Nein, ich will davon nichts hören. Lassen Sie mir diese kleine Spinnerei, die einem dreckigen Stück Stadt ein bisschen Glamour verleiht, die mich über den Taubendreck auf dem Asphalt hinwegsehen lässt und über die zerrupften Gestrüppe, die aus dem Schmutz am Straßenrand wachsen. Gönnen Sie mir die Fantasie, die aus dem zugigen Wind, jedes Mal wenn ein Lkw vorbeifährt, eine Meeresbrise macht. Ich stelle mir vor, dass ich flaniere, wo es einst der Kaiser tat.

Denn so geht die Geschichte der Hochbahn in meinem Kopf: Da ließ der Kaiser seine kaiserlichen Architekten die neue U-Bahn, dieses Wunder der Technik, auf Pfeiler setzen, damit seine Bürger bei Regen im Trockenen spazierten. Toll, so ein Kaiser, oder? Mir doch egal, ob das nun stimmt oder nicht. Ich halte diesen Gedanken fest in meinem Kopf, und sei es allein für die Alte, die hier immer entlangtrottet, eingehüllt in Decken zwar, Lumpen an den Füßen, aber zumindest trocken, denke ich, wenn ich sie sehe, auf den Spuren der Bourgeoisie.

Berlins kleine Spinnereien

Wie hielte man es aus in einer Großstadt ohne diese kleinen Spinnereien, die dem Hässlichen ein wenig Zauber verleihen? Was wäre die Großstadt ohne sie? Nichts als lebloser Beton. Womit wir bei den Burgern wären.

Dort, wo die Trasse eine Kurve macht, die Bahn quietschend gen Friedrichshain verschwindet, leuchtet unter den Gleisen neongrün das Pissoir. Die Berliner haben übrigens schon immer gerne gesponnen.

Café Achteck nannten sie diese Toilettenhäuser, weil sie nach dem Entwurf des Stadtbaurates Carl Theodor Rospatt von 1878 einen achteckigen Grundriss haben: sieben Wände, die achte fehlt, statt ihrer verwehrt ein Paravent den Blick auf den Eingang. Sehr diskret. Königin Victoria ließ sie erbauen, nachdem sie einen Schuft am Straßenrand hatte urinieren sehen. Wer weiß, ob diese Geschichte stimmt. Der Name aber, Café Achteck, ist verbürgt, siehe Wikipedia. Wenn auch nicht für dieses eine Pissoir, das ist nämlich viereckig, aber egal.

Und nun, ein Jahrhundert später, kamen jedenfalls die nächsten, mit mindestens ebenso viel Fantasie wie Verstand: Was für eine großartig spinnerte Idee, in dem Pissoir, das zu diesem Zeitpunkt schon längst außer Betrieb und von Gras umwuchert war und zuletzt hinter einem Bauzaun lag, eine Imbissbude einzurichten.

Sie nannten sie: Burgermeister. So heißen sie heute alle: Burgersteig. Burgeramt. Burgerwehr. Kreuzburger. Aber der Burgermeister war einer der Ersten, ganz sicher. Es gab ihn schon, bevor man in Berlin an jeder Ecke Burger essen konnte oder in Restaurants, die in ihren Speisekarten daran erinnern müssen, dass es sich nicht gehört, bei diesem um die Jahrhundertwende ? also als der Kaiser seine Hochbahn baute ? erfundenen Sandwich zu Besteck zu greifen. Auch nicht, wenn man dafür zehn Euro bezahlt.

Wer im Burgermeister isst, will auch in diesen Gourmetburgerzeiten keinen Schnickschnack. Der braucht keine Tischdecken, verlangt seine Bulette nicht medium rare. Sie kommt hier immer well done.

Fritten mit Käsesauce

Dazu gibt’s Fritten mit cremiger Käsesauce, die im Abgang eine zarte Chilischärfe im Gaumen zurücklässt. Oder Erdnusssauce, die gibt’s nur hier. Und immer ist alles garniert mit einer Extraportion Stadt: Man isst hier oft im Blaulicht, denn links und rechts heizen ständig die Wannen vorbei, weil am Kotti gerade mal wieder was zwangsgeräumt oder zur Dealer-Jagd im Görli geblasen wird.

Und wie sind die Burger selbst? So wie Burger sein sollen. Mit fluffig knusprigem Brötchen, saftigem Fleisch, frischem Salat. Nicht mehr. Nicht weniger.

Das alles erklärt natürlich die Schlange noch nicht, die hier vor einer Tafel mit roten Digitalziffern wartet wie beim Fleischer im Supermarkt. Ihre Länge errechnet sich aus der Zahl der Reiseführererwähnungen multipliziert mit der Clubdichte der Gegend, geteilt durch die Anzahl der übrigen Burger-, Pizza-, Dönerläden in Rufweite. Dazu lassen Temperatur, Tages- und Jahreszeit und Kofferrollenzahl ihre schwer berechenbaren Werte einfließen. Macht etwa: zehn Minuten Wartezeit. Läuft. Und über allem rattert die U1.