Carl Laemmle: Ein Held wie Oskar Schindler

Der deutsche Auswanderer Carl Laemmle gründete die Universal Studios, produzierte die erste Verfilmung von „Im Westen nichts Neues“ und rettete Hunderte deutscher Juden vor dem Holocaust. Ein Tauchgang in seine Geschichte.

Carl Laemmle
Carl Laemmleimago/piemags

Genau jetzt ist die Zeit, in der es sich lohnt, sich an Carl Laemmle zu erinnern. Den Gründervater Hollywoods, der nach Kriegspropaganda-Filmen im Ersten Weltkrieg eins der wichtigsten Monumente gegen den Krieg, gegen alle Kriege, produzierte: die erste Verfilmung von „Im Westen nichts Neues“. Den Oskar Schindler Kaliforniens, dem es durch unermüdlichen Einsatz bis zu seinem Tod im Jahr 1939 gelang, mehreren hundert Juden die Einwanderung von Deutschland in die USA zu ermöglichen – und damit die Rettung vor dem sicheren Tod.

Es ist jetzt die Zeit, sich an Carl Laemmle zu erinnern, weil – für viele Menschen bis vor kurzem noch unvorstellbar – in Europa wieder ein Krieg tobt und die Sinnlosigkeit dieses Unterfangens, die Tode, Verletzungen, Traumata auf allen Seiten immer wieder offenbar werden. Weil bei den Flüchtlingswellen der vergangenen Jahre klar wurde, wie stark sich die Festung Europa gegen Einwanderung rüstet und welche tödlichen Folgen das haben kann. Zur Zeit des Hollywood-Gründers waren es die USA, die mit knallharten Einwanderungsregeln selbst Juden, die in Deutschland Deportierung und Ermordung entgegenblickten, die Aufnahme erschwerten und oft sogar verunmöglichten.

Eine Biographie über Carl Laemmle

Außerdem ist gerade eine neue Verfilmung von Erich Maria Remarques Welt-Bestseller „Im Westen nichts Neues“ auf Netflix zu sehen: Regisseur Edward Berger hat es mit ihr zum deutschen Kandidaten für die Oscar-Verleihung 2023 geschafft. Die von Carl Laemmle produzierte Version gewann 1930 zwei Oscars, für den besten Film und die beste Regie – und war den Nazis ein Dorn im Auge. Nach der stark gekürzten Uraufführung im Mozartsaal des Neuen Schauspielhauses am Nollendorfplatz in Berlin, bei der unter anderem die Namen jüdischer Mitwirkender entfernt wurden, störten die Nazis nach einer Kampagne von Joseph Goebbels Aufführungen in Berlin und im ganzen Land, unter anderem mit Stinkbomben und dem Aussetzen weißer Mäuse, um Panik zu produzieren.

„Für Carl Laemmle war ‚Im Westen nichts Neues‘ das größte Geschenk seines Lebens, schöner als die Geburt eines Enkels“, sagt Gabi Bayer, die in Laemmles Geburtsstadt Laupheim lebt und gemeinsam mit ihrem verstorbenen Mann Udo Bayer jahrzehntelang zum Leben und Wirken des Hollywood-Mitbegründers geforscht hat. Udo Bayer hat mehrere Bücher dazu veröffentlicht, unter anderem eine Biographie.

1
1Imago /WHA United Archives

Die Auswanderung über Bremerhaven

Doch man muss nicht im schwäbischen Laupheim leben, wo des berühmten Sohnes der Stadt heute wieder an vielen Stellen gedacht wird, oder Bücher lesen, um mit der Geschichte des 1867 Geborenen in Kontakt zu kommen. Vielleicht ist längst ein Stück seines Weges mitgegangen, wer in den vergangenen Jahren das Auswandererhaus in Bremerhaven besucht hat, eines der spannendsten Museen der Bundesrepublik.

Es ist auch deshalb so spannend, weil seine Besucher mit ganz konkreten Auswanderer-Biographien auf die Reise gehen – und so zum Beispiel den Pass von Carl Laemmle in die Hände bekommen, dem Sohn eines jüdischen Viehhändlers aus Oberschwaben, der nach einer Lehre als Kaufmann im Jahr 1884 mit 17 Jahren zusammen mit einem Schulfreund in Bremerhaven an Bord eines Schiffes geht. Eines Schiffes, das ihn in ein neues, ein besseres Leben bringen soll.

In Laupheim gibt es jetzt ein Carl-Laemmle-Gymnasium

In kurzer Zeit lebt er dort tatsächlich, unterwegs von New York über Chicago und Oshkosh, Wisconsin, bis nach Los Angeles, den amerikanischen Traum vom Tellerwäscher zum Millionär. In seinem Fall: vom Laufburschen eines Drugstores zum Textilunternehmer, zum Betreiber von Nickelodeons (Fünf-Cent-Filmtheater) bis zum Gründer der Universal Motion Picture Manufacturing Company, die mittlerweile Universal Studios heißt – und Grundstein für die Hollywood-Traumfabrik war.

Wenn man heute mit Gabi Bayer aus Laupheim telefoniert, dann bekommt man in einem atemlosen Monolog ein gewaltiges Panorama geschildert, das das alte Hollywood wieder auferstehen lässt mit Figuren wie Charlie Chaplin oder Marilyn Monroe, das von Laemmles lebenslanger Freundschaft zu Erich Maria Remarque erzählt und von seinem Engagement für die deutschen Juden. Ihr Mann, mit dem sie seit 1988 zu Laemmle forschte,  erwirkte, dass das städtische Gymnasium heute Carl-Laemmle-Gymnasium heißt. Die Stadt vergibt seit 2017 den Carl-Laemmle-Produzentenpreis und hat ihm im Museum zur Geschichte von Christen und Juden eine eigene Abteilung mitsamt Kino gewidmet.

Carl Laemmle, in der Mitte Rechts mit Krücke, posiert für ein Eröffnungsfoto in Universal City am 15. März 1916.
Carl Laemmle, in der Mitte Rechts mit Krücke, posiert für ein Eröffnungsfoto in Universal City am 15. März 1916.imago/Ronald Grant Archive/Mary Evans

„Ohne Carl Laemmle wäre ich heute nicht am Leben“

„Vor der Machtergreifung hat er Laupheim immer wieder besucht und der Stadt viel Gutes getan“, weiß Gabi Bayer: „Turnhallen errichtet, für Armenspeisung gesorgt, für Organisationen egal welchen Glaubens Spenden gemacht. Er wurde sehr hofiert, bekam die Ehrenbürgerschaft, eine Straße wurde nach ihm benannt – was die Nazis natürlich rückgängig gemacht haben.“

Sie ist nicht die einzige, die heute versucht, sein Andenken hochzuhalten, seine Geschichte zu erzählen. Von Kalifornien aus ist zum Beispiel Sandy Einstein sehr umtriebig, der sagt: „Ohne Carl Laemmle wäre ich heute nicht am Leben.“ Seine Tante starb im Konzentrationslager in Riga. Sein Vater Hermann konnte der Judenverfolgung in Deutschland entgehen, weil er durch Carl Laemmle die Möglichkeit bekam, in die USA auszuwandern. Der Film-Unternehmer übernahm die Bürgschaft für die Einreise und ließ ihn über ein Jahr lang in seinem Haus in Beverly Hills wohnen.

Carl Laemmle übernahm Bürgschaften für Verfolgte in Deutschland

Sandy Einstein, der Öffentlichkeitsarbeit für Bands wie Journey oder Europe („The Final Countdown“) gemacht hat und mittlerweile im Ruhestand ist, kam erst nach dem Tod seines Vaters auf die Idee, nach seinen Wurzeln zu forschen – „durch eine Mischung aus Neugier und Langeweile“. Sein Vater habe nie viel über die Vergangenheit gesprochen – „wie viele Deutsche“. Irgendwann stieß er auf Udo Bayers Essay „Laemmle’s List“ und verstand, dass auch sein Vater unter den deutschen Juden war, den der Filmunternehmer gerettet hatte. Beide kannten sich aus Laupheim, wo Hermann Einstein Hebräisch-Lehrer an der jüdischen Schule war. Freunde wurden sie im Jahr 1929, als der Lehrer als Gast des Filmunternehmers zum Empfang der „Graf Zeppelin“, des ersten Luftschiffs, das die Welt umrundete, in Friedrichshafen eingeladen war.

Wie Hunderte anderer Juden rettete Carl Laemmle Hermann Einstein, indem er ein sogenanntes Affidavit ausstellte: eine vereidigte Versicherung, für einen Einwanderer zu bürgen. Als der Filmunternehmer in der Weltwirtschaftskrise 1936 gezwungen war, die Universal an einen Teilhaber zu überschreiben, wurde es immer schwieriger für ihn, seine Affidavits bei den zuständigen Behörden durchzubringen. Er ging dazu über, auch Bittbriefe an andere jüdische Prominente zu schreiben, damit sie ebenfalls Bürgschaften übernahmen.

Cory MacLauchlin und sein Buchprojekt über Carl Laemmle

Bis heute hält sich in den USA das Narrativ, die Amerikaner hätten bis weit in den Zweiten Weltkrieg die volle Dimension der Judenverfolgung und ihrer systematischen Ermordung im Hitler-Regime nicht erkannt. Menschen wie Sandy Einstein oder Udo Bayer, die sich mit Laemmles Biographie befassten, können anderes belegen: Der Universal-Gründer warnte bereits vor Hitlers Machtergreifung vor den verheerenden Folgen, die dieses Ereignis für die Juden in Deutschland und ganz Europa haben könnte. Er formulierte diese Warnung unter anderem in einem Telegramm an den amerikanischen Medienmogul William Randolph Hearst, Vorbild für die Titelfigur in Orson Welles Filmklassiker „Citizen Kane“. Das Telegramm blieb unbeantwortet, Hearsts Tageszeitungen berichteten wegen eines Deals mit Deutschland sogar lange positiv über die Nazi-Regierung.

Der Teil der Geschichte, in der Carl Laemmle vom energischen Warner zum selbstlosen Helden wird, der mit zahllosen Bürgschaften deutsche Juden ins Land holt, lässt Cory MacLauchlin nicht los. Der Englischlehrer und Publizist, der in der Nähe von Washington D.C. lebt und unlängst im Time Magazine einen Artikel über die Verfilmungen von „Im Westen nichts Neues“ und Laemmles Wirken veröffentlicht hat, recherchiert gerade an einer neuen Biographie des Universal-Gründers. Bei diesem Buchprojekt will er einen Fokus auf die Psychologie legen, die Hintergründe des humanitären Handelns ergründen.

Carl Laemmle war ein Held

Auf die Geschichte des deutsch-jüdischen Auswanderers ist MacLauchlin selbst durch Zufall aufmerksam geworden: Im Auswandererhaus Bremerhaven war er einer der Besucher, die mit Carl Laemmles Pass durch das Museum reisten. Dabei fiel ihm auf: „Mein Urgroßvater verließ Bremerhaven im selben Jahr. Es lagen nur ein paar Monate dazwischen.“

„Carl Laemmle brachte sich vielleicht selbst nicht so sehr in Gefahr wie Oskar Schindler“, sagt Cory MacLauchlin, „er agierte von seinem Anwesen in Los Angeles aus. Aber er war trotzdem ein Held.“ Er schrieb zahllose Briefe an Freunde und Geschäftspartner, damit sie Bürgschaften übernahmen, oder an das State Department zur Lockerung der Einwanderungsgesetze. An das Engagement heutiger Organisationen wie Sea Watch erinnert seine Eingabe an Franklin Roosevelt, als im Sommer 1939 etwa 900 Juden auf dem Dampfer „St. Louis“ festsaßen, der weder für Kuba noch für die USA eine Anlegeerlaubnis erhielt. Natürlich forderte Laemmle den Präsidenten auf, die Menschen landen und einwandern zu lassen – was letztlich nicht geschah.

Carl Laemmle und sein Engagement im Ersten Weltkrieg

„Ich denke, sein großes Engagement lässt sich auch mit seiner Rolle im Ersten Weltkrieg erklären“, sagt Cory MacLauchlin. 1917 war Carl Laemmle in das Geschäft der Kriegspropaganda-Filme eingestiegen, hatte zum Beispiel „Der Kaiser – Die Bestie von Berlin“ produziert. Filme wie dieser sollten die Bürger der isolationistischen USA von der Kriegsteilnahme überzeugen, indem sie die Deutschen als brutale Bestien darstellten, die Babys umbrachten und Frauen vergewaltigten. Das Problem: Der Einsatz von Propagandafilmen machte Schule. Wie man sie wirkungsvoll produziert, blieb auch Nazi-Minister Joseph Goebbels nicht verborgen, der sie natürlich für ein ganz anderes Ziel einsetzte.

„Schon an den Titelcovern von ‚Der Kaiser – Die Bestie von Berlin‘ und dem antisemitischen Nazi-Propagandafilm ‚Der ewige Jude‘ kann man Ähnlichkeiten erkennen“, sagt Cory MacLauchlin. Vielleicht wollte Carl Laemmle mit der Rettung deutscher Juden also auch korrigieren, was er im Ersten Weltkrieg getan hatte. So lautet zumindest eine publizistische These. So oder so lohnt sich eine weitere Beschäftigung mit der vielschichtigen Biografie des Auswanderers, der sich Zeit seines Lebens genauso als Deutscher wie als Amerikaner fühlte und eine Brücke zwischen beiden Ländern sein wollte.

Haben Sie Feedback? Schreiben Sie uns! briefe@berliner-zeitung.de