Eine überraschende und doch naheliegende Wahl ist Kulturstaatsministerin Monika Grütters bei der Berufung der neuen Berlinale-Leitung gelungen. Der Italiener Carlo Chatrian, künstlerischer Chef des Filmfestivals von Locarno, war bisher eher als Außenseiter in der Riege der Kandidaten gehandelt worden. Vielleicht, weil seine Biografie auf den ersten Blick wie ein Gegenentwurf zu der des derzeitigen Berlinale-Direktors Dieter Kosslick wirkt.

Während Kosslick über die Politik in die Filmförderung und von dort zum Filmfestival kam, hat Chatrian, 1971 in Turin geboren, den klassischen, schlangenlinienförmigen Weg eines Filmliebhabers hinter sich: Nach seinem Studium der Geisteswissenschaften und der Philosophie hat er parallel als Filmkritiker gearbeitet, Filmbücher etwa zu Wong Kar-Wai und Nanni Moretti geschrieben und war schon in jungen Jahren für Festivals und Kinematheken in Paris, Turin, Florenz, Alba und Courmayeur tätig.

Ein paar Nummern kleiner als die Berlinale

Bevor Chatrian die künstlerische Leitung von Locarno übernahm, war er bereits mehrere Jahre Mitglied der Auswahlkommission und verantwortete die für das Festival so wichtigen, weil sehr aufwendigen und beispielhaften Retrospektiven. Dass er seit 2012 in Locarno die wichtigste Position bekleidet, ist der Offenheit des Schweizer Festivals für ein bewusst cinephiles Profil zu verdanken. Eine Stoßrichtung, die der Berlinale ebenfalls gut zu Gesicht stünde. Zumal es viele Parallelen zwischen den beiden Festivals gibt.

Das Festival von Locarno ist mit einem Budget von umgerechnet etwa zwölf Millionen Euro und mehr als 170.000 jährlichen Zuschauern allerdings ein paar Nummern kleiner als die 25 Millionen Euro teure Großstadt-Berlinale. Aber auch das Schweizer Festival versteht sich als Publikumsveranstaltung. Dabei gelingt es Locarno jedes Jahr, mitten im Hochsommer erstaunlich viele Besucher für sein Programm zu gewinnen, und das nicht nur mit den Vorstellungen auf der Piazza Grande mit ihren 8000 Plätzen.

Ein sehr vitales Festival

Chatrian hat sich darum verdient gemacht, künstlerische Experimente, Arthouse-Kino und Genreware in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen. 2017 etwa liefen der Festivalhit „Good Time“ mit Robert Pattinson neben „Atomic Blonde“ mit Charlize Theron auf der Piazza Grande und Filme des chinesischen Regisseurs Wang Bing und des Franzosen Serge Bozon im Wettbewerb. Angesichts der Konkurrenzsituation im Festivalzirkus spricht das Geleistete sehr für den Italiener. Und erst recht, dass seine Leistungen von der konservativen Presse wie der Neuen Zürcher Zeitung nicht immer entsprechend gewürdigt wurden.

Der Berliner Regisseur Christoph Hochhäusler, Unterzeichner eines Offenen Briefes, in dem im Herbst eine Reihe von Filmemachern einen Neuanfang bei der Berlinale gefordert hatten, sagt jetzt: „Locarno war in den vergangenen Jahren ein sehr vitales Festival, das in Sachen Retrospektive und Wettbewerb, aber auch in diversen Rahmenprogrammen und Veranstaltungen international für Aufsehen gesorgt hat. Insofern ist mir die Entscheidung willkommen, falls sie sich so bestätigt.“

Locarno wird oft unterschätzt

Chatrian ist nicht nur sehr gut vernetzt, sondern hat sich auch mit einem hervorragenden internationalen Team umgeben, angefangen bei dem Programmleiter Mark Peranson, nebenbei Herausgeber der kanadischen Zeitschrift Cinema Scope, die großen Einfluss auf Festivals und Filmemacher ausübt.

Über die Jahre hat sich Locarno zu einem kleinen Mekka für Filmliebhaber entwickelt. Die Faszination und der Ruf, die von dem Festival ausgehen, sind für ein letztlich dann doch so großes und heterogenes Unternehmen einmalig.

Dabei wird oft unterschätzt, dass Locarno bei der Anzahl an Filmen der Berlinale in nichts nachsteht. Bemerkenswert insofern, da es in der Schweiz gelingt, mit einer klarer definierten Reihen-Struktur die ebenfalls rund 400 Filme pro Jahr nicht als Überforderung erscheinen zu lassen. Es könnte damit zusammenhängen, dass in Locarno nur ein kleines Auswahlteam, das neben Chatrian nur vier Mitglieder zählt, für beinahe das gesamte Programm verantwortlich ist. Dieses Prozedere könnte von der Berlinale kaum weiter entfernt sein. Zwar gibt es in Berlin strenge Hierarchien, gleichzeitig aber auch eine Autonomie der vielen Sektionsleiter und des halb-unabhängigen Forums, von den unterschiedlichen Komitees und Unter-Komitees gar nicht zu sprechen.

Ein respektables Ergebnis

Eine der wichtigsten Fragen für die Zukunft der Berlinale ist deshalb, mit welchen Kompetenzen Chatrian ausgestattet wird. Man kann davon ausgehen, dass es eine Doppelspitze geben wird, doch offen ist, ob die neue Geschäftsleitung, deren Besetzung am Freitag von Monika Grütters verkündet werden soll, neben, über oder unter der künstlerischen Leitung angesiedelt ist. Chatrians Arbeit in Locarno war jedenfalls davon abhängig, dass der Präsident des Festivals, Marco Solari, ihm fürs Programm viel Freiraum ließ – trotz allem Druck etwa der Sponsoren.

Der Berliner Regisseur RP Kahl, selbst vor ein paar Jahren in Locarno zu Gast und auch ein Unterzeichner des Berlinale-Briefes, bleibt daher skeptisch: „Am Freitag wissen wir, ob Chatrian eine Aufpasserperson der deutschen Bürokratie dazu gestellt wird oder ein(e) Möglichmacher(in) im Hintergrund mit weitem Horizont.“ Selbst wenn es die von vielen geforderte offene Debatte um die Zukunft der Berlinale nicht gegeben hat, scheint nun ein respektables Ergebnis erzielt worden zu sein.