BerlinOben im Turm werden die einzigen Live-Weihnachtskonzerte gespielt, die es dieses Jahr in Berlin geben wird. Jeffrey Bossin wird Weihnachtslieder spielen. Lieder aus  Deutschland, der Ukraine, Frankreich, Sizilien, Österreich, England und den USA. Er weiß, was für eine Besonderheit sein Konzert in diesen Zeiten ist. Die drei Opernhäuser sind geschlossen, die fünf Sinfonie-Orchester dürfen nicht spielen, die Chöre nicht singen. „Das Carillon ist das Instrument der Stunde“, sagt Jeffrey Bossin. Denn das Publikum steht draußen unter dem Turm im Tiergarten, der das Konzertglockenspiel beherbergt. Es kann also alles pandemiegerecht vonstattengehen. Niemand muss drängeln, das Carillon in nächster Nähe zum Haus der Kulturen der Welt ist auch in einiger Entfernung noch vernehmbar. Es wird sich trotzdem eine Art von beglückender Gemeinschaft formieren – dort unter dem Turm. Wer bei einem der Konzerte an den vergangenen Adventssonntagen dabei war, hat es erfahren.

Jeffrey Bossin spielt das 48 Tonnen schwere Carillon seit 40 Jahren. Eigentlich waren Klavier und Klarinette seine Instrumente, aber da gab es dieses Glockenspiel hoch oben in einem Turm auf dem Campus seiner Universität in Kalifornien. Das machte Bossin neugierig. Der dortige Carillonneur gab ihm Unterricht.

1972 kam Jeffrey Bossin nach Berlin, er erwarb einen Magistertitel im Fach Musikwissenschaft an der Technischen Universität.  Als 1987 die 750-Jahr-Feier der Stadt bevorstand, sah er seine Stunde gekommen. Er machte den Vorschlag, Berlin möge doch endlich einen Carillonturm bauen, wie es schon König Friedrich I. hatte tun wollen. Dieser nämlich beauftragte 1694 den Architekten Andreas Schlüter, einen 92 Meter hohen Turm beim Stadtschloss dafür zu errichten. Aber der Bau stand auf Sand und musste wieder abgerissen werden. Friedrichs Sohn, König Friedrich Wilhelm I., schenkte das Carillon der Parochialkirche, ein zweites ließ er in der Potsdamer Garnisonkirche in­stal­lieren. Beide wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört. Jeffrey Bossin schlug dem Senat vor, die Tradition wiederzubeleben. 1987 spielte er das Einweihungskonzert.

Der Herr dieses Glockenspiels führt einen gerne durch den Turm und stellt sein Instrument vor. Nur ist das derzeit wegen Corona nicht möglich. Es ist ein Vergnügen, das man sich für die Zeit danach vornehmen kann. Man wird dann auf dem Weg nach oben zu dem Raum, in dem der Spieltisch steht, an den Glocken vorbei kommen. Die größte wiegt 7,8 Tonnen. „King Dong“, nennt Bossin sie. Das Berliner Carillon mit seinen 68 Glocken ist das viertgrößte der Welt. Es gibt auch viel kleinere, aber 23 Glocken sind das Mindeste.

Foto: Berliner Zeitung/Volkmar Otto
Glocken im  Carillonturm 

Die Berliner Glocken kommen aus der Gießerei Koninklijke Eijsbouts in Asten, Niederlande. In den Niederlanden und in Flandern, auf dem Gebiet des heutigen Belgiens, hat sich das Instrument im Mittelalter entwickelt. Von den 700 Carillons weltweit stehen die meisten in diesen beiden Ländern. In den Kirch- oder Rathaustürmen dienten sie früher als Signalgeber bei Feuersbrünsten, bei Angriffen, für die Einberufung von Ratsversammlungen und vor allem als Zeitmesser in einer Zeit, als es noch keine Armbanduhren gab. „Wenn ein Lehnsherr eine Stadt bestrafen wollte, dann hat er den Glockenturm beschlagnahmt“, sagt Bossin. Die Geschichte seines Instruments kennt er bis ins Detail. Er weiß etwa auch, dass das Carillon in der Parochialkirche schrecklich geklungen hat. Machen konnte man da gar nichts. So ein Instrument kann man ja nicht stimmen.

Foto: Berliner Zeitung/Volkmar Otto
Der Carillonturm im Berliner Tiergarten

Der vielleicht neun Quadratmeter große Raum, in dem das Carillon gespielt wird, hat Fenster nach allen Seiten. Die Aussicht ist großartig. Der Spieltisch nimmt fast den gesamten Platz ein. Für ihn hat Jeffrey Bossin amerikanisches Eichenholz gewählt. Er hat zwei Reihen mit Tasten, die unten für die Ganz-, die oben für die Halbtöne, 68 sind es insgesamt. Mit geballten Fäusten schlägt man sie an. Die tiefen Glocken, mit denen man die Bassläufe spielt, kann man nur über die 30 Pedale zum Klingen bringen. Drähte verbinden Tasten und Pedale mit den Klöppeln. Auf den ersten Blick wirkt das gar nicht so viel anders als bei einem Klavier. Aber die Glocken – einmal angeschlagen – hallen nach. Damit muss man umgehen können.

Wenig Musik ist eigens für die Carillons komponiert worden. „Es war eine musikalische Kuriosität, die man nicht ernst genommen hat“, sagt Bossin. Die Carilloneure behelfen sich damit, Klavierstücke für das Carillon umzusetzen. 

Nach den Konzerten wird Jeffrey Bossin vom Turm aus winken. Während er spielt, sieht er sein Publikum nicht. Aber wenn laut genug applaudiert wird, sagt er, könne er das auch zwischen den Stücken hören.

Weihnachtskonzert 25. und 26 Dezember jeweils um 14 Uhr, Carillon im Tiergarten. www.carillon-berlin.de