Ja, richtig gelesen! Der Burgtheaterdirektor ist entlassen worden! Zu solch einer Schlagzeige hat es einst nicht einmal der 1999 in Ehren verabschiedete Skandalsucher Claus Peymann gebracht. Jetzt muss der ungleich bravere Matthias Hartmann wegen eines Millionendefizits gehen. Auch der Vorstandschef der Bundestheaterholding, Georg Springer, räumt seinen Posten. Hartmann ist fünfzig und sah die Burg, als er 2009 antrat, als Lebensperspektive. Es half nichts, dass Frank Castorf, der soeben am Wiener Burgtheater in den Endproben steckt, seinem Intendanten-Kollegen rhetorisch beisprang und von den Österreichern eine große Geste forderte: „Natürlich, wir leisten uns den Luxus an der Burg! Ist doch schon Deutschland so kleinkariert, so amerikanisch.“

Im Gegensatz zu Berlin, das Castorf lieber nicht allzu genau in die Bücher sieht, ist Wien so deutsch-kleinkariert, dass es einen Intendanten in der Verantwortung für die Finanzkrise des weltweit bestausgestatteten Sprechtheaters mit 550 Mitarbeitern und einem festen Ensemble von 80 Schauspielern sieht. Es half nichts, dass Hartmann im Januar seine fürs Ökonomische zuständige Co-Direktorin Silvia Stantejsky entließ. Und es half schließlich auch nichts, dass Hartmann noch am Montag − unter Offenbarung seiner Kränkung und seiner Angst um seine Familie − einen vorübergehenden Teilrücktritt als Geschäftsführer bekannt gab, wohl um einem Komplett-Rauswurf zuvorzukommen. Nein, am Dienstagmittag um 13 Uhr hat Österreichs Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ) Hartmann des Amtes enthoben.

Ensemble hat Hartmann das Vertrauen entzogen

Ostermayer hatte die Pferde ruhig gehalten und sich hinter Hartmann gestellt, solange sich externe Buchprüfer durch die unübersichtlichen, lückenreichen und wohl auch gezinkten Bilanzen wühlten. Nun ist das Gutachten erstellt und der Schleudersitz entsichert. Hartmann, dem das Ensemble schon vor Wochen das Vertrauen entzogen hat, ist voll stolzer Uneinsichtigkeit, behauptet er doch, im künstlerischen Bereich, für den allein er sich zuständig sieht, einen ausgeglichenen Produktionsetat vorweisen zu können. Er kündigte umgehend rechtliche Schritte an. Er wird sich wohl kaum ins Amt zurückklagen können, aber was wäre ein Rauswurf, bei dem nicht auch etwas rauspringt?

Abgesehen davon, dass nicht wenige Österreicher sicher ihre Freude daran haben, einen arroganten und hochbezahlten Piefke fallen zu sehen, ist dieser Rauswurf auch eine große Pointe auf das Klischee von Hartmann als Theater-Sanierer. Er hat schließlich der Legende nach erst das Bochumer Schauspielhaus als Nachfolger von Leander Haußmann und dann das Züricher Schauspielhaus als Nachfolger von Christoph Marthaler wieder in die schwarzen Zahlen gebracht. Auf Kosten der künstlerischen Originalität zwar, aber welcher Kulturminister wüsste da nicht Prioritäten zu setzen? Ausgerechnet wegen seiner kaufmännischen Qualitäten hatte man ihn doch nach Wien geholt. Dass er nun von dem 2012/13 steuer- und tariftechnisch aufgewachsenen Defizit von über acht Millionen Euro (wozu noch Steuernachzahlungen für die vorherigen Spielzeiten in Millionenhöhe drohen) so gar nichts gewusst, geschweige denn etwas dafür gekonnt haben will, nimmt man ihm, der qua Amt jede Rechnung über einen mindestens fünfstelligen Betrag gegenzeichnen muss, nicht ab. Es hilft nichts: Heute gibt es nirgends mehr ein Theater, dass einfach nur reich ist und rumprotzen kann.