John Muir (1838-1914)ein schottisch-US-amerikanischer Naturphilosoph und Autodidakt
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BerlinAllein in San Francisco und Umgebung werden über fünfzig Plätze und Dinge gezählt, die John Muir gewidmet sind. John who? In Deutschland kennen den amerikanischen Naturschützer nur Spezialisten, in den USA ist John Muir (ausgesprochen Mijur) auch mehr als hundert Jahre nach seinem Tod eine Berühmtheit. Nach ihm sind im ganzen Land Hunderte von Nationalparks und Wanderwege, Colleges und Highways, Kneipen und Hospitäler benannt; Bäume, Gletscher und Pflanzen tragen seinen Namen, und den 211 Meilen langen Wanderweg vom Yosemite-Nationalpark zum 4400 Meter hohen Gipfel des Mount Whitney in der Sierra Nevada haben Zigtausende Wanderfreunde aus alle Welt absolviert. Dieses Yosemite Valley durchstreifte Muir erstmals 1868, trittsicher wie eine Bergziege, und blieb dort, überwältigt von dessen Schönheit, mehr als ein Jahrzehnt. Er baute sich ein Blockhaus und erforschte die Natur in allen Erscheinungsformen, später auch in Alaska, Europa, Russland, Indien, Japan und Ozeanien. Muir, der mit Wasserfällen und Bäumen sprechen konnte, stiftete eine poetisch-spirituelle Naturphilosophie, rief 1892 den Sierra Club, eine der ersten Naturschutzorganisationen, ins Leben und initiierte eine große Protestbewegung gegen einen Staudammbau in Kalifornien.

Und nun wird weithin bekannt, was einige Kritiker schon vor Jahren herausgefunden hatten: dass dieser John Muir die weiße Rasse anderen für überlegen hielt, er eugenischen Theorien anhing und die „Wilderness“ durch Indigene, Schwarze und Juden verunreinigt sah. Und weitere Mitgründer des Sierra Clubs, heute noch einer der mitgliederstärksten und einflussreichsten Umweltverbände der Welt, teilten Muirs Vorurteile, einige dienten sogar einem Adolf Hitler als Vorbild. Nach der Ermordung von George Floyd bleibt das in der aufgeflammten Rassismus-Debatte nicht mehr ohne Folgen. Der Club-Vorstand hat sich schon klar von Muir distanziert und Artefakte mit seinem Namen zur Umbenennung freigegeben – was eine regelrechte Massenumtaufe auslösen dürfte.

Viele Bewunderer des Mannes wollen sein umfangreiches Werk von den rassistischen „Ausrutschern“ trennen – die nun in Zeitungen zu lesen sind und ganz dem Zeitgeist um 1900 entsprachen – und seinen Status als Ikone der Naturschutzbewegung bewahren. Doch so einfach geht das nicht. Antisemitische und rassistische Einstellungen passten gut ins antiurbane und modern feindliche Weltbild der frühen Umweltschützer, auch in Europa sind „braune“ Traditionen in die grüne Bewegung eingeflossen und wirken dort untergründig bis heute. Im Blick auf ihren Begründer fällt nun auf, dass die Ökologiebewegung eine weitestgehend weiße Bewegung war und ist; im Sierra Club und einigen Gegengründungen wird seit längerem problematisiert, wie wenig „people of colour“ als Mitglieder und Mitarbeiter tätig sind und wie relativ selten auch Nationalparks von ihnen aufgesucht werden. Muir hatte die Natur nicht in jedes amerikanische Wohnzimmer versetzt: Naturschutz gilt bis heute als Domäne der Weißen, die Aufarbeitung der Affäre Muir soll diese Einseitigkeit überwinden.

Anstößige Namen zu tilgen ist einfach, den Naturschutz zu überdenken der anspruchsvollere Teil der Revision. Als „Preservationist“ (Schützer) hatte John Muir stets eine radikale, tiefenökologische Position vertreten, die nicht nur an vermeintlich „Fremdrassigen“ Anstoß nahm, sondern im Grunde jeden menschlichen Eingriff in eine ihrer Eigendynamik überlassende Natur kritisiert. Dem gegenüber erachteten die „Conservationists“ (Erhalter) diesen Interventionsverzicht weder für machbar noch für wünschenswert und setzten auf eine nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen. Dass das im Kontext moderner Konsumgesellschaften eine anthropozentrische Übernutzung bedeutet, kann ein ökozentrisches Naturverständnis durchaus sinnvoll korrigieren.

Doch wenn Muir schon als amerikanischer Humboldt dargestellt wird, wie es Andrea Wulf in ihrer Biografie des Autors von „Kosmos“ getan hat – einer Schrift, die Muir überaus geschätzt hat –, dann lässt sich biologische Vielfalt nicht unabhängig von kultureller Vielfalt denken und sind beide Pole einer wirklich „kosmo-politischen“ Sichtweise: „Wenn wir versuchen, irgendetwas allein für sich herauszunehmen, entdecken wir, dass es an allem anderen im Universum festhängt“, paraphrasierte er von Humboldt und seine „Lektionen über Einheit und Wechselbeziehungen“. Ins Deutsche übersetzt ist nur Muirs Buch über „Die Berge Kaliforniens“, eingeleitet von Judith Schalansky. Das in der Reihe „Naturkunden“ im Matthes & Seitz Verlag gepflegte „Nature Writing“ trifft auf ein erfreulich breites Interesse, aber es darf nicht zum Auslöser von Weltflucht und Menschenverachtung werden.

Claus Leggewie ist Mitherausgeber der „Blätter für deutsche und internationale Politik“. Er war Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen. Zuletzt erschien: „Jetzt! Opposition, Protest, Widerstand“