Im Kosmos des Vaters, beim großen Johann Sebastian Bach, war alles geordnet nach Maß, Zahl und Gewicht: Leid und Erlösung, Entbehrung und Lust, Gesetz und Gnade. Noch war dieser Kosmos nicht zersprengt, schien aber für Carl Philipp Emanuel nicht mehr so selbstverständlich bewohnbar wie für seinen Vater. Wenn der zweitälteste Bach-Sohn dieses Heim doch bewohnt hätte, wäre er wohl einsam geblieben darin.

Seine Zeit interessierte sich kaum noch dafür, sondern mehr für das menschliche Ich mit seinen Gefühlen, die unvorhersehbar umschlugen. Galt für die Welt seines Vaters noch, dass es in jedem Musikstück eine Einheit des Affektes geben müsse, so fliegt beim Sohn das Empfinden jäh auseinander, besonders in seinen freien Fantasien für Klavier. Pausen durchschießen die Phrasen wie Schrecksekunden; Tonarten wechseln grell; die Sätze seiner Sonaten und Sinfonien brechen oft ab oder rasen in einen verminderten Septakkord hinein wie gegen eine Wand.

Ausrufen und Abbrechen

„Die Leidenschaften müssen stark sein. Die Zärtlichkeit des Musikus muss extrem sein“, schrieb Bachs Zeitgenosse Denis Diderot in seinem wirkmächtigen Buch „Rameaus Neffe“. Und weiter: „Wir brauchen Ausrufungen, Interjektionen, Suspensionen, Unterbrechungen, Bejahungen, Verneinungen, wir rufen, wir flehen, wir schreien, wir seufzen, wir weinen, wir lachen von Herzen“. Hans-Günter Ottenberg hat 1987 in seiner schönen Biografie über Carl Philipp Emanuel Bach diese Passage auf dessen Musik bezogen. Denn die Gesten des Ausrufens und Abbrechens bekommen in Bachs Musik viel größeres Gewicht als in jener der Vorzeit. Er selbst nannte es „das redende Prinzip“; aber „Rede“ war hier weniger im ordnenden Sinn von gedanklicher Erfindung, Ausarbeitung und Schlussfolgerung gemeint, sondern als Gemütskundgabe eines empfindsamen Menschen. Für den „empfindsamen Stil“ ist Carl Philipp Emanuel Bach der zentrale musikalische Autor.

Heute vor dreihundert Jahren in Weimar geboren, studierte er nach der Ausbildung bei seinem Vater zunächst Jura in Frankfurt an der Oder. Dort ereilte ihn der Ruf des Kronprinzen von Preußen, Kammercembalist zu werden. Bach nahm den Ruf erst an, als aus dem Kronprinzen schon König Friedrich II. geworden war.

Rebellion gegen die Vernunft

In sechsundzwanzig Berliner Dienstjahren entstand eine Fülle an Konzerten und Kammermusik, die der König wenig schätzte. Zwar war er sich mit Bach einig, dass Musik Sprache des Herzens sein sollte, aber auch sie musste sich galanten Formen fügen und nicht gegen die Oberaufsicht der Vernunft rebellieren. Bach bewarb sich 1767 in Hamburg als Nachfolger seines Patenonkels Georg Philipp Telemann auf das Amt des Städtischen Musikdirektors. So entkam er seinem finanziell großzügigen, charakterlich aber anstrengenden Dienstherren in Preußen. Nun gehörte die Kirchenmusik zu seinen Pflichten.

Außerhalb der Auftragsarbeit in Berlin und Hamburg schrieb Bach frühzeitig Musik aus eigenem Antrieb, die nicht auf Geschmacksnormen des persönlichen Umfelds, auf höfische oder kirchliche Funktionszusammenhänge bezogen war. Seine Klavierwerke entstanden für einen anonymen Markt von Liebhabern und wurden entweder im Selbstverlag oder beim baltischen Verleger Johann Friedrich Hartknoch gedruckt. Um die Auflagenhöhe abschätzen zu können, veröffentlichte Bach Subskriptionslisten, in die sich potenzielle Käufer der noch ungedruckten Werke eintrugen und zum Kauf verpflichteten – Umfragen als Risikokalkulation.

Carl Philipp Emanuel Bach ist ein Modellfall für die Verquickung von Kreativität und Kapitalismus. Während in kirchlichen und höfischen Zusammenhängen die Erfüllung von Gattungsregeln erstrebenswert war, so musste man auf dem freien Markt durch Originalität auffallen. Bach, europaweit berühmt, ist einer der ersten, für den der Begriff „Originalgenie“ von den Zeitgenossen gebraucht wurde. Um aber die Anonymität des Publikums mit einer Sprache des Herzens zu vermitteln, bedurfte es eines Kommentars, wie diese Musik zu spielen sei. Bach schrieb ihn selbst mit dem berühmten Lehrwerk „Versuch über die wahre Art, das Clavier zu spielen“. Es behandelt im Paragrafen 13 des dritten Kapitels die Einfühlung als Grundlage der Pianistik: „Indem ein Musikus nicht anders rühren kann, er sey dann selbst gerührt; so muß er nothwendig sich selbst in alle Affecten setzen können, welche er bey seinen Zuhörern erregen will; er giebt ihnen seine Empfindungen zu verstehen und bewegt sie solchergestalt am besten zur Mit-Empfindung“.

So wurde Carl Philipp Emanuel Bachs Musik der Auftakt einer Erziehung des Herzens zum flexiblen Menschen. Es begann der Freihandel der Gefühle. Wenn er am Ende seiner Hamburger Zeit wieder vermehrt auf die geistlichen Werke seines Vaters zurückgriff und in einer Klaviersonate sogar die Arie „Es ist vollbracht“ aus dessen Johannespassion zitiert, mag er wohl geahnt haben, dass die Seele geschützter war im Kosmos des Vaters.