Spätestens seit seinem Buch „Müdigkeitsgesellschaft“ von 2010 ist Byung-Chul Han ein Star der Philosophie. Man konnte es als negatives Pendant zum Bestseller „Wir nennen es Arbeit“ lesen, in dem Sascha Lobo und Holm Friebe vier Jahre vorher ein Hohelied auf die digitale Boheme anstimmten, die sich jenseits von Festanstellungen neue, selbstbestimmte Arbeitsräume und –verhältnisse schafft.

Byung-Chul Han hingegen sieht in den neuen Formen der Arbeit im spätkapitalistischen System, die Antreiber wie Chefs oder Vorgesetzte vom Außen ins Innen verlagert haben, ein zerstörerisches Prinzip wirken, das Ängste, Depressionen, Burn-Out, narzisstische oder Borderline-Persönlichkeiten befördere: „Das heutige Leistungssubjekt kennt nur zwei Zustände: Funktionieren oder Versagen. Darin ähnelt es Maschinen.“ In seiner neuen Veröffentlichung, die direkten Bezug auf die Corona-Pandemie nimmt, geht er noch einen Schritt weiter.

Palliativgesellschaft“ heißt der neueste Band des Berliner Philosophen und Kulturwissenschaftlers mit koreanischen Wurzeln, den der Verlag Matthes & Seitz mit einem Aufkleber versehen hat: „Byung-Chul Han – der weltweit meistgelesene deutsche Zeitkritiker“. 

Ein ganzes Kapitel widmet Han dem gesellschaftlichen Umgang mit der Pandemie, in den meisten anderen spielt sie ebenfalls eine Rolle: „Das Virus dringt in die palliative Wohlfühlzone ein und verwandelt sie in eine Quarantäne, in der das Leben ganz zum Überleben erstarrt“, schreibt Han. „Je mehr das Leben ein Überleben ist, desto mehr Angst hat man vor dem Tod.“

Unsere Wirtschafts- und Lebensform bringt ein „untotes“ Leben hervor

Diese Sätze knüpfen direkt an die Analysen des vorausgegangenen Bandes „Kapitalismus und Todestrieb“ an. In dessen titeltragendem Essay sieht er im blinden Wachstumsstreben des modernen Kapitalismus einen Ausdruck des menschlichen Todestriebs, wie Freud ihn in seiner Psychologie beschrieben hat: „Die Produktion gleicht immer mehr einer Destruktion.“ Gleichzeitig sieht er im Akkumulations- und Wachstumszwang, in der Selbstoptimierung des Menschen im Neoliberalismus eine unbewusste Angst vor dem Tod am Werk: „Man optimiert sich zu Tode.“

Letztlich bringe unsere Wirtschafts- und Lebensform kein gutes, sondern ein „untotes“ Leben hervor, das nicht nur die Wachstumszahlen der Wirtschaft und des eigenen Kontos, sondern auch die Biodaten des eigenen Körpers im Blick hat – zum Beispiel mit Fitness-Apps. Wirklich lebendig sei hingegen nur das Leben, das auch den Tod in sich aufnehme. „Die Hysterie der Gesundheit ist die biopolitische Erscheinung des Kapitals selbst.“

Auch wer mit Byung-Chul Hans Werk bisher nicht vertraut ist, erkennt vielleicht an den bisher verwendeten Zitaten, dass der Philosoph zu knappen und absoluten Aussagen neigt, einem apodiktischen Stil, mit dem er die Gegenwart als nur einen Schritt von der Dystopie entfernt sieht. In seinem der Pandemie gewidmeten Kapitel, das mit „Überleben“ überschrieben ist, knüpft er an Giorgio Agamben an, der angesichts der Maßnahmen gegen die Virus-Verbreitung attestierte, dass unsere Gesellschaft an nichts mehr glaube außer an das nackte Überleben.

Byung-Chul Han: „Die Quarantäne ist eine virale Variante des Lagers“

Han steigert den Gedanken: „Die Quarantäne ist eine virale Variante des Lagers, in dem das nackte Überleben herrscht. Das neoliberale Arbeitslager in Zeiten der Pandemie heißt ‚Homeoffice‘. Nur die Ideologie der Gesundheit und die paradoxe Freiheit der Selbstausbeutung unterscheiden es vom Arbeitslager des despotischen Regimes.“

Möglicherweise treibt den Philosophen bei solchen verstiegenen Diagnosen selbst eine Angst: vor dem Verlust des guten und schönen Lebens, zu dem aus seiner Sicht Schmerz und leidvolle Erfahrungen gehören, das Risiko, nicht alles erwartbar und verfügbar zu machen. Damit stimmt er übrigens mit dem Soziologen Hartmut Rosa überein, ebenfalls einem Star aus der Zunft der Zeitdiagnostiker. Rosa schreibt in seinem Buch „Unverfügbarkeit“: „Statt auf das Faktum der eigenen Endlichkeit und damit auf das Leben und die Lebendigkeit hörend und antwortend zu reagieren, gilt das moderne Bestreben der Verfügbarmachung des Sterbens und der begleitenden Prozesse.“

Und noch eine Befürchtung treibt Han um. Im Interview mit dem europäischen Nachrichtenportal Euractiv sagte er kürzlich: „Das Virus stoppt Chinas Vormarsch nicht, ganz im Gegenteil. China wird nun seinen autokratischen Überwachungsstaat als Erfolgsmodell gegen die Epidemie verkaufen und der Welt die Überlegenheit seines Systems mit noch mehr Stolz demonstrieren.“

„Die Menschen sterben einsam auf Intensivstationen“

Byung-Chul Han sieht das alles verfügbar machende und jeden Schmerz und jede Unsicherheit aus dem Leben eliminierende Subjekt der neoliberalen Moderne auch als unfähig zu Empathie und Liebe: „Die Palliativgesellschaft beseitigt den Anderen als Schmerz. Der Andere wird zum Objekt verdinglicht. Das erstarkende narzisstische Ego begegnet im Anderen vor allem sich selbst.“ Und auf die Pandemie bezogen: „Die Menschen sterben einsam auf Intensivstationen, ohne jede menschliche Zuwendung. Nähe bedeutet Ansteckung. ‚Social Distancing‘ verschärft den Empathieverlust. Es schlägt in eine mentale Distanzierung um.“

Der Philosoph stimmt insofern mit der berühmten These vom „Ende der Geschichte“ überein, die Francis Fukuyama nach dem Niedergang des kommunistischen Ostblocks formulierte, als dass er in der Palliativgesellschaft, im Streben der Menschen nach Bequemlichkeit und Sicherheit, ein globales Prinzip erkennt. Hans „letzter Mensch“ ist allerdings „nicht notwendig an die liberale Demokratie gekoppelt. Er verträgt sich ohne Weiteres mit einem totalitären Regime“.

Byung-Chul Han: Palliativgesellschaft, Matthes & Seitz, Berlin 2020, 87 S., 10,- Euro.