

Auch das Bildnis „M“, First Lady der DDR und politische Strippenzieherin Margot Honecker, noch jugendlich, aber schon mit jenen blau gefärbten Haaren aus der Zeit, als sie eine starrsinnige Megäre geworden war. „Ich habe sie gemalt als aus der Geschichte gejagtes Götzenbild, beworfen mit buntem Dreck“, so Bisky. Er verlässt sich darauf, dass wir sehen, dass es bei den splittrigen Motiven um Geschichte, Gegenwart, Zukunft geht. Um Irritation, Heimat- und Identitätsverlust, Enttäuschung. Und um Ratlosigkeit. Er kann nicht beantworten, was los ist mit so vielen antifaschistisch erzogenen Ostdeutschen, die jetzt der AfD nachrennen oder gar Sieg Heil brüllen.

Er kann es nur malen, übersetzen in collagehafter Ästhetik, die auch das Digitale einbezieht bei all den Bilderfetzen. Alles hat mit allem zu tun, ist emotional und konzeptionell, real und fiktiv zugleich. Kunst könne, sagt er, die vor 30 Jahren wiedervereinte, von Mauern, Wachtürmen und Panzersperren befreite Gesellschaft, die heute sozial und politisch wieder so zerrissen ist, nicht zusammenschweißen, gar bessern. „Sie kann aufzeigen und aufstören.“

Zur Ruhe kommen in Kirchen, Moscheen, Synagogen

Das unheilige Figurenszenario, die dramatischen Himmel – alles ist emotional aufgeladen. Die wie in Trance taumelnden oder durch die Luft fliegenden Figuren lassen an die italienischen Manieristen denken. Andere an Goya und   andere spanische Altmeister. Deren Kunst hat Bisky geradezu aufgesogen, als er in den Neunzigern mit einem Stipendium in Madrid arbeiten konnte. „Ich denke viel nach über die Präsentation von moderner Malerei als Deckenbilder. Gerade weil das so aus der Zeit gefallen scheint“, erklärt Bisky. „Ich bin gerne in Kirchen, Moscheen, Synagogen. Da komme ich zur Ruhe, zum Nachdenken über die Welt. Unlängst war ich in Venedig, die Deckenbilder in Kirchen und Palazzi gehen mir nicht aus dem Kopf.“

Jetzt also inszeniert er an der Berliner Kirchendecke seine Erinnerungsfetzen an die DDR, den gesellschaftlichen Umbruch, seine dystopischen, sarkastischen wie von Albträumen getriebenen Statements. Dabei, sagt er, sei er konfessionslos, er sei nicht mal getauft. Er, das Kommunistenkind. „Zumindest   aber ist ja die Kunst meine Religion.“ Er denke allerdings über die Taufe nach, „weil meine spanischen Freunde sagen: „Wenn du nicht getauft bist, existierst du ja gar nicht.“

Foto: Studio Olaf Heine
Norbert Bisky


wird 1970 in Leipzig geboren, wächst in Ost-Berlin auf.  Er studiert an der Hochschule der Künste Berlin, (der heutigen UdK) von 1994 bis 1999 bei Baselitz.

ist der Sohn des Kulturwissenschaftlers Lothar Bisky (1941– 2013), der Rektor der Filmhochschule Potsdam war und mehrere Jahre Bundesvorsitzender der PDS. Sein älterer Bruder ist der Journalist und Schriftsteller Jens Bisky.

gehört heute zu den wichtigen zeitgenössischen deutschen Malern, ist Vertreter eines Neuen Realismus. In seinem Stil gibt es Anklänge an den Expressionismus wie an Werke spanischer und italienischer Alter Meister. Er malt viele Motive zur Geschichte.

stellt zum 30. Jahrestag des Mauerfalls aus: „Rant“, Potsdam, Villa Schöningen, Berliner Str. 86, 9. 11. bis 23. 2. 2020, Sa+So 12–18 Uhr.   „Pompa“, St.Matthäuskirche, Eröffnung am 10.11., 18 Uhr. Ausstellungsdauer bis 16. 2. 2020, Di–So 11–18 Uhr. Eintritt frei