Fast klang es so, als hätte Thierry Frémaux in den vergangenen Jahren schrecklich gelitten: „Endlich wieder ein deutscher Film im Wettbewerb!“, hatte der künstlerische Direktor des Festivals von Cannes anlässlich der Bekanntgabe der diesjährigen Auswahl bemerkt. Aber das war dann doch eher ironisch gemeint. Jedenfalls müssen ihm die Klagen der deutschen Branche über die Abwesenheit einheimischer Regiearbeiten in der weltweit wichtigsten kinematografischen Konkurrenz in den Ohren geklungen haben. Seit 2008 hatte sich kein deutscher Film mehr um die Goldene Palme beworben, damals durfte Wim Wenders mit „Palermo Shooting“ dabei sein im Palais des Festivals an der Croisette. Nun soll uns Maren Ades neue Regiearbeit „Toni Erdmann“ wieder auf einen vorderen Platz hieven in der Bedeutungsrangliste der Filmnationen.

Spezieller Humor

Und Bedeutung behauptet Ades Film allein schon durch seine schiere Länge: In zwei Stunden und 45 Minuten Laufzeit wird hier die Geschichte eines 65-jährigen Musiklehrers mit enormer Humorbegabung erzählt, der mit seinem alten Hund zusammenlebt. Seine Tochter hingegen ist das absolute Gegenteil: eine ehrgeizige Unternehmensberaterin. Als der Hund stirbt, beschließt Papa, seinen Spross unangekündigt bei der Arbeit zu besuchen – mit Scherzgebiss und Sonnenbrille, wie man ersten Presseinformationen entnehmen durfte. Die machen einem durchaus leicht bange. Wird die internationale Filmfachwelt den wohl doch deutschen Humor von Maren Ades Hauptfigur nicht nur verstehen, sondern auch zu schätzen wissen? Wird die eigene physische Konstitution knapp drei Stunden Kino ohne Unterbrechung meistern in den doch sehr ökonomisch gestalteten Sitzreihen der Pressekinos?

Das sind so Fragen zu Beginn des 69. Festivals von Cannes. Bei dem sich selbstverständlich sämtliche A-Promis der Filmwelt, von Steven Spielberg über Julia Roberts und George Clooney bis hin zu Jodie Foster zeigen werden, wenn auch nicht unbedingt in der Wettbewerbskonkurrenz. In Letzterer hofft die 39-jährige Maren Ade gemeinsam mit zwanzig anderen Regisseuren auf die Goldene Palme, darunter so namhafte wie Pedro Almodóvar, Asghar Farhadi, Jim Jarmusch, Ken Loach, die Brüder Luc und Jean-Pierre Dardenne sowie Sean Penn.

Schwierige Wetterlage

Die Eröffnung verspricht schon mal gute Unterhaltung: Der nunmehr 80-jährige Woody Allen präsentiert außer Konkurrenz mit „Café Society“ zum dritten Mal einen Opener in Cannes; dieser hier ist eine Hommage ans Hollywood der 1930er.

Die Wetterlage stellt allerdings Regen und starken Wind in Aussicht für den ersten roten Teppich von Cannes am Mittwochabend. Wer sich dann am 22. Mai mit den Hauptpreisen von „le Festival“ geehrt fühlen darf, wird die Jury um den Oscar-Preisträger und Regisseur George Miller („Mad Max: Fury Road“) entscheiden. Sollte Maren Ade tatsächlich die höchste Auszeichnung gewinnen, wäre das eine Sensation: Als deutscher Filmemacher durfte sich zuletzt Wim Wenders freuen, 1984 über die Goldenen Palme für „Paris, Texas“. Sehr lang ist es her.