Graffito mit dem Gesicht einer Person mit einer Mund-Nasen-Maske und dem Schriftzug „Mundtot“ in Berlin-Prenzlauer Berg.
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ZürichEs geht ein Gespenst um: der Cancelgott. Man sieht ihn nicht, aber er sieht uns. Er weiß, was wir vor fünf Jahren im Radio gesagt oder vor drei Jahren auf Facebook gepostet haben. Und nur so viel: Er ist oft nicht amused. In letzter Zeit gar noch weniger. Niemand hat ihn je gesehen, weshalb manche denken, dass es ihn gar nicht gibt. Aber wer heutzutage „mit den falschen Leuten“ eine Lesung, eine Kabarettvorstellung, ein Seminar abhält oder daran teilnimmt, vielleicht nur einen Kaffee trinkt, könnte eine Nachricht vom Cancelgott bekommen, also indirekt natürlich, denn auch dieser Gott spricht nur durch Auserwählte – dass man nämlich ausgeladen sei, „umstritten“, arbeitslos. Gecancelt eben.

Einen solchen Moment erlebten im Jahre 2017 der Biologe Bret Weinstein und seine Frau Heather Heying, beide damals Professoren an einem staatlichen College in Washington. An der Hochschule wurde von einer Studentengruppe ein sogenannter Abwesenheitstag veranstaltet. Alle Weißen sollten den Campus an einem Tag nicht betreten. Weinstein weigerte sich, mit rassischer Segregation auf das Thema Rassismus hinzuweisen. Wieso soll es ein Zeichen von Toleranz sein, wenn eine Gruppe der Mehrheit den Zutritt zum Campus verweigert? Es kam zu Querelen am Campus mit Studenten und zu einer Auseinandersetzung mit der Hochschulleitung, in dessen Zug Weinstein und Heying das College schließlich verließen. Gecancelt.

Verfechter der Meinungsfreiheit werden Außenseiter

Es ist ein seltsames, höchst beunruhigendes Spiel, das sich nicht erst seit gestern vor unseren Augen abspielt. Setzt jemand den Mechanismus des Cancelns und Ausgrenzens in Gang, kann das Mobbing bis zum Punkt der Auslöschung der bürgerlichen Existenz durch Stigmatisierung gehen. Ein Prozess, den Alexis de Tocqueville vor gut 200 Jahren als tyrannisches Element in der Demokratie identifizierte. Gecancelt wurde auf die eine oder andere Weise schon immer. De Tocqueville: „In den demokratischen Republiken geht die Tyrannei ganz anders zu Werk; sie kümmert sich nicht um den Körper, sondern geht unmittelbar auf den Geist los (…). Wir lassen dir das Leben, aber es ist schlimmer als der Tod.“ Warum gibt es das heute überhaupt noch?

In Weinsteins Fall war es nicht der Tod, sondern der Anfang. Denn es war zugleich der Startschuss für eine lose Vereinigung von Intellektuellen, die sich seitdem im Kampf um Redefreiheit und gegen Stammesdenken unter dem eher scherzhaft gemeinten Label „Intellectual Dark Web“ sammeln. Den Begriff prägte Weinsteins Bruder Eric Weinstein, Mathematiker und Management-Partner von Peter Thiel. Ihr Ziel: den freien, heterodoxen Gedankenaustausch pflegen, ohne auf Denkverbote Rücksicht zu nehmen.

Steven Pinker, Ayaan Hirsi Ali, Christina Hoff Sommers, Jordan B. Peterson, Sam Harris oder Jonathan Haidt zählen ebenso dazu, wie der YouTuber Joe Rogan oder die Gründerin des Online-Magazins „Quillette“, Claire Lehmann. Was sie eint, ist die schiere Lust an der Debatte, die gerne inhaltlich scharf sein darf, aber stets zivilisiert ist. Sie sind Anti-Stammeskrieger. Ihnen ist letztlich egal, ob Tribalismus, Identitätspolitik oder die Einforderung von politisch korrektem Verhalten von links, rechts, einer Religion oder Weltanschauung kommt. Gerade ist es nun mal der sektiererische Geist von Social Justice Warriors an Universitäten, der aus Verteidigern der Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit quasi Außenseiter gemacht hat – verkehrte Welt.

Heterodoxes Denken findet im Mainstream kaum statt

Das Programm kommt an. Ein mehrstündiges Gespräch zwischen Joe Rogan und Edward Snowden sahen 15 Millionen Menschen. Dafür muss in Deutschland schon ein bärtiger Mann „Supergeil“ singend durch einen Supermarkt tanzen. Das muss auch Journalisten schmerzen: Es ist in Zeiten des Internets doch tatsächlich einem Kampfsportler und (in der Sendung) cannabisrauchendem Ex-„Fear Factor“-Moderator gelungen, die weltweit größte Gesprächssendung im Internet zu etablieren und die interessantesten Köpfe für zwei, drei oder mehr Stunden in ein mehr oder weniger interessantes Gespräch zu verwickeln. Das gibt es sonst schlicht nirgends. Und deshalb ist die Sehnsucht danach auch so groß.

Heterodoxes Denken findet im Mainstream nicht statt, das war wohl noch nie anders. Was in der Zeit der Aufklärung öffentliche Salons in Paris waren, ist heute eben das World Wide Intellectual Dark Web. Thematisch kann es von Bitcoin über C. G. Jung zu Gechlechterbildern, Paleo-Diät, Taoismus, neue Theorien über das Universum, den Fall Jeffrey Epstein und natürlich Political Correctness, Deplatforming und Cancel Culture gehen. Das Intellectual Dark Web verbindet auf aktualisierte Weise Themen der 1960er-Jahre-Gegenkultur und die Technik-New-Age-Bewegung aus den 1980er-Jahren. Im Kern eint sie jedoch am ehesten die Krise des „Sensemaking“, der freien Urteilsfindung. Auf dem YouTube-Channel „Rebel Wisdom“ wird immer wieder ergründet, wie es gelingen konnte, die Standards von Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit so aufzuweichen, umzudeuten oder zu verraten, dass in der westlichen Welt ein realer Rückschritt hinsichtlich der Frage droht, wie wir in Zukunft Sachfragen von öffentlichem Interesse behandeln wollen. Kuratiert und eingehegt – oder frei?

Das Problem verengter Meinungskorridore ist inzwischen auch bei zahlreichen linksliberalen Intellektuellen angekommen. Vor kurzem unterschrieben mehr als 150 Intellektuelle rund um J. K. Rowling, Noam Chomsky, Salman Rushdie und Malcolm Gladwell einen Brief für eine offene Debattenkultur ohne Denkverbote und Public Shaming. Der Cancelgott ist für einige wenige in der kulturlinken Szene zwar immer noch ein Gespenst, aber man kann ja inzwischen nicht mehr ausschließen, dass er einen plötzlich selbst ins Visier nimmt.

Traurigste Religion der Welt

Man diskutiert ja neuerdings tatsächlich, ob man einen der erfolgreichsten deutschen Kinofilme, „Otto der Film“ von 1985, wegen Rassismusverdacht (das N*-Wort taucht auf) heute noch in den Kinos zeigen darf. Es klingt wie Realsatire, was gerade in der Kulturszene passiert. Aber das Lachen ist den meisten inzwischen vergangen. Ein Umdenkprozess findet statt. Es reift die Erkenntnis, dass es vielleicht doch einen gewichtigen Unterschied für das Klima einer Gesellschaft macht, ob jemand ein bestimmtes Brötchen beim Bäcker aus freier Entscheidung nicht kauft. Oder ob eine militante Gruppe den Bäcker so lange terrorisiert, bis er das Brötchen aus dem Sortiment nimmt, damit es auch all diejenigen nicht bekommen, denen es vielleicht schmeckt. Political Correctness ist die traurigste Religion der Welt.

Insofern ist das Intellectual Dark Web inzwischen der Ort, wo das Thema Kulturkampf im Westen am intensivsten diskutiert wird. Da das Stammesdenken überall zunimmt, nimmt auch der Bedarf an dezidierten Anti-Stammesdenkern zu. Es ist ja auch letztlich egal, ob die Cancel Culture von links, rechts, aus religiöser oder weltanschaulicher Motivation geschieht. Wenn am Ende der Bürger nur das bekommt, was durch diese Filter noch durchkommt, kann von freier Information nicht mehr die Rede sein.

Ach, linke Intelligentsia!

Die Mitglieder des Intellectual Dark Web zeichnet zudem aus, dass sie oft ihre eigene Gemeinschaft herausgefordert haben. Sie akzeptieren sich vielleicht auch deshalb leicht mit ihren unterschiedlichen politischen Einstellungen (die Weinsteins waren Sanders-Unterstützer, Ben Shapiro ist ein Anti-Trump-Konservativer und Dave Rubin Wähler der Demokraten). Denn bei ihnen geht es nicht um links oder rechts, sondern darum, das Denken als Spiel aufzugreifen, aus dem man möglicherweise schlauer herauskommt, als man hineingegangen ist – und sogar noch Spaß dabei hatte. Sie sind Menschen von der Sorte, die beim Fußball nicht bedingungslos ihrer Mannschaft frenetisch zujubeln, sondern die einfach nur ein schönes Spiel sehen wollen. Das setzt in Zeiten von Cancel Culture natürlich als erste Regel voraus: Das Spiel findet statt.

Der Podcast von Joe Rogan hat inzwischen knapp 10 Millionen Abonnenten, er selbst einen Exklusivvertrag mit Spotify. Jordan B. Peterson wurde mit dem Kampf gegen Political Correctness zum Bestsellerautor und einer der wirkungsmächtigsten Intellektuellen des Westens. Aus den Renegaten sind Stars geworden. Es sieht ganz danach aus, dass sich die Woke Left (die in den Denkmustern viel mit der Alt-Right-Bewegung zu tun hat) mit dem Geist der Cancel Culture einen Bumerang losgeschickt hat, der ihr in Form des Intellectual Dark Web gerade empfindlich in den Rücken fällt. Die Deutungsmacht über Debatten geht verloren, wie das im Fall der Cancel Culture gerade geschieht. In zunehmend unübersichtlichen Zeiten, in welchen der Zugang zu gesicherter Information genauso prekär ist wie immer, braucht es mehr Heterogenität im Debattenraum und nicht weniger.

Ach, linke Intelligentsia! Gebt doch endlich Gedankenfreiheit. Sie gehört nicht euch, sondern jedem, der sie sich nimmt. Was stand noch so schön auf der Postkarte von Joseph Beuys an seine Studenten: „Wer nicht denken will, fliegt raus.“ Das sollte auch heute noch das Motto sein, für den Debattenraum und alle öffentlichen Räume. Sonst kommen bald nur noch diejenigen rein, die auf das Denken verzichten. Ganz sicher: Ein Beuys wäre heute im Intellectual Dark Web.

Der Journalist Milosz Matuschek.
Foto: Enno Kapitza

Milosz Matuschek ist stellvertretender Chefredakteur des „Schweizer Monats“ und Kolumnist. Er arbeitet gerade an einem öffentlichen Appell europäischer Intellektueller gegen Cancel Culture und für freie Debattenräume.