Carrie Remake: Fliegende Untertassen

Natürlich sind viele Stephen King-Verfilmungen einfach Mist und kein Anlass für filmhistorische Pietät. Ein neuer „Friedhof der Kuscheltiere“, ein neues „Brennen muss Salem“, ein neues „Es“, vielleicht sogar mal ein „Shining“, das sich stärker auf das Buch einlässt als Stanley Kubricks radikal eigenwilliger und großartiger Film, wären uns hochwillkommen. Aber warum muss nun ausgerechnet „Carrie“ durch die Remake-Prozedur, der in der Fassung von Brian de Palma nun wirklich der Glücksfall einer Stephen-King-Verfilmung ist?

Man leidet schon zu Beginn, während der Duschszene nach dem Sportunterricht, in der Carrie erstmals menstruiert und aufgrund konsequent sexualfeindlicher Erziehung nicht begreift, was mit ihr geschieht. Wie schaurig ambivalent klang 1976 Pino Donaggios süßlich-erotische Musik, während die Kamera durch den Wasserdampf auf nackte Mädchen spannte. 2013 kündigt der dumpf brodelnde Score von Marco Beltrami schon an, dass gleich etwas Schreckliches geschieht; und nackt darf hier auch niemand mehr sein. Nichts gegen Chloe Moretz, die nun im 16-jährigen Originalalter anstelle der damals 27-jährigen Sissy Spacek die Titelrolle spielt – und das ziemlich gut. Aber ist Moretz nicht von vornherein zu niedlich für diese Rolle, entwertet diese Niedlichkeit ihre telekinetischen Hexereien nicht zu nervigen Harry Potter-Späßen?

Fröhliches Bewegen von Tassen und Tellern

Tatsächlich enthält das neue Drehbuch von Roberto Aguirre-Sacasa nun Szenen, die Carrie beim fröhlichen Bewegen von Tassen und Tellern zeigen. Sehr hübsch, aber stand die Telekinese bei King nicht doch eher symbolisch für die Gewalt des sexuellen Erwachens und die neuen Kräfte der Adoleszenz?

Immerhin, man fiebert auch in diesem Remake mit, und „Carrie“ ist unstrittig immer noch eine verdammt gute Geschichte, hervorragend gebaut und in allen Handlungszügen bedeutungstragend. Allerdings hätte Aguirre-Sacasa, der als Autor von „Glee“ über weitreichende High-School-Erfahrungen verfügt, weiter gehende Anpassungen an den Zeitgeist vornehmen können. Für die Handlung hat es keinerlei Konsequenzen, wenn die böse Chris das Blutbad im Duschraum mit dem Smartphone filmt und dann ins Netz stellt.

Zentrale Themen unangetastet

Zentrale Themen der Vorlage dagegen bleiben unangetastet und wirken entsprechend altmodisch. Als Stephen King seinen Roman schrieb, war Sex etwas anderes als heute, ebenso die Religion. War Carries fundamentalistische Mutter damals schier hinterwäldlerisch, so ist ihr extremer Puritanismus heute wesentlich tiefer ins Herz der Gesellschaft vorgedrungen – Julianne Moore dagegen sieht 2013 eher noch schräger aus als Piper Laurie 1976. Und ist der Sex in den frühen 1970ern gerade mit nervösen Bedenken unter den Teenies freigelassen worden, ist er heute zu einem langweiligen Konsumartikel geworden. Solche Veränderungen stellt das Remake nicht dar – und verschenkt damit die Chance, souverän aus dem Windschatten des Originals aufzutauchen.

Als Inszenierungsleistung ist das Remake beachtlich, die Regisseurin Kimberley Pierce bleibt nah an den Figuren und zeigt auch deren Gespaltenheit. Anders als die meisten Remakes versucht dieses nicht, das Vorbild mit spektakulärer Optik zu übertrumpfen; in Sachen expliziter Gewalt und Spezialeffekte ist man, abgesehen von wenigen Momenten im Finale, zurückhaltend verfahren und ganz am Kern der Geschichte. Zuweilen fühlt man sich an das „Psycho“-Remake von Gus van Sant erinnert, in dem die Achtung vor dem Original zu einer Bild-für-Bild-Kopie führte. So radikal ist „Carrie“ von 2013 nicht. Es ist ein guter Film – aber den alten bekommt man dennoch nicht aus dem Kopf.

Carrie USA 2013, Regie: Kimberley Pierce, Drehbuch: Roberto Aguirre-Sacasa nach Stephen King, Kamera: Steve Yedlin, Darsteller: Chloe Grace Moretz, Julianne Moore, Portia Doubleday, Gabriella Wilde u. a.; 99 Minuten, Farbe. FSK ab 16.