Dass ich noch mal mit Liebesromanen anfangen würde... nein, dieser ist ein Märchen. Es handelt zwar von einer alle Hindernisse überwindenden Liebe, aber auch vom Krieg und von der Macht des Erzählens. Es beginnt an einem Maimorgen 1919 mit einem lukrativen Angebot an die junge Krankenschwester Elizabeth, „das ihr Leben verändern wird.“ Ein Roman mit Kitsch- und Pathospotential und einer selbstreflexiven Literaturebene, die auch nicht ganz ohne Rutschgefahr ist.

Ein alter Mann bittet den Autor Carl Nixon, die Geschichte seiner Eltern aufzuschreiben. Der Schriftsteller findet die Geschichte irre, aber er weiß nicht recht, wie er anfangen soll: „Es war einmal. Das hat sich bewährt. Aber ich denke, jetzt und hier wäre es nicht das Richtige. Im Anfang war. Zweifellos der älteste und wirkmächtigste Anfang. Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen. Nein. Viel zu abgenutzt.“

Das wollen wir eigentlich gar nicht so genau wissen, ist aber eh nur ein seit dem 18. Jahrhundert gängiger Romantrick, um uns als Komplizen in die mehrfaserigen Erzählstränge zu verwickeln. Da blitzt der gewiefte Spannungsautor in dem neuseeländischen Schriftsteller durch. Carl Nixons erster auf Deutsch erschienener Roman „Rocking Horse Road“ stand wochenlang auf der Krimi-Bestsellerliste.

Das Trauma von Gallipoli

Elizabeth hat einen kleinen Sohn, lebt beengt bei den Eltern und wartet vergeblich auf ihren im Krieg verschollenen Mann. Um den Jungen an den immer wahrscheinlicher werdenden Verlust seines Vaters heranzuführen, erzählt sie ihm das Märchen vom Ballonfahrer, der in der Ferne wilde Abenteuer erlebt und Tigerkinder rettet, aber nicht heimkehren kann.

Nun soll sie bei einer reichen Frau ihres Alters deren kriegsversehrten und offenbar auch psychisch höchst gestörten Gatten pflegen. Als die Krankenschwester den Patienten zum ersten Mal besucht ist dieser am Fuß angekettet wie ein wildes Tier und er benimmt sich auch so. Sein Gedächtnis hat alles gelöscht, was er einmal wusste und war. Der erste Weltkrieg, in dem Neuseeländer und Australier für die Briten an der Meerenge der Dardanellen gegen die osmanischen Truppen (unter Mustafa Kemal, dem späteren Republikgründer Atatürk) kämpften und massenhaft starben, bedeutete für Neuseeland das Trauma von Gallipoli. Von diesen historischen Hintergründen erzählt Carl Nixon fast nichts – denn seine Geschichte in der Geschichte handelt auch davon, wie man Geschichten weglässt.

Der Mann ohne Gedächtnis an seine Vergangenheit nennt sich Lucky, der Glückliche, aber nur die Krankenschwester erkennt, dass er ein zukünftiges Leben lernen kann. Indem sie ihm die Welt neu erzählt, gewinnt sie sein Vertrauen. Als er im Irrenhaus abgeschoben werden soll, nimmt Elisabeth auch ihr eigenes Leben in die Hand. Im Märchen ist eben alles möglich – außer keinem Happy end.

Carl Nixon: Lucky Newman Aus dem Englischen von Stefan Weidle und Ruth Keen. Weidle, Bonn 2015. 277 S.,23 Euro.