Katharina Bäuml versucht, nicht in Panik zu geraten.
Foto: Anna Kristina Bauer

BerlinCapella de la Torre ist ein Ensembles für Alte Musik. Es besteht aus sieben bis 20 Musikern. Geleitet wird Capella de la Torre von seiner Gründerin Katharina Bäuml. Die Musikerin schloss ihr Studium der modernen Oboe mit Auszeichnung ab, bevor sie ihre Liebe zur Schalmei entdeckte. Das Ensemble tritt häufig mit dem Rias-Kammerchor auf. Die gemeinsame CD „Da Pacem – Echo der Reformation“ wurde 2017 mit dem Echo Klassik ausgezeichnet.

Frau Bäuml, wo sind Sie im Moment?

Ich bin zu Hause und versuche, mich zu arrangieren und trotzdem kreativ zu sein. Natürlich übe ich weiter. Im Moment sind es Diminutionen von Giovanni Bassano, einem venezianischen Komponisten an der Grenze zwischen Renaissance und Frühbarock. Das ist wirklich virtuos. Man übt sich die Finger wund daran, und genau das ist gerade gut.

Haben Sie einen festen Tagesablauf?

Noch nicht. Obwohl die Konzerte angehalten wurden, habe ich im Moment das Gefühl, dass der Stress größer ist. Dazu kommt die Sorge um die Musiker unseres Ensembles. Und die Angst um die italienischen Kollegen, mit denen wir zusammenspielen. Ich telefoniere jeden Tag mit einem Kollegen in Rom und versuche ihn zu stärken, damit die Traurigkeit ihn nicht überwältigt.

Wie viele Absagen haben Sie bisher bekommen?

In den vergangenen zwei Wochen waren es 17 Absagen, und es ist kein Ende absehbar. Das reicht bis in den September hinein. Wir hoffen zwar, dass sich daran noch etwas ändert. Aber die Absage für September hat mir bisher am meisten Angst gemacht, weil sie so früh kam. Es handelt sich dabei um eine Konzertreihe, die im März beginnen sollte und bis in den September hineingeht. Die Veranstalter haben sich entschlossen, die ganze Reihe abzusagen. Ob für den Sommer geplante Konzerte in Dänemark und in Frankreich stattfinden, ist noch offen. Ich weiß im Moment nicht, was besser ist: Wenn Veranstalter sagen, wir warten ab oder wenn sie sich gleich für eine Absage entscheiden. Meine Panik wird natürlich größer, wenn ich viele Absagen auf einmal bekomme. Andererseits weiß ich dann aber auch, woran wir sind.

Es gibt ja auch Verträge mit den Veranstaltern. Müssen keine Ausfallhonorare bezahlt werden?

Für die konkrete Veranstaltung gibt es einen Vertrag. Wann der genau ausgestellt wird, ist sehr unterschiedlich. Ich habe den Kalender immer mindestens eineinhalb Jahre im voraus im Blick und kümmere mich darum, dass wir genügend Auftritte haben. Wenn ich nach einem Ausfallhonorar fragte, hieß es in den ersten Tagen nach dem Verbot sämtlicher öffentlicher Kulturveranstaltungen oft lakonisch, nein, wir haben die Konzerte ja nur verschoben. Aber selbst wenn wir juristisch in der Lage wären, Ausfallhonorare einzufordern, würden wir lieber darauf verzichten: Einen Veranstalter, mit dem man gut zusammenarbeitet, zieht man nicht vor Gericht. Dennoch sind für uns als freies Ensemble schon Kosten angefallen: Die Reisen sind gebucht, das Büro hat gearbeitet – und das sind Kosten, die genauso im nächsten Jahr wieder entstehen. Erst jetzt gibt es andere Reaktionen. Manche Veranstalter fragen, wie sie uns helfen können.

Was haben Sie getan, um Ihre Fixkosten zu reduzieren?

Ich habe zunächst die Künstlersozialkasse, die KSK, darüber informiert, dass ich dieses Jahr voraussichtlich null Einkommen habe. Unsere wirtschaftliche Situation ist auch deshalb schwierig, weil sie durch eine aktuelle CD-Produktion belastet wird. Die Aufnahme ist gerade fertig geworden, es ist die letzte unserer CD-Reihe über die vier Elemente. Sobald sich die finanzielle Situation wieder verbessert, werde ich das der KSK selbstverständlich sofort melden. Unter anderen hat die Neue Musikzeitung eine Checkliste für Musiker veröffentlicht, etwa Informationen über einmalige Zahlungen der Verwertungsgesellschaft GVL. In unserem neuen  Blog capella-on-air findet sich der Link dazu. Über den Blog versuche ich aber auch, Verbindung zum Publikum zu halten, kreativ zu sein und die Leute auch weiterhin froh zu machen.

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Hat Ihr Ensemble keine Rücklagen gebildet?

Wenn man aus Stiftungsgeldern oder öffentlichen Mitteln gefördert wird, was bei uns ebenso wie in der gesamten Kulturszene immer wieder der Fall ist, dann darf man keine Rücklagen bilden. Man muss das Geld im Kalenderjahr oder im Projektzeitraum ausgegeben haben.

Staatsministerin Monika Grütters hat ein Soforthilfe-Programm für freie Künstler angekündigt. Kann das in Ihrer Lage greifen?

Es ist gut, dass unsere Not Gehör findet. Die freie Musikszene deckt Felder ab, die von institutionalisierten Orchestern nicht bespielt werden können. Wir haben ein anderes Repertoire, ein anderes Instrumentarium. Berlins Kultursenator Klaus Lederer hat vor ein paar Tagen Kultur als Lebensmittel bezeichnet, diese Wertschätzung hilft uns sehr. Auch die von Staatsministerin Monika Grütters geplanten Maßnahmen zeigen, dass sie unsere Situation versteht, dafür sind wir sehr dankbar.