Candides Geschichte beginnt mit einer Art Vertreibung aus dem Paradies. Allerdings ist es nur er, der mit einem Fußtritt aus der unschuldigen Kindheit hinausbefördert wird. Seine Liebe zur Königstochter Kunigunde ist nicht standesgemäß.

Was folgt, ist eine Reise durch die alte und die neue Welt in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Hier erfährt der Titelheld von Voltaires philosophischem Kurzroman nicht nur menschliche Gräuel – vom schlichten Diebstahl über Justizterror bis zu Kriegsverbrechen –, sondern wird auch mit den Kräften der Natur konfrontiert. Das Erdbeben von Lissabon krümmt ihm, dem Gutgläubigen, zwar kein Haar, aber beim anschließenden Inquisitionsgericht entkommt er nur knapp dem Tod.

Szenen wie die des Gerichts gehören zum Stärksten, was die Neuproduktion von Leonard Bernsteins „Candide“ zu bieten hat. Der reine Tor, der als Schelm durch die Welt kommt, trägt von Station zu Station seiner Reise neue Wunden davon, körperlich, aber auch seelisch, und in dieser Spirale der Desillusionierung zieht sich eine immer stärker werdende Traurigkeit über dem satirisch aufklärerischem Witz zusammen. Das macht Barrie Koskys Inszenierung sehr deutlich, indem sie die Gewalt, die dem Titelhelden widerfährt und ihn schließlich zum Mörder macht, zunehmend aus dem Bereich des Comic Strip herausführt und in Momente echter Anteilnahme umkippen lässt.

Was beim Lesen als spitzzüngig empfunden werden kann, wirkt als Erzählerstimme von der Bühne aus zunehmend öde

Als Candide, der ewig Suchende, wieder seiner Kunigunde gegenübersteht, muss er erkennen, dass er einem Trugbild nachgejagt ist. Kosky zeigt das nicht wie die Vorlage im simplen Verfall äußerer Attraktivität, sondern in der Erkenntnis psychischer Korruption. Hier treten sich die beiden fern aller Rollenspiele als echte Menschen gegenüber, und das Ergebnis ist alles andere als erfreulich. Liebe jedenfalls existiert nicht mehr. Was bleibt, ist der gute Vorsatz, sich anzustrengen, „ehrlich und bemüht, bis unser Garten blüht“.

Gedrechselte Verse wie diese entstammen einer 2017 für eine Weimarer Produktion entstandenen deutschen Übersetzung. Sie stehen der Pointensicherheit von Bernsteins Musik ebenso entgegen wie Voltaires Original, das in Koskys Inszenierung weite Strecken bestimmt. Was beim bloßen Lesen als spitzzüngig empfunden werden kann, wirkt als Erzählerstimme von der Bühne aus zunehmend angestrengt und öde. Franz Hawlata ackert sich mit forciertem Wiener Tonfall durch die Textmassen, so als glaube er selbst nicht ganz an deren dramaturgische Wirkung. Voltaire wusste schon, warum er hier die Prosa wählte.

Die Musikstücke werden zu Inseln, an deren Ufer man sich rettet

Bernsteins für den Broadway geschriebenes Stück, das man behelfsweise als Operette bezeichnen kann, floppte bei seiner Uraufführung 1956. In der Folge fand es eine ganze Serie von Umarbeitungen. Die Autoren-Riege auf dem Programmzettel dieser Aufführung zählt vierzehn Namen oder Institutionen, die an Text und Musik beteiligt sind, dazu kommen noch die kleinen und witzigen Eingriffe, die Kosky selbst an Voltaires Text vornimmt, etwa beim Auftritt einer „Putzfrau, die Martin hieß“, in deren beißendem Pessimismus Tom Erik Lie Abgründe des Komischen aufreißt. Insgesamt wirkt diese Version mit mehr als drei Stunden einfach zu lang.

Die Musikstücke werden so zu Inseln, an deren Ufer man sich mal mehr mal weniger gerne rettet. Das Orchester unter der Leitung von Jordan de Souza lässt die unterschiedlichen Tonfälle, mit denen Bernstein hier jongliert, gekonnt ineinander umschlagen, das Sentimentale findet ebenso wie das Zugespitzte seinen Platz.

Allan Clayton in der Titelrolle wirkt einfarbig und nicht immer ganz intonationssicher. Nicole Chevalier verleiht der Kunigunde kapriziöse Launenhaftigkeit. Als Stargast spielt Anne Sofie von Otter die lebenserfahrene Dienerin mit hippiemäßiger Gelassenheit, leider mehr sprechend als singend. Innere Heiterkeit strahlen die von Otto Pichler choreografierten Tanzszenen aus, in denen sich Geschlechterrollen spielerisch auflösen, als Utopie ein fröhlicher, aber immer fragiler Kontrapunkt zu der verdorbenen Welt, in der Candide Stück für Stück seinen Optimismus ausgetrieben bekommt.

Candide, wieder am 1., 12., 21. und 31.12., Komische Oper, Behrenstr. 55-57.