Berlin - Bevor es um den Sport geht, müssen wir über Politik reden: Capoeira ist ohne Politik  nicht denkbar.  Der Sport   gründet auf Toten und Tränen aus vielen Jahrhunderten. Mehr als drei Millionen Afrikanerinnen und Afrikaner sind während der Kolonialzeit nach Brasilien verschleppt worden. Eiserne Halsbänder mit Ketten wurden ihnen von Sklavenhändlern um den Hals gelegt, sie wurden in Schiffe gepfercht. Wer auf der langen Reise meuterte, bezahlte mit dem Leben. Wohin immer sie verkauft wurden: Das Leid ging weiter. Rechtlosigkeit, Gewalt und Ausbeutung war das Schicksal der Verschleppten.

Capoeira ist aus dieser Unterdrückung entstanden: Da es den Sklaven verboten war, ihren Körper zu trainieren, versteckten sie ihre Übungen in einem Tanz.

Ein bisschen was von Zirkus

Als ich das Capoeira-Studio in einem Altbau am Kaiserdamm in Charlottenburg betrete, sehe ich Kinder die geduckten, flinken Bewegungen trainieren, und schlagartig wird mir bewusst, worauf ich mich eingelassen habe: Dies ist kein Fitnesstraining wie andere.  Es ist ein Ritual, ein Statement mit Armen und Beinen, ein Befreiungstanz.

Dass Capoeira etwas Fremdes, Faszinierendes ist, weiß ich seit vielen Jahren. Der französische Sänger Bernard Lavilliers hat schon in den 70er-Jahren ein Lied über Capoeira geschrieben, in dem er die verwegene und zugleich sehnsuchtsvolle Grundstimmung des Sports eingefangen hat. Das Lied geht mir in der Umkleidekabine durch den Sinn.

Die Gruppe, die sich um 18 Uhr in dem einstigen Ladenlokal  zusammenfindet, vereint Männer, Frauen, Mädchen, Jungen, Hellhäutige, Dunkelhäutige, Muskulöse und weniger Durchtrainierte. Platz für mich ist also allemal. Unser Trainingsleiter sticht heraus: Thilo Stöhr, 44, trägt ein knallbuntes Outfit aus einer  lockeren Hose und einem ärmelfreien T-Shirt. Das wirkt fröhlich und   nahbar, es hat ein bisschen was von Zirkus. Meine Mitstreiter sind ganz in weiß oder schwarz gekleidet.

Wir wärmen uns auf. Dazu läuft die typische Capoeira-Musik, Melodien voller Synkopen und wechselnden Rhythmen. Das lässt die Stadt vor dem Fenster verschwinden. Es scheint, als ob Bahia im Nordosten Brasiliens, der Geburtsort des   Capoeira,   näher gerückt ist.

Unsere Bewegungen werden von einem raumgroßen Spiegel reflektiert. Wir kommen gedoppelt aufeinander zu, bewegen uns voneinander fort. Zunächst in der sogenannten Ginga: Ein Bein wird nach hinten gestellt, der Körper wandert zurück, dann wieder vor, der Schritt geht zur Seite, das andere Bein geht zurück – ein schwingendes Dreieck entsteht. Ein Ellenbogen wandert hoch, um das Gesicht zu schützen. Tanzen, ja, aber auch kämpfen – darum geht es.

Der Ginga folgen weitere Bewegungsabfolgen: blitzschnelle Drehungen, Tritte in die Luft und ein tiefes Ducken, um den Tritten des Gegenübers auszuweichen. Ganz wichtig in der Capoeira: das Rad. „Kannst du Radschlagen?“, fragt mich Thilo. „Als Kind konnte ich es gut“, antworte ich und zweifele, ob die 40 Jahre, die seit meinem letzten Rad vermutlich vergangen sind, nicht zu lang waren, um noch einmal damit anzufangen. Ich lasse mir nichts anmerken und probiere mein Glück. Meine untere Hälfte will nicht hoch, und ich plumpse auf die Seite. „Hast du dir weh getan?“, fragt Thilo schnell. „Nein.“ Ich verziehe mich grummelnd in den hinteren Teil des Raums und übe das Rad. Kann doch nicht sein, dass ich das verlernt habe. Ohne Zuschauer geht es gleich viel besser. Ich fasse neuen Mut.

Friedrich Klucke, 27, Thilos Assistent, kommt, um mich zu unterstützen. Geduldig probt er mit mir einen Bewegungsablauf, der auch für Anfänger zu schaffen ist:. Zwei Personen winden sich elegant umeinander, was in unserem Fall dazu führt, dass wir häufig   kollidieren.   Aus dem Augenwinkel beobachte ich staunend, was die anderen machen.

Da ist Lina, die aus der Bewegung nach hinten in eine Brücke sinkt und sofort wieder auf den Füßen steht, Neil, der auf den Händen durch den Raum läuft, und Yohann, der sein rechtes Bein wie einen Uhrzeiger um die eigene Achse schnellen lässt. Die Capoeiristas, wie sich die Anhänger des Sports nennen, machen aus ihren Körpern Pfeil und Bogen, so scheint es. Mal sind sie biegsam und weich, mal fest und zielgerichtet – und das meist in unmittelbarem Wechsel. Lässt sich so etwas denn wirklich lernen?

Friedrich lacht. „Aber natürlich. Ich bin selbst erst seit fünf Jahren dabei“, sagt er. Der Psychologiestudent liebt die drei Trainingseinheiten pro Woche. Er habe durch Capoeira Freiheit gewonnen. „Man überschreitet seine Grenzen und sieht immer mehr, was möglich ist.“ Es sei der individuellste und zugleich gemeinschaftlichste Sport, den er erlebt habe.

Wie eng die Gruppe zusammengehört, spüre ich im zweiten Teil des Trainings: Thilo eröffnet ein sogenanntes Spiel;   auf   portugiesisch spricht man von einer Roda, auf deutsch von   Kreis oder   Runde. Er nimmt ein Instrument, die Berimbau, und beginnt, die Saite  zu  anzuschlagen, die in einen gebogenen Holzstock gespannt ist. Dazu singt er, und zwei Mitglieder der Trainingsgruppe spielen im Rhythmus Pandeiros, Tambourins mit Schellen. Die anderen klatschen dazu.

Zu der Musik treten jetzt immer zwei Capoeiristas in die Mitte. Sie machen erst ein paar Gingas, dann beginnt der Ernst: Sie schlagen um- einander Rad, bewegen sich auf ihr Gegenüber zu, das sich daraufhin duckt. Körperkontakt entsteht dabei nicht, es gibt keine Gefahr, verletzt zu werden. Das Ziel ist zu spielen – die Schönheit der Bewegung zu feiern, den anderen zu animieren, es  einem nachzutun, miteinander zu wetteifern um den höchsten Salto, das schnellste Rad.

Verschiedene Welten verbinden

Ich bleibe am Rand, bis Thilo mich in die Mitte zieht. Ich bin überrascht: Der blutigste aller Anfänger soll sich hier präsentieren? „Natürlich – komm doch“, sagt Thilo. Ich traue mich und merke, wie das anfeuernde Klatschen, das Wohlwollen der Erfahrenen mich trägt und es gar nicht schlimm ist, dass ich schon wieder in meinen Tanzpartner   hineingerannt bin. Ich werde   später auch noch   von Neil und von Lina aufgefordert – ganz egal, dass ich noch gar nichts kann.

Das Endorphin lässt nicht lange auf sich warten. Die Gemeinschaft in diesem Studio ist außergewöhnlich. Auf die Frage, was ihm Capoeira bedeutet, sagt Thilo, es gebe ihm „eine Art Seelenheil“. Er habe in den 14 Jahren, die er den Sport macht, gelernt, eigene und fremde Welten zu verbinden. Und auch wenn es ein Kampfsport ist: „Aggressionen haben darin keinen Platz.“   Wie singt doch Bernard Lavilliers: „La vie et la mort, c'est Capoeira.“ – Das Leben und der Tod, das ist Capoeira.