Berlin - Nach anderthalb Stunden lässt mich Heinz Oelke doch noch an seine Angel. Ein wenig ängstlich schaut er dabei allerdings schon drein, als ich mich – erwartungsgemäß ungeschickt – am Wurfangeln versuche. Hat mir der 81-Jährige doch erzählt, dass die nur knapp 1,40 Meter kurze Angel schon seit Jahrzehnten in seinem Besitz ist und er Tausende von Stunden mit Tüfteln und Basteln zugebracht hat, um aus ihr ein optimales Sportgerät zu machen. Damit hat er immerhin schon zwei Weltmeistertitel im Castingsport – wie das Weit- und Zielwurfangeln offiziell heißt – geholt.

Und nun steht da ein ahnungsloser Reporter und schwingt das edle Stück, als wäre es das Lasso von John Wayne. Hoffentlich, so mag Heinz Oelke in diesem Moment denken, verwechselt der Amateur jetzt nicht Wurfangeln mit Angelwerfen.

„Bekloppte auf dem Rasen“

So viel vorweg – der Reporter hat dies nicht getan. Weltmeister Oelke hat seine Angel wohlbehalten zurückbekommen, und ich habe mal wieder eine Bestätigung dafür erhalten, dass ein einwöchiger Fischzug im Nordmeer längst keinen Angler aus mir macht. Erst recht keinen Wurfangler.

Mit dem Makel kann ich leben, vermutlich könnte ich in meinem Freundeskreis ohnehin nur wenig damit reüssieren, auf einer Wiese zu stehen und mit Angelhaken über Dutzende Meter hinweg zielgenau in Stoffkreise und Wasserschüsseln zu treffen. Frank Börner vom Deutschen Anglerverband (DAV), der an diesem Tag im Stadion Buschallee in Weißensee den Schiedsrichter beim Herbstturnier gibt, erinnert sich daran, was sein Sohn nach der ersten Begegnung mit Wurfanglern gesagt hat: „Da stehen ein paar Bekloppte auf dem Rasen und angeln“, erinnert sich der Referent für Castingsport im DAV-Landesverband und lacht. „Unser Sport mag für den Außenstehenden nicht gerade attraktiv erscheinen. Aber wenn man einmal Blut geleckt hat …“

Die rund ein Dutzend älteren Herren beim Herbstturnier im Stadion Buschallee sind längst süchtig nach ihrem Sport. Zwar angeln sie ab und zu auch einmal nach Fischen in einem See; aber den eigentlichen Spaß – das bestätigen alle – haben sie, wenn die Schnur mit der kleinen, aus Wolle geformten Fliege an ihrem Ende durch die Luft surrt und ins Wasser der zwischen acht und 13 Meter entfernt stehenden flachen Schalen platscht. Oder das siebeneinhalb Gramm schwere Gewicht an der Schnur auf die gelben Metallscheiben klackt, die in zehn bis 18 Meter Entfernung angeschrägt im Gras liegen.

Jeder Treffer bringt Punkte. Und wer die meisten Punkte hat und noch dazu große Weiten beim Werfen schafft, der wird am Ende Turniersieger. Oder eben auch Weltmeister. Und Weltmeister stehen an diesem Sonntag einige auf dem Rasen im Stadion Buschallee.

Zeit für einen kleinen Exkurs. Casting, das man auch unter den Begriffen Trockenangeln oder – so hieß es in der DDR – Turnierwurfsport kennt, ist eine mehr als 150 Jahre alte Präzisionssportart. Erfunden haben sie die Amerikaner, die 1864 den ersten Wettkampf austrugen. 1923 hatte Casting seine Premiere in Deutschland, als das erste Turnier auf dem Tempelhofer Feld stattfand.

Damals wie heute werden an der Angelschnur befestigte Fliegen oder Gewichte auf unterschiedliche Ziele und so weit wie möglich geschleudert. Beim Weitwurf etwa schaffen die Besten Weiten an die 100 Meter.

Alles klar, nun kann es losgehen. Ich hole aus und schwinge Oelkes Spinnangel, um mit dem Gewicht am Schnurende ein imaginäres Ziel im Gras zu treffen. Einhändig übrigens, wobei ich mit dem Zeigefinger die Sehne festhalte, damit die Rolle mit der Angelschnur nicht schon beim Schwungholen durchdreht. In dem Moment, wo die Rutenspitze sich in Richtung Ziel bewegt, hebt man dann den Zeigefinger an, und schon surren Schnur und Rolle los. Die Rolle surrt bei mir übrigens noch, als das Gewicht an der Schnur längst irgendwo im Gras liegt – ich habe nämlich vergessen, sie mit dem Zeigefinger zu stoppen.

Überhaupt habe ich keine gute Figur gemacht, wie mir Weltmeister Oelke anschließend sehr geduldig erklärt – der Schwung darf nämlich nicht wie bei mir aus dem ganzen Körper kommen, sondern nur aus dem Handgelenk. „Sonst verreißt du den Wurf und das Gewicht landet sonst wo.“

Eigentlich wollte er Raubfische angeln

Oelke ist 1961 zum Wurfangeln gekommen. „Ich bin damals in den Anglerverband eingetreten, und da musste man, wollte man Raubfische angeln, eine Prüfung ablegen“, erinnert er sich. „Bei dieser Prüfung ging es darum, auf einer Rasenfläche die Angel so zu schwingen, dass der vermeintliche Köder auf einem Zieltuch landet. Mir hat das großen Spaß gemacht, so wurde ich Wurfsportler und sogar Übungsleiter in meinem damaligen Verein in Friedrichshain.“

360 Mitglieder hatte da der Verein, ein knappes Viertel davon waren Jugendliche. Turnierwurfsport war ja auch ein angesehener Sport in der DDR, es gab eine Nationalmannschaft, die viele internationale Titel holte.

Und was fasziniert den 81-Jährigen bis heute so am Casting? „Jeder Wurf ist anders“, sagt Oelke und fängt an zu schwärmen. „Du bist ja keine Maschine, gibst mal mehr, mal weniger Schwung. Dann weht da noch der Wind. Du musst also im Flug entscheiden, wann du zugreifst, die Rolle stoppst, das Gewicht ins Ziel ziehst. Eine Harmonie von Körper, Bewegung und Gefühl ist dafür nötig, und ein klarer Kopf.“

Nachwuchs fehlt

In der Seniorenklasse hat Oelke 50 deutsche und zwei Weltmeistertitel geholt. Viele seiner Mitstreiter beim Herbstturnier, die fast alle im Rentenalter sind, können eine ähnliche Erfolgsbilanz aufweisen. Und der Nachwuchs? „Der fehlt leider“, sagt Oelke. „Für die jungen Leute heutzutage ist unser Sport, bei dem es sehr auf Präzision, Konzentration und Ruhe ankommt, wahrscheinlich nicht aufregend genug.“ Heute gebe es berlinweit nur noch rund 50 Wurfangler, darunter ein paar „Gelegenheitswerfer“, wie sie Oelke nennt. Dabei gebe es sommers wie winters viele Turniere in ganz Europa, sagt der 81-Jährige. Er selbst sei oft in Tallinn gewesen, in Poznan, in Slowenien, Kroatien, Schweden …

Und dann muss Oelke wieder ran. An der Station „Gewicht Präzision“ muss er aus fünf unterschiedlichen Entfernungen jeweils zweimal auf eine auf dem Rasen ausgebreitete Zielscheibe mit mehreren Ringen treffen. Maximal kann er 100 Punkte erreichen. Oelke schafft 92. „Ich bin zufrieden“, sagt er und lächelt.