Acht Eisenbettgestelle, eine verkommene Toilette, ein verstopftes Waschbecken, gekachelte Flure im Neonlicht: Meisam hat Fotos gemacht und Videos von dem Flüchtlingslager in Eisenhüttenstadt, in das er aus Hamburg verlegt wurde. Er zeigt Löffel und Gabel, die er immer in der Manteltasche trägt. Man braucht sie zum Essen in der Kantine, abwaschen muss man sie in der Toilette. In Julia Oelkers’ Dokumentarfilm „Can’t be Silent“ ist Meisam der einzige Protagonist, der kein Musiker ist. Alle anderen sind Mitglieder der multikulturellen Band The Refugees, die 2012 mit dem Liedermacher Heinz Ratz und dessen Gruppe Strom & Wasser durch Deutschland tourten.

Meisam ist der beste Freund von Hosain, einem der beiden Rapper der Refugees. Hosain und Meisam kommen aus Afghanistan; sie haben sich auf der Flucht kennengelernt, in Athen. Meisam hat schon in Griechenland ein erstes Youtube-Video von Hosain gedreht. Jetzt ist der 18-Jährige bekannt bei afghanischen Jugendlichen. Seine Texte sind poetisch und politisch; ausgehend von seinem Schicksal behandeln sie Fragen der Identität, der Selbst- und Fremdwahrnehmung, thematisieren einen Bruch mit der Elterngeneration.

Julia Oelkers hat die Band auf ihrer Tour ein Jahr lang begleitet. Die Finanzierung des Films war entbehrungsreich, über Crowdfunding wurde Geld gesammelt, Mitwirkende verzichteten auf ihr Honorar. Oelkers stellt sich eindeutig auf die Seite ihrer Protagonisten. Sie zeigt deren Probleme mit der deutschen Bürokratie, ihre Angst vor staatlicher Willkür, ihre Lebensumstände. Und sie zeigt nicht zuletzt die Bigotterie der Bundesregierung, wenn es um eine humanere Flüchtlingspolitik geht. Klug beschränkt sich „Can’t be Silent“ auf wenige zentrale Protagonisten, die dann die notwendige Zeit bekommen, ihre Geschichten zu erzählen. Und es bleibt genug Zeit für die Musik.

Nuri aus Dagestan hat seine zehn Jahre in Deutschland im Status der Duldung verbracht; er rappt auf Deutsch und sagt, dass er irgendwann beschlossen habe, sich zu integrieren, wenn er hierbleiben wolle. Er wird gefragt, was das für ihn bedeute: Integration. „Sich abzufinden“, antwortet Nuri. Etwa damit, dass man den Ort, an dem man lebt, nicht verlassen darf. Es gibt dann noch zwei Musiker aus der Elfenbeinküste; es gibt Olga, die einzige Frau in der Band und als Einzige nicht von Abschiebung bedroht, und schließlich das Multitalent Sam aus Gambia. Als eine Schwierigkeit in seinem Flüchtlingsheim in Reutlingen – alle Protagonisten nennen ihre Unterkünfte übrigens „Lager“ – beschreibt Sam das enge Miteinander der vielen Kulturen. Was dort ein Problem ist, erweist sich auf der Bühne als Bereicherung: Die musikalische Auseinandersetzung mit dem jeweils anderen ist fruchtbar; „The Refugees“ sind musikalisch-multikulturelle Integration.

Dies ist nicht die einzige therapeutische Nebenwirkung des engagierten Projekts. So ist die Tour für die Musiker eine Chance, aus ihrem ziemlich hoffnungslosen, oft einsamen und entmenschlichten Alltag auszubrechen. Wesentlich geht es natürlich darum, die Flüchtlinge, die „Refugees“, der Öffentlichkeit als das zu präsentieren, was sie sind: Menschen, Individuen.

Can’t be Silent Dtl. 2013. Regie: Julia

Oelkers, Buch: Julia Oelkers, Lars

Maibaum, Musik: Strom & Wasser feat.

The Refugees, Kamera: Lars Maibaum, Line Kühl, Matthias Neumann,

Thomas Walther. 85 Minuten, Farbe.